Interview mit The xx-Sänger Oliver Sim

Soloalbum verarbeitet frühe HIV-Infektion

22. Sept. 2022 Marcel Anders
Bild: Casper Sejersen

Dass Oliver Sim, der 33-jährige Bassist/Sänger der Band The XX, schwul ist, war nie ein Geheimnis. Ganz im Gegensatz zu seinem positiven HIV-Status, den er nun in einer regelrechten Beichte ins Zentrum seines ersten Soloalbums stellt. Doch die sanften Indiepop-Songs von „Hideous Bastard“ halten noch andere Überraschungen parat. Marcel Anders traf den Künstler zum Gespräch

Oliver, „Hideous Bastard“ ist ein Album voller Bekenntnisse geworden. Wie kam‘s? Ich hatte nicht die Absicht, ein so bekenntnisreiches Album zu machen. Ich habe die ersten paar Songs geschrieben und gemerkt, dass Angst und Scham durchgängige Themen sind. Wenn die Leute sagen, dass diese Musik ehrlich ist, ist das wunderbar, aber das ist kein Wort, mit dem ich in meinem Leben oft beschrieben wurde. Es ist viel einfacher für mich, beim Songwriting ehrlich zu sein als in einem Gespräch, wenn ich jemandem gegenüberstehe und Augenkontakt habe ... gruselig! Mir wurde klar, dass Angst und Scham in meinem Leben durch Geheimhaltung und Verstecken entstanden sind. Der beste Weg, mit diesen Gefühlen umzugehen, schien mir, sie direkt anzusprechen, sie an die Oberfläche zu bringen. Das ist es, was ich auf diesem Album gemacht habe. Ich spreche Dinge aus mit dem Ziel, mich ein bisschen mehr im Frieden mit mir selbst zu fühlen.

„Aber natürlich fault genau das, was ich zu verbergen versuche, dann vor sich hin."

Eine Sache, die du auf der Platte aussprichst, ist deine HIV-Infektion. Warum hast du sie so lange unter Verschluss gehalten? Weil ich dachte, das wäre die Art, wie man damit umgeht. Im Sinne von: Ich wollte die beste Version von mir präsentieren – die attraktivste und liebenswerteste –, während ich all die Sachen, die ich an mir nicht mag, einfach verheimliche. Aber natürlich fault genau das, was ich zu verbergen versuche, dann vor sich hin. Insofern war es höchste Zeit, sich dem zu stellen. Deshalb „Hideous“, ein Song in dem ich über meine HIV-Infektion spreche, die ich schon 16 Jahre mit mir herumtrage – und von der ich nur Leuten erzählt habe, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann.

Hattest du Angst davor, dass die Infektion Auswirkungen auf deine Karriere mit The XX haben könnte? Ich hatte ein riesiges Schamgefühl – so groß, dass ich nicht wollte, dass es jemand erfährt, der damit vielleicht nicht umgehen kann. Mag sein, dass das unberechtigt war. Aber je mehr Gedanken man sich in dieser Art macht und je stärker solche Gefühle werden, desto verzerrter und verschrobener muten sie an. Bei bestimmten Personen wusste ich einfach nicht, wie sie reagieren würden.

Aber wir leben nicht mehr in den 1980ern und 90ern – die Hysterie in Bezug auf HIV ist nicht mehr so krass wie früher, oder? Das stimmt. Trotzdem herrschen da draußen viel Unwissenheit und Ignoranz. Dabei ist die Behandlung von HIV mittlerweile unglaublich effektiv. Und die Medizin, die ich bekomme, sorgt dafür, dass ich wahrscheinlich ein sehr langes und gesundes Leben führen werde. Mehr noch: Ich kann es nicht an andere weitergeben, und die einzige Art, in der mich die Krankheit wirklich beeinträchtigt, ist mental. Eben durch dieses Stigma der Schande und die Zweifel, wie andere Leute darauf reagieren.

„Ich habe immer noch Ängste, ich fühle immer noch Scham."

Mit gerade mal 17 ein positives Testergebnis zu bekommen muss ein Schock gewesen sein. Wie verzweifelt warst du? Unglücklicherweise ist mir das in einem Alter passiert, das sehr prägend ist – ich hatte gerade angefangen, meine ersten Erfahrungen zu machen. Dann gleich mit HIV diagnostiziert zu werden, hat sofort wieder alle Türen geschlossen. Es hat dafür gesorgt, dass ich extreme Angst vor der Welt da draußen bekam – und vor meinem Körper und meiner Sexualität. Es hat ewig gedauert, bis ich verstanden habe, das nicht zu dämonisieren.

Wie lange hast du in diesem mentalen Loch festgehangen? Ich bin immer noch dabei, mich daraus zu befreien. Deswegen habe ich auch nie ein Vorbild oder Sprachrohr sein wollen – weil ich längst nicht an dem Punkt bin, da ich komplett in mir gefestigt bin. Ich habe immer noch Ängste, ich fühle immer noch Scham. Weniger als früher, aber sie sind immer noch da.

„Natürlich mache ich da mit, aber ich hoffe, du gehst dieses Album aus den richtigen Gründen an, nämlich allein für dich.“

Du hast dich an Elton John, Jimmy Somerville und John Grant gewandt – warum? Weil es höchste Zeit war, ein paar Freunde außerhalb meiner Band zu finden – gerade unter den queeren Künstler*innen, die den Weg für uns alle geebnet haben. Jimmy habe ich schon lange bewundert. Nicht nur, weil er eine meiner Lieblingsstimmen hat, sondern weil er ein furchtloser Aktivist in Sachen LGBT, HIV und Aids war bzw. sich für Organisationen wie Act Up engagiert hat. Außerdem macht er fantastische Musik. Die Art, wie ich den Kontakt gesucht habe, war ziemlich fanmäßig. Eben: „Hi, Mr. Somerville, mein Name ist Oliver, ich spiele in einer Band namens The XX und ich liebe Sie.“ Wir sind durchs Hin- und Hermailen schnell Freunde geworden. Und sobald es Covid erlaubt hat, habe ich ihn in Brighton besucht. Wir haben über alles Mögliche gesprochen – auch über den Song „Hideous“, der einen Part enthält, den ich eigens für ihn geschrieben habe: den eines Schutzengels. Und er war so nett zu mir. Er meinte: „Natürlich mache ich da mit, aber ich hoffe, du gehst dieses Album aus den richtigen Gründen an, nämlich allein für dich.“ Er war da also sehr fürsorglich. Gleichzeitig ist er auch so witzig und albern. Er meinte zum Beispiel: „Wenn ich ins Studio komme, dann erwarte bitte nicht die hohen Töne, wie ich sie vor 30 Jahren getroffen habe.“ Dabei klang er letztlich besser denn je. Ich hätte fast geweint, als er anfing zu singen. Und was meine Bekanntschaften mit Elton, John Grant oder auch Anohni betrifft, so haben sie mir einiges bewusst gemacht. Ich habe zum Beispiel oft gesagt, dass ich das Gefühl habe, in meiner Kindheit hätte es nicht genug schwule Persönlichkeiten in Film, Fernsehen und Musik gegeben. Aber als Elton in den 50ern großgeworden ist, war da schlichtweg niemand. Jetzt ist er derjenige in meinem Freundeskreis, der sich am meisten für neue Musik und neue Dinge interessiert. Ich finde es cool, dass er sich diese Leidenschaft bewahrt hat.

„Ich fühle mich geliebt und erlaube anderen, mich zu lieben und zu umarmen.“

Jimmy Somerville tritt auch in dem Kurzfilm auf, den du zur Single „Hideous“ gedreht hast und als „queer horror flick“ bezeichnest. Warum diese Art der Visualisierung? Für mich ist das Album wie ein Film. Und ich liebe Horrorfilme, weil sie nicht nur furchteinflößend, grausam und extrem düster sein können, sondern auch sehr emotional, mitunter lächerlich und camp. Genau das mag ich daran. Denn es ist doch so: Werde ich mit einem Kunstwerk konfrontiert, das mich geradezu anbrüllt: „Ich bin ehrlich und echt“, ist meine Reaktion: „Das ist so heuchlerisch. Entzünde lieber meine Vorstellungskraft, gib mir eine Fantasie, ein Abenteuer.“ So bin ich. Deshalb enthält meine Musik nicht nur traurige Momente, sondern auch jede Menge Spaß – selbst, wenn ich gleich im ersten Song mit der Tür ins Haus falle und sage, wo mein Problem liegt. Aber das Ganze endet mit einem Song namens „Run The Credits“ – und darin umarme ich das Monster, als das ich mich über Jahre gefühlt habe. Das ist das Ende des Albums und des Films: Ich fühle mich geliebt und erlaube anderen, mich zu lieben und zu umarmen. Wie Jimmy, der meinen Schutzengel spielt.

„Ich bin auf dem besten Weg, schön und stark zu werden."

Du hast dich wirklich für ein Monster gehalten – nur wegen der HIV-Infektion? Für eine Mischung aus Patrick Bateman, Norman Bates und Hannibal Lecter. Das sind Charaktere, die ich liebe und die für mich eine unterdrückte Art von Queerness verkörpern. Norman Bates wurde zum Beispiel so von seiner Mutter unterdrückt, dass er einerseits einsam und verletzlich ist, andererseits aber ein gefährlicher Psychopath. Das fasziniert mich. Genau wie Hannibal Lecter, der sich so artikuliert und gepflegt präsentiert, aber absolut bösartig ist. Diesen Gegensatz finde ich spannend. Und deshalb bedeuten mir diese Charaktere viel – genau wie die „wütenden Frauen“, wie ich sie nenne: Jamie Lee Curtis, Sigourney Weaver oder Buffy The Vampire Slayer. Sie sind schön, extrem weiblich, aber doch zornig und kraftvoll. Sie sind das, was ich immer sein wollte.

Wie nahe bist du ihnen heute? (lacht) Ich bin auf dem besten Weg, schön und stark zu werden. Ein wunderbarer Gedanke …

Oliver Sims Album „Hideous Bastard" (Young/Beggars), ist seit dem 09.09. im Handel erhältlich. Am Mittwoch, dem 26.10. um 20 Uhr ist der Künstler live im Berliner Admiralspalast zu sehen.

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