„Orlando“ als queeres Sci-Fi-Opernspektakel
Die Komische Oper zeigt die deutsche Erstaufführung von Olga Neuwirths „Orlando“ und kündigt sie an als „The ultimate queer Sci-Fi hybrid Grand opéra!“. Das 2019 in Wien uraufgeführte Werk wird in Berlin von Ewelina Marciniak neu inszeniert, Ema Nikolovska singt die Titelpartie. SIEGESSÄULE-Autor Ecki Ramón Weber traf die beiden Queer Allies vor der Premiere zum Interview
Was fasziniert euch an Olga Neuwirths Oper „Orlando“ nach dem Roman von Virginia Woolf, dieser fantastischen Reise eines Mannes aus dem elisabethanischen Zeitalter durch die Jahrhunderte, der im viktorianischen England zur Frau wird? Ewelina Marciniak: Virginia Woolf schrieb diesen Roman als eine Art Liebesbrief an Vita Sackville-West. In „Orlando“ als Roman und als Oper gibt es viele Aspekte der Beziehung zwischen den beiden Frauen: der weibliche Körper in einer patriarchalen Welt, sexuelles Verlangen, Tod. Ich habe mich bei der Vorbereitung der Inszenierung gefragt: Welche Herausforderungen ergeben sich bei Orlandos Veränderung vom Mann zur Frau? Viele davon bestehen heute noch. Und wenn sich das Gender ändert, was bleibt unveränderlich als Kern? Bei Orlando ist es eine bestimmte Fragilität als kunstschaffende Person. Wird Orlandos Kunst anders rezipiert und kritisiert als Mann und als Frau?
„Und wenn sich das Gender ändert, was bleibt unveränderlich als Kern?“
Ema Nikolovska: Ich finde spannend, wie Olga Neuwirth die vielen Facetten der Hauptfigur Orlando zum Ausdruck bringt. Wie vielseitig sie für die Stimme schreibt und wie sie Elektronik einsetzt. Sie bringt klanglich unterschiedliche Epochen zusammen: Renaissance, Barock, Pop, Rock, Noise, Experimental. Das ist eine Vielschichtigkeit, die der Figur Orlando entspricht. Als Sängerin, ich bin Mezzosopran, darf ich dabei alle Farben und Nuancen meiner Stimme entdecken und einsetzen. Die Partie ist musikalisch wie ein Kaleidoskop. Es geht um Freiheit, darum, dass Identität ein Prozess ist. Das ist in „Orlando“ zu hören. Orlando erinnert uns daran, dass wir eine unendliche Vielfalt an Möglichkeiten haben. Olga Neuwirth drückt das mit ihrer großen musikalischen Palette aus.
Wie nähert ihr euch in der Inszenierung diesen Themen? EM: Wir denken dies weiter: wie bis heute nicht binäre Menschen um ihre Identität und Rechte kämpfen müssen. Wie sie sich in einer Gesellschaft behaupten können, in der Leute Rechtspopulist*innen wählen. Es geht auch darum, wie Virginia Woolf auf unsere Zeit blicken würde. Wie können wir mit den Mitteln der Kunst gegen solche gesellschaftlichen Zustände kämpfen? EN: Ich bin bei der Inszenierung Orlando, aber auch Vita Sackville-West. Ewelinas Regieansatz zeigt, wie die Gesellschaft die Möglichkeiten der Menschen beschränkt. Tragen wir unterschiedliche Kleidung oder trägt sie uns? Und wie formt uns das? Wie prägt das die Art, wie wir uns verhalten? Wie können wir damit spielen? Und: Wenn Orlando in einem weiblichen Körper ist, wie verändert sich das Verständnis von Gender und Gesellschaft? Mein erster Kontakt mit der Romanvorlage war 2021. Damals begann ich auch, mich mit dem Buddhismus zu befassen. Dort gibt es das Konzept, dass es ein individuelles Selbst gar nicht gibt, somit auch keine Binarität. In „Orlando“ finde ich deshalb Überschneidungen mit dem Buddhismus: Wenn wir Tausende Ichs haben, wie es am Ende von Woolfs Roman heißt, dann ist es im Umkehrschluss so, dass wir, wie im Buddhismus, kein Ich haben. Und wenn Orlando Künstler*in ist, geht es auch darum, dass jedes menschliche Wesen eine künstlerische Ader hat, eine Fähigkeit, über die eigenen Grenzen zu gehen.
„Orlando hat in Olga Neuwirths Weiterentwicklung in den 1980ern eine Partnerin. Wir können also offen eine lesbische Liebesgeschichte erzählen“
Olga Neuwirth hat die Zeitreise aus dem Roman von Virginia Woolf bis ins 21. Jahrhundert weitergeführt … EM: Im Libretto von Olga Neuwirths „Orlando“ wird auch Orlandos Kind Raum gegeben, das nicht binär ist. Es gibt eine Passage, die frei gestaltet werden kann, das heißt, Orlandos Kind kann ein eigenes Statement über Identität abgeben. Bei uns wird die Partie von Kevin(a) Taylor, selbst nicht binär, verkörpert. (Taylor war 2025 Pontius Pilatus in der Komische-Oper-Produktion „Jesus Christ Superstar“, Anm. d. Redaktion). Gemeinsam entwickeln Kevin(a) und ich ein sehr persönliches Statement für diese Szene. Mich hat für meine Inszenierung auch der Film von Paul B. Preciado, „Orlando, eine politische Biografie“, von 2023 inspiriert, diese sehr persönliche Auseinandersetzung von trans und nicht binären Menschen mit Woolfs „Orlando“. EN: Außerdem hat Orlando in Olga Neuwirths Weiterentwicklung in den 1980ern eine Partnerin. Wir können also offen eine lesbische Liebesgeschichte erzählen. Wann ist das schon möglich auf der Opernbühne? Und weil über die queere Perspektive im zweiten Teil des Musiktheaters von Olga Neuwirth so viele Themen angesprochen werden, wird dies wirklich ein universell erhellender Blick. Das ist eine große Freude.
Welche Herausforderungen gibt es für euch bei der praktischen Umsetzung von Neuwirths „Orlando“? EM: Die Probenarbeit. Die Musik besteht aus vielen verschiedenen Ebenen. Es kann nicht einfach Klavierproben geben, weil die Musik auch Samples und Elektronik enthält. EN: Das Werk bleibt nie lange beim selben Musikstil. Ein paar Noten sind Barock, ein paar Noten sind im Klang von Puccini, dann folgt ein Knurren und so fort. Das liebe ich an der Musik von Neuwirth, weil sie uns ermutigt, nachzuforschen, auf welche verschiedenen Arten wir unsere Stimme einsetzen und so aus dem herkömmlichen Opernrahmen ausbrechen können.
Was ruft ihr Leuten wie Hollywoodstar Timothée Chalamet zu, der meinte, Tanz und Oper interessieren heute nicht mehr? EM: Komm und schau dir unsere Inszenierung an! Ich würde gern neben ihm sitzen und sehen, ob es ihn wirklich unberührt lässt.
SIEGESSÄULE präsentiert:
Olga Neuwirth: „Orlando“
Regie: Ewelina Marciniak, mit Ema Nikolovska, Kevin(a) Taylor u. a.
16.05., 19:00 (Premiere), 21.+27.05.+06.06., 19:00 Uhr; 24.+31.05., 18:00 Uhr
Komische Oper
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