31. März

Tag der Trans-Sichtbarkeit: Gegen Vorurteile und Dämonisierung

31. März 2022 Luka Peters
Bild: canva

Am 31. März wird wieder der „International Transgender Day of Visibility“ gefeiert. Trotz Verbesserungen in Sachen trans* Sichtbarkeit ist das Datum nach wie vor wichtig, findet Luka Peters

Warum sitze ich gefühlt seit Stunden an meinem Laptop und quäle mich mit der Frage, ob ich wirklich einen Text zum International Transgender Day of Visibility (ITDoV, auf Deutsch etwa: Internationaler Transgender-Tag der Sichtbarkeit) in meinem Online-Berufsnetzwerk posten soll? Warum diskutiere ich mit mir selbst, ob das meine Karriere gefährden kann? Oder ob es die Art und Weise verengen wird, wie andere aus meinem Netzwerk mich wahrnehmen? Werde ich dann reduziert auf „der Typ, der trans ist“, und werden meine fachlichen Kompetenzen davon verdeckt?

Dass ich mir alle diese Fragen stelle, zeigt, wie verletzlich ein Mensch sich fühlen kann, wenn es darum geht, offen zu einer trans Identität zu stehen – und zwar sowohl zu der eigenen als auch zu der eines nahestehenden Menschen. Die Vorsicht, die daraus folgt, ist nicht überraschend. Zwar könnte man meinen, es ginge trans Personen allgemein immer besser: Medien präsentieren häufiger prominente Personen, die sich als trans oder nicht binär zu erkennen geben, und immer mehr Länder passen ihre Gesetze an und erleichtern die juristische und medizinische Transition.

Zugleich zeigen die weltweit erfassten Daten zu Gewalt gegen trans und nicht binäre Menschen, dass die Zahl der Bedrohungen und Übergriffe sich nicht verringert hat, sondern im Gegenteil weiter steigt. Ob am Arbeitsplatz, beim Sport, in der Schule, im Nachtleben oder in der Familie – es gibt keinen Bereich des Lebens, in dem Menschen mit nicht heteronormativer Identität nicht belästigt, bedroht oder angegriffen werden.

Gleiche Rechte auf Selbstbestimmung und Sicherheit

Doch viele transidente und nicht binäre Menschen leben aus verschiedenen Gründen in einer isolierten Situation und haben wenig Support. Sichtbarkeit kann hier dabei helfen, Unterstützung zu finden, ob in der Form professioneller Beratungsangebote oder im persönlichen Umfeld. Und auch auf gesellschaftlicher Ebene ist Sichtbarkeit bedeutend, um Vorurteilen und Dämonisierung entgegenzuwirken. Wenn Menschen nicht mehr als „Einzelfälle“ wahrgenommen oder als „Promi-Trend“ abgetan werden, sondern als ein auch zahlenmäßig relevanter Teil der Gesellschaft, erzeugt das „Normalität“.

Das ist zwar nicht unbedingt das, was alle queeren Menschen für sich persönlich wollen. Aber bei Sichtbarkeit geht es auch darum, zu zeigen: Wir sind viele (und vielfältig) und keine „Randerscheinung“, die man vernachlässigen kann. Zugleich kann Sichtbarkeit auch die Sicherheit von Menschen gefährden. Wer sich outet, macht sich angreifbar. Deshalb ist es eine Entscheidung, die gut überlegt sein will, wie offen man mit der eigenen Identität umgeht.

Obwohl es ein sehr befreiender Akt sein kann, für sich selbst einzustehen und sich mit anderen zusammenzutun, geht es am ITDoV um viel mehr als nur das persönliche Coming-out. Der Tag ist die Gelegenheit, die Gesellschaft in all ihren Facetten dazu aufzufordern, trans und nicht binäre Menschen wahrzunehmen und wertzuschätzen und ihnen die gleichen Rechte auf Selbstbestimmung und Sicherheit zuzugestehen wie allen anderen auch.

Einengende Normen

Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich dessen bewusst ist, wie wichtig Diversität für die gemeinschaftliche Entwicklung ist. Unsere Gesellschaft basiert noch immer auf einengenden Normen und der Annahme einer Geschlechterdualität. Das sind Vorstellungen und Regeln, die für alle ungesund sind. Toxische Männlichkeit, toxische Weiblichkeit oder häusliche Gewalt entstehen oft aus einer erlebten Enge der Geschlechterrollen. Für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch frei und selbstbestimmt leben kann, müssen wir uns lösen von der Vorstellung von nur zwei als starre Größen gedachten Geschlechtern und einer lediglich winzigen Anzahl erlaubter Rollen und Identitäten.

Für mich war bisher jedes meiner Coming-outs eine Befreiung. Und doch habe ich immer wieder vor diesem Schritt eine diffuse Angst im Bauch, die mir den Puls hochtreibt. Erlebnisse von Diskriminierung und psychischer wie körperlicher Gewalt hindern Menschen daran, sie selbst zu sein.

Der ITDoV soll dagegenhalten als ein bunter, strahlender Tag. Ein Tag, der den Mut feiert, zu sich selbst zu stehen und stolz auf sich selbst zu sein. Ein Tag, der Menschen zusammenführt, weil sie wissen, dass sie nicht allein sind. Ein Tag, der ein Beitrag dazu ist, unsere Gesellschaft zu einem lebenswerteren Ort zu machen.

Ich will mich einreihen in den Regenbogen und zugleich mit vielen anderen aus der Reihe tanzen. Ich atme noch einmal tief durch und klicke auf „Absenden“.

Luka Peters studierte Germanistik und Politik und veröffentlicht Sachartikel, Prosa und Lyrik. Unter dem Autorennamen Martin Licht hat er das „TM-Brevier. Das Handbuch für Transmänner“ publiziert

Kundgebung in Berlin zum Tag der Trans-Sichtbarkeit

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Spendenaktion Queere Nothilfe Ukraine

Zahlreiche Organisationen der deutschen LGBTIQ*-Community haben sich zum Bündnis Queere Nothilfe Ukraine zusammengeschlossen. Es werden Spenden gesammelt, die für die notwendige Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen in der Ukraine verwendet werden. Link zur Spendenseite: https://altruja.de/nothilfe-ukraine/spende

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