Musical über Solidarität und queere Liebe

Berlin-Premiere vom Musical „Come From Away“

30. Mai 2026 Karin Coper
Bild: Stageink / Stagies Berlin e.V.
Das Postermotiv der Berliner Neuproduktion

Die Theatergruppe Stagies bringt das international gefeierte LGBTIQ*-Musicals „Come From Away“ endlich nach Berlin, mit Amateur-Darsteller*innen und viel Herzblut

Wenn plötzlich 7.000 Fremde vor der Tür stehen und niemand weiß, wie die Welt morgen aussieht: Genau davon erzählt das Musical „Come From Away“, das jetzt seine verspätete Erstaufführung in Berlin erlebt.

Die 2016 gegründete semiprofessionelle Truppe Stagies Berlin – eine bunte Mischung von Menschen, die mit viel Herzblut und Engagement singen, schauspielern und tanzen, so die Selbstbeschreibung – bringt das 2015 uraufgeführte Stück von Irene Sankoff und David Hein mit Liveband und vierzehn Darstellenden auf die Bühne im Weddinger Centre Français de Berlin.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wird der US-Luftraum gesperrt. 38 Flugzeuge landen ungeplant im kanadischen Gander.

Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wird der US-Luftraum gesperrt. 38 Flugzeuge landen ungeplant im kanadischen Gander auf Neufundland. Innerhalb weniger Stunden verdoppelt sich die Einwohnerzahl der Kleinstadt, und Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, müssen plötzlich miteinander klarkommen.

Das Besondere an „Come From Away“: Es gibt keine klassischen Held*innengestalten oder glamourösen Showeinlagen. Stattdessen stehen ganz normale Leute im Mittelpunkt – Pilot*innen, Busfahrer*innen, Lehrer*innen, Passagiere –, die unter Ausnahmebedingungen Mitgefühl und Solidarität zeigen.

Die schwulen Kevins

Auch queere Geschichten finden hier Raum. Unter den Passagieren sind zwei schwule Kevins, deren Beziehung an den Erlebnissen in Gander zerbricht. Eine zweite Annäherung deutet sich hingegen an. Denn Regisseur Matthias Busch fügt eine zart aufkeimende Romanze zwischen der Reporterin Janice und Chrystal, einer Café-Angestellten im Ort, ein, wie er im Gespräch mit SIEGESSÄULE vorab verrät.

Busch hat „Come From Away“ vor einigen Jahren eher zufällig in London entdeckt. „Als ich das Musical das erste Mal im West End sah, war es eher Zufall. Ich war da, hatte Zeit, und die Tickets waren günstig. Hinterste Reihe, ganz oben, Begeisterung von der ersten Sekunde an. In den Folgemonaten war ich noch zweimal dort“, sagt er.

Die Kulisse besteht aus Kisten und Gebrauchsgegenständen, auf denen Schreckensnachrichten aus damaligen Zeitungsartikeln abgebildet sind.

Dabei betont er, dass seine Fassung nicht von vorherigen Inszenierungen inspiriert sei, sondern einen eigenständigen Weg gehe. Die Kulisse besteht aus Kisten und Gebrauchsgegenständen, auf denen Schreckensnachrichten aus damaligen Zeitungsartikeln abgebildet sind. Fliegende Stoffbahnen dienen als geisterhafte Projektionsfläche.

Besonders spannend: Die Bewohner*innen Ganders reden in der Berliner Produktion in einem eigens entwickelten „Neodialekt“ miteinander. Die verschiedenen sprachlichen Einflüsse schaffen Zugehörigkeit oder auch Fremdheit.

Angst, Misstrauen und rassistische Vorurteile

Doch das Stück erzählt nicht nur von Hilfsbereitschaft, sondern auch von Angst, Misstrauen und rassistischen Vorurteilen, besonders gegenüber einem muslimischen Reisenden. Gerade dadurch erscheint das Musical heute erschreckend aktuell. 25 Jahre nach den Anschlägen ist es deshalb weniger ein nostalgischer Rückblick als ein Plädoyer für Gemeinschaft – queere inklusive.

Musikalisch bleibt „Come From Away“ ein Ausnahmefall im Musicalbetrieb. Celtic Rock trifft auf emotionale Ensemblenummern, rasante Szenenwechsel auf intime Momente. Die Darsteller*innen schlüpfen ständig in neue Figuren, ändern mit einem Kleidungsstück ihre Identität und zeigen dabei enormes Tempo und Präzision. Könnte sehr bewegend werden. Und ziemlich mitreißend.

Come From Away
05.06, 19:00
Centre Français
Weitere Aufführungstermine hier.

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