Sticks & Stones am 6. Juni

Queer auf dem Arbeitsmarkt in schwierigen Zeiten: Wege nach vorn

4. Juni 2026 Eleonore Foss
Bild: Dieser Moment – Fotografie und Film
Sticks & Stones 2025: Eine Person vor der „Swapwall“, einem interaktiven Marktplatz

Zwischen Wirtschaftskrise und Rechtsruck steht der Arbeitsmarkt unter Druck. Gleichzeitig zeigt eine neue Studie der EAF Berlin, dass Sexismus und Queerfeindlichkeit am Arbeitsplatz weiterhin weit verbreitet sind. Während sich viele Unternehmen von Diversität abwenden, wird die Suche nach geeigneten Arbeitgebern für viele schwieriger. Die Karrieremesse Sticks & Stones will dem etwas entgegensetzen. SIEGESSÄULE-Autorin Eleonore Foss sprach mit Stuart Cameron von der Jobmesse sowie mit Studienautorin Anna Sive über die aktuelle Lage

Sexistische Übergriffe, Kommentare und Vorurteile am Arbeitsplatz sind weit davon entfernt, Einzelfälle zu sein: Mehr als die Hälfte aller berufstätigen Menschen erleben im Verlauf ihres Erwerbslebens mindestens eine Form von Sexismus. Belegen kann dies die im Mai 2026 publizierte Studie „Sexismus am Arbeitsplatz“ der EAF Berlin, die durch das Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde.

Im Rahmen der Studie wurden über 1.100 berufstätige Menschen befragt, um Erscheinungsform, Ausmaß und Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz erstmals detailliert zu erfassen und auszuwerten. Denn trotz der medialen Präsenz, die Kampagnen wie #Aufschrei und #MeToo in der vergangenen Dekade erreicht haben, mangelt es an umfassenden Studien und Datenerhebungen zur Thematik.

„In vorherigen Studien wird entweder nicht spezifisch um den Arbeitsplatz eingegangen, oder sie fokussieren sich auf sexuelle Belästigung. Das ist ja aber nur ein kleiner Teil von Sexismus. Wir haben alle anderen Aspekte, wie Ungleichbehandlung, Ausschlüsse, abwertende Kommentare und Vorurteile auch in den Blick genommen”, so Anna Sive, eine der fünf Autor*innen der Studie im Interview mit SIEGESSÄULE.

TIN*-Personen besonders von Diskriminierung betroffen

Einen besonderen Fokus haben sie dabei auf die Erfahrungen von queeren, trans*, inter* und nicht binären Personen gelegt, um intersektionale Überschneidungen von Sexismus und Queerfeindlichkeit sichtbar zu machen. Feststellen konnten sie so, dass trans*, intergeschlechtliche und nicht binäre (tin*) Personen mit einem Anteil von 81 Prozent in einem ganz besonderen Maße von Sexismus am Arbeitsplatz betroffen sind. Auch queere Menschen (74 Prozent), Menschen mit Migrationshintergrund (74 Prozent) und mit Behinderung (70 Prozent) haben ihn in mindestens einer Form am Arbeitsplatz erlebt. „Wir haben ganz gezielt eine Sonderstichprobe zu TIN*-Personen gezogen, was im Rahmen von Studien zu Sexismus absolut ein Novum ist,” betont Sive. „Dafür gab es in dieser Form vorher keine Daten.”

„Wir haben ganz gezielt eine Sonderstichprobe zu TIN*-Personen gezogen, was im Rahmen von Studien zu Sexismus absolut ein Novum ist.”

Dabei gehören TIN* Personen, queere, behinderte Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund zu den Gruppierungen, die sich auf dem Arbeitsmarkt gegenwärtig am stärksten mit den politischen Entwicklungen konfrontiert sehen. Die Nachwirkungen der Welle an konzerninternen Veränderungen, ausgehend von Trumps Executive Order 1417 im Januar vergangenen Jahres, sind noch immer spürbar. Viele Unternehmen haben DEI-Maßnahmen (Diversity, Equity and Inclusion), die etabliert wurden, um für mehr Chancengleichheit und Vielfalt in der Belegschaft zu sorgen, wieder abgeschafft – wie etwa den Diversity-Index oder die Frauenquote.

Weniger Unternehmen bekennen sich zu Diversität

Auch in Deutschland hat sich dies bereits 2025 bemerkbar gemacht. Nicht nur haben die hier ansässigen Unternehmen mit amerikanischen Wurzeln mitgezogen; im Rahmen von Rechtsruck und einer Veränderung des politischen Klimas haben sich auch deutsche Unternehmen von Begriffen wie „Diversität“ und „woke“ abgewandt. Dies kann auch Stuart Bruce Cameron bestätigen. Er ist Geschäftsführer der UHLALA Group, die sich für LGBTIQ*-Diversity am Arbeitsplatz einsetzt und beispielsweise die Karrieremesse Sticks & Stones veranstaltet: Am 06. Juni stellen sich in der Uber Eats Music Hall queerfreundliche Unternehmen vor.

„Vor zwei Jahren hatten wir auf der Sticks & Stones noch 150 Ausstellende bei uns gehabt. In diesem Jahr sind es nur noch knapp 70 Unternehmen,” erzählt Cameron im SIEGESSÄULE-Interview. Dies sei zwar neben den Anti-Diversity Maßnahmen auch auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen, doch die Lage sei trotzdem deprimierend. „Vielen Unternehmen geht es um die Finanzen. Die haben Angst, dass sie wirklich millionen- bis milliardenschwere Aufträge verlieren, wenn sie ihre DEI Maßnahmen beibehalten.”

„Vielen Unternehmen geht es um die Finanzen. Die haben Angst, dass sie wirklich millionen- bis milliardenschwere Aufträge verlieren, wenn sie ihre DEI Maßnahmen beibehalten.”

Umso wichtiger sind laut Cameron daher Veranstaltungen wie die Sticks & Stones Messe, um sich ein Bild von den Unternehmen machen zu können. Das seit 2009 jährlich stattfindende Event richtet sich explizit an „LGBTIQ* und alle Menschen, die Vielfalt feiern.” Auf der größten queeren Jobmesse in Europa wird auch in diesem Jahr wieder Arbeitgeber*innen die Möglichkeit gegeben, sich vorzustellen, mit Studierenden, Berufseinsteigenden und Professionals auszutauschen und zu vernetzen.

Bild: Dieser Moment – Fotografie und Film
Impression von der Sticks & Stones 2025

Darüber hinaus bietet die Messe ein umfassendes Rahmenprogramm: Neben Vorträgen und Panels gibt es Beratungen zur Optimierung des Lebenslaufes und Karrierecoachings. Teilhaben können dabei alle Unternehmen, die sich für die Rechte der LGBTIQ*-Community einsetzen – was nicht immer ohne Kontroversen funktioniert. So nahm der Axel-Springer-Verlag noch bis 2022 an der Messe teil und wurde im Zuge der Erscheinung eines transfeindlichen Artikels in der Welt im Juni 2022 von der Sticks & Stones ausgeladen. Die Bundeswehr ist bis heute vertreten – trotz der Proteste und Kritik, dass diese Staaten beliefert und unterstützt, in denen queere Menschen verfolgt werden. „Wir entscheiden für die Messe nicht, welche Dienstleistungen wir persönlich für gut befinden”, erklärt Cameron. „Und es gibt den Unternehmen auch die Möglichkeit, sich unangenehmen Fragen und Kritik vor Ort zu stellen.”

„Wir machen sichtbar, welche Unternehmen sich für LGBTIQ*-Menschen engagieren und welche Maßnahmen sie dafür ergreifen.”

Die Messe soll weiterhin in erster Linie dazu dienen, dass Arbeitnehmer*innen und Arbeitssuchende sich einen Überblick über die Unternehmen, die konzernintern Maßnahmen für queere Menschen ergreifen, verschaffen können. Er ergänzt: „Der Sinn der Messe ist nicht, den Menschen moralisch vorzuschreiben, wo sie sich bewerben sollten. Das muss jeder selbst entscheiden. Wir machen sichtbar, welche Unternehmen sich für LGBTIQ*-Menschen engagieren und welche Maßnahmen sie dafür ergreifen.”

Strukturelle Lösungen für strukturelle Probleme

So hilfreich eine queere Karrieremesse für die individuelle Jobsuche auch sein kann: Die strukturellen Probleme kann sie nicht lösen. Die EAF Berlin formuliert auf Basis der Studienergebnisse Handlungsempfehlungen für Betriebe, Politik und Gesellschaft. Besonders wichtig seien die „Sensibilisierung von Mitarbeitenden sowie die klare Verantwortungsübernahme durch Führungskräfte“. Unterstützend wirkten zudem „Verhaltenskodizes, klare Leitlinien sowie transparente Beratungs- und Beschwerdestrukturen“. Außerdem empfiehlt die Organisation, die „Auswirkungen von Sexismus auf Betriebe und Gesellschaft zu untersuchen, beispielsweise in Form einer Hochrechnung von durch Sexismus verursachten Kosten oder einer Untersuchung von Sexismus im Kontext von Fachkräftegewinnung“. Der Studie sind darüber hinaus ergänzend Handreichungen beigefügt mit Empfehlungen für Betriebe, zugeschnitten auf unterschiedliche Unternehmensgrößen und Branchen.

Sticks & Stones Karrieremesse
06.06., ab 10:00
Uber Eats Music Hall
sticks-and-stones.com

Studie: Sexismus am Arbeitsplatz,
Laura Giardina, Anna Sive, Lea Rahman, Rana Göroğlu, Stefanie Lohaus,
Herausgeberin: EAF Berlin, 2026
Infos: gemeinsam-gegen-sexismus.de/sexismus-am-arbeitsplatz-studie

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