Inflation

Steigende Preise: Krise im Berliner Nachtleben

19. Dez. 2022 Michael G. Meyer
Bild: Jackielynn
Volles Haus im Schöneberger Hafen

Wer im Berliner Nachtleben unterwegs ist, muss mittlerweile tiefer in die Tasche greifen. Inflation und hohe Energiekosten machen sich auch in der queeren Szene bemerkbar. Doch wie gehen Bars und Clubs mit der Situation um? Wir fragten nach

Am Wochenende auf die Piste – das gehört für viele Queers einfach dazu. Allerdings: Durch Pandemie, Energiekrise und Inflation ist das Ausgehen deutlich teurer geworden. Das können sich nicht alle leisten, gerade in Berlin, einer Stadt mit vielen schlecht bezahlten Jobs. Eine Zufallsbeobachtung in Schöneberg zeigt: Vor den „Spätis“ ist es voller geworden, dort sind die Drinks einfach billiger. Wer in den Bars feiern geht, hat am Ende des Abends schon mal deutlich weniger in der Tasche, als noch im letzten Jahr.

Massive Preissteigerungen

Denn die Kosten, mit denen Clubs und Bars zurzeit konfrontiert werden, sind enorm. Roberto Manteufel, Betreiber der Marietta-Bar im Prenzlauer Berg, berichtet von einer durchaus dramatischen Situation: „Die Preissteigerungen in diesem Jahr sind in tatsächlich allen Bereichen erschreckend spürbar.“ Dabei gehe es nicht nur um die hohen Energiekosten, die in aller Munde seien. „Zum Beispiel bezahle ich auch für Artikel, die wir im Tagesgeschäft einfach brauchen – seien es Gläser, Teelichter oder Papierhandtücher – im Vergleich zum letzten Jahr mindestens das Doppelte, teils sogar das Dreifache. Bei manchen Artikeln kann ich inzwischen wöchentlich zuschauen, wie sie teurer werden.“

Doch im Moment zeige sich die Inflation noch nicht so stark im Ausgehverhalten, sagen zumindest Uli und Basty, das Betreiberteam des Schöneberger Hafen. Das könnte auch daran liegen, dass sie bislang die Preise nur moderat erhöht haben und versuchen, gestiegene Kosten nicht an die Gäste weiterzugeben. „Im hohen Preissegment, wie bei teuren Longdrinks und Cocktails, werden wir erhöhen müssen, bei den Basics bleiben wir stabil“, sagen sie gegenüber SIEGESSÄULE. Denn die Preise zu sehr zu erhöhen, berge die Gefahr, bestimmte Gruppen auszuschließen. „Wir wollen, dass sich alle Gäste wohlfühlen und sich die Getränke leisten und unsere Veranstaltungen genießen können.“

Gebremster Optimismus

Marcel Weber, einer der Geschäftsführer des SchwuZ, ist derzeit ebenfalls gebremst optimistisch, sagt aber auch: „Wir haben nach der Wiedereröffnung im März bereits die Preise angepasst und auch dort schon eine Preissteigerung abgebildet, die wir erwartet haben. Jetzt sehen wir nicht mehr viele Möglichkeiten, weitere Preiserhöhungen durchzuführen. Auch bei den Gästen wird ja aktuell das zur Verfügung stehende Einkommen durch die Inflation weniger. Da ist irgendwo eine natürliche Grenze erreicht.“

Sehr selten gebe es Reaktionen von Gästen, dass der Club ganz schön teuer geworden sei. Im SchwuZ kostet der Eintritt am Wochenende 17 EUR, das Bier 4 EUR. „Damit reihen wir uns in eine Gesamtentwicklung auch im Clubkontext ein. So sehr es uns nicht gefällt. Die meisten Leute haben jedoch großes Verständnis dafür. Zu unserem Glück können wir auf eine starke Community zählen. Queere Räume sind ja eh nicht so im Überfluss vorhanden. Wir wissen jedoch, dass andere Clubs mit Besucher*innenschwund zu kämpfen haben. Bisher blieb das SchwuZ davon verschont.“

Belastungen abfedern

In Berlins einziger Gay-Sauna Boiler am Mehringdamm hat man dagegen ein hartes Jahr hinter sich. Was nicht nur an höheren Preisen liegt, sondern womöglich auch daran, dass sich viele queere Männer angesichts von Corona und dem MPX-Virus nicht in eine Sauna trauten, meint Tim Vogler vom Boiler. Das habe zu einem deutlichen Einbruch der Gästezahlen im Sommer geführt. „Seit September haben sich die Besucherzahlen allerdings wieder deutlich stabilisiert und übertreffen an einzelnen Tagen bereits die Vor-Corona-Werte, was uns natürlich sehr freut.“ Bereits im Frühjahr habe man die Preise angepasst: „Unsere Hoffnung war, dass wir den steigenden Kosten etwas vorgreifen können und damit auf weitere Preissteigerungen zumindest für dieses Jahr verzichten können. So ganz wird uns das nicht gelingen – in einzelnen Bereichen wird es noch einmal zu Preisanpassungen kommen.“

Der Boiler leidet natürlich noch mal stärker unter den hohen Energiekosten – ohne Energie keine warme Sauna: „Die steigenden Energiekosten betreffen uns natürlich sehr – wir verbrauchen eine Menge Gas und Strom. Strom ist für uns im Vergleich zum Gaspreis sogar überproportional teurer geworden. Einen Teil der Kosten konnten wir durch die Einschränkungen einzelner Betriebszeiten, etwa von unserem Hamam und unserer Biosauna, etwas auffangen.“ Man hoffe, so gut wie möglich durch den Winter zu kommen, sagt Tim Vogler.

Hilfen auf Bundesebene

Inflation und hohe Energiekosten bedrohen die queere Infrastruktur insgesamt, trotz einiger Hilfen auf Bundesebene. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa in Berlin, sieht die Entwicklungen mit Sorge: „Nach unserer Einschätzung hier in Berlin werden die Programme, die der Bund bislang aufgelegt hat, die anstehenden Belastungen eben nicht ausreichend abfedern. Deshalb haben wir uns in der rot-grün-roten Koalition auf einen Berliner Nachtragshaushalt in Höhe von insgesamt über 2,6 Milliarden Euro verständigt, der in diesen Tagen im Parlament beschlossen wird und noch weitere Hilfen für existenzgefährdete private Betriebe, für den Kulturbereich, für Vereine etc. umfassen wird. Auch besonders gefährdete Privathaushalte werden wir mit einem Härtefallfonds unterstützen, auch das ist für nicht wenige Menschen aus der queeren Community wichtig, die in prekären ökonomischen Verhältnissen leben.“ Lederer ergänzt, dass Erfahrungen in anderen Ländern, etwa in Südeuropa, gezeigt hätten: Wer nicht ausreichend helfe, verliere eine Reihe von „Safe Spaces“, die heute besonders notwendig sind. „Ich verstehe die Sorgen derjenigen sehr gut, die jetzt, nach schweren Pandemie-Jahren, mit Inflation und Energiekrise, neue große Hürden vor sich sehen“, sagt Lederer. „In Berlin ist es uns gelungen, mit einem beispiellosen maßgeschneiderten Hilfsprogramm dafür zu sorgen, dass trotz langer Schließzeit kein Club der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen ist. Solchen Orten haben wir natürlich nicht mit viel Geld durch die Pandemiejahre geholfen, um sie jetzt fallen zu lassen.“ Lederer arbeite mit dem Wirtschaftssenat eng zusammen, um all die Institutionen zu schützen, die Berlin ausmachen, von Hochkultur bis zur Club- und Nachtkultur.

Die queeren Bars und Clubs müssen sich wie viele andere Betriebe auch auf die neuen Gegebenheiten einstellen und schauen, wie die Entwicklung weitergeht. Uli und Basty vom Hafen sagen, sie seien erst einmal dankbar für die Unterstützung, die kommt, aber wie es nächstes Jahr aussehe, sei natürlich eine offene Frage.

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