basierend auf der Romanvorlage von Constance Debré

Verfilmung des queeren Selbstfindungsdrama „Love Me Tender“

15. Apr. 2026 Anja Kümmel
Bild: Salzgeber
Clémence (Vicky Krieps) und ihr Sohn Paul in Paris

Am 7. Mai kam die Verfilmung des queeren Selbstfindungsdrama „Love Me Tender“ in die deutschen Kinos. Zwar ist der Film weniger radikal als die Romanvorlage von Constance Debré, dafür aber mit der phänomenalen Vicky Krieps in der Hauptrolle und der französischen Regisseurin Anna Cazenave Cambet

Wer noch das markante Profil von Constance Debré auf dem blau gefärbten Cover ihres autofiktionalen Romans „Love Me Tender“ im Kopf hat – harte Gesichtszüge, kahl rasierter Schädel, ein „Lieber sterben“-Tattoo am Hals – ist zunächst vielleicht überrascht von der Besetzung mit Vicky Krieps. Am Anfang der Filmadaption „Love Me Tender“ begegnen wir der jungenhaft schlaksigen Clémence mit weich in die Stirn fallenden Löckchen, die ins warme Licht eines Pariser Spätsommers blinzelt. Eben noch hat Clémence im Hallenbad diszipliniert ihre Bahnen gezogen und ebenso routiniert einen Quickie mit einer fremden Frau in der Umkleide eingelegt, bevor sie auf die Straße tritt, um ihren Ex-Ehemann Laurent und den gemeinsamen achtjährigen Sohn Paul anzurufen. Sie scherzen ausgelassen miteinander; Clémence dreht sich lachend im Kreis, um Paul den blauen Himmel zu zeigen.

Von der toughen Butch-Lesbe mit Bad-Boy-Attitude, als die sich Debrés literarisches Alter Ego stilisiert, scheint Clémence weit entfernt. Dennoch ist Vicky Krieps keineswegs eine Fehlbesetzung.

Von der toughen Butch-Lesbe mit Bad-Boy-Attitude, als die sich Debrés literarisches Alter Ego stilisiert, scheint Clémence weit entfernt. Dennoch ist Vicky Krieps keineswegs eine Fehlbesetzung für die Hauptrolle in Anna Cazenave Cambets Interpretation von „Love Me Tender“. Im Gegenteil: Schon bald wird klar, dass Cambets zweiter Spielfilm seiner Hauptdarstellerin das ganze Register emotionaler Ausnahmezustände abverlangt, ohne jemals in Kitsch oder Rührseligkeit abzudriften. Für die nuancierte Darstellung dieser Tour de Force ist die charismatische Luxemburgerin ein wahrer Glücksgriff.

Queeres Begehren und familiäre Auseinandersetzungen

Als sich Clémence vor ihrem Ex-Ehemann als lesbisch outet, nimmt das freundschaftliche Geplänkel ein jähes Ende, und Laurent tritt zu einem veritablen Rachefeldzug an: Nicht nur hetzt er Paul gegen sie auf, sondern setzt alles daran, ihr das Sorgerecht entziehen zu lassen. Ein zähes Verfahren nimmt seinen Lauf, das sich über zwei Jahre hinziehen wird, wobei Clémence ihren Sohn nur alle zwei Wochen für eine Stunde unter Aufsicht sehen darf. Ob eine Frau, die ihre heterosexuelle Ehe und ihre Anwaltskarriere aufgibt, um ihrem queeren Begehren nachzugehen und ein Buch über lesbischen Sex zu schreiben, eine gute Mutter sein kann, ist eine Frage, die im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr gestellt werden sollte. Doch die Realität sieht anders aus. Nicht zuletzt spiegelt der im Film geschilderte Prozess damit auch die aktuellen Bestrebungen neokonservativer Kräfte wider, die den vermeintlichen Schutz von Kindern nur all zu gern instrumentalisieren, um dafür queere Rechte und Sichtbarkeit einzuschränken.

Die 133 Minuten Laufzeit lassen einen das quälende Warten der Protagonistin physisch mitfühlen – sei es auf die nächste Anhörung, das psychiatrisches Gutachten oder einen Termin beim Familienzentrum. Dennoch kommt an keiner Stelle Langeweile auf, wenn wir Clémence in melancholischer Rastlosigkeit durchs nächtliche Paris flanieren, sie frenetisch an ihrem Romandebüt arbeiten oder immer neue Frauen aufreißen sehen. Dabei ist sie weniger auf der Suche nach Liebe, sondern sie versucht vielmehr ihren eigenen Schmerz zu betäuben.

Die Härte und Getriebenheit, die durch Debrés Prosa pulsieren, lässt der Film allerdings vermissen.

Die Härte und Getriebenheit, die durch Debrés Prosa pulsieren, lässt der Film allerdings vermissen – auch wenn gelegentlich im Voiceover Passagen aus der Romanvorlage zu hören sind. Als Clémence die bodenständige Journalistin Sarah kennenlernt, scheint ein Happy End in greifbarer Nähe zu liegen, aber ganz so einfach macht es uns Cambet dann doch nicht. An die rotzige Radikalität des Buches, den kontroversen und weniger eindeutig sympathischen Charakter der Protagonistin sowie deren Aussehen reicht die Verfilmung von „Love Me Tender“ zwar nicht heran, doch gerade das Ende hält einige Plottwists bereit, die einen nachdenklich und tief berührt zurücklassen.

Love Me Tender, Frankreich 2025
Regie: Anna Cazenave Cambet
Mit Vicky Krieps, Monia Chokri, Antoine Reinartz u.a.
Ab 07.05. im Kino

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