Interview mit queerem Aktivisten

Verfolgung von LGBTIQ* in Ghana: „Manche forderten, uns zu steinigen“

26. Mai 2021 Inga Hofmann
Bild: LGBT+ Rights Ghana
Alex Kofi Donkor, Gründer von LGBT+ Rights Ghana

Im Januar eröffnete die Organisation LGBT+ Rights Ghana das erste queere Zentrum in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Nach Drohungen seitens queerfeindlicher Gruppen stürmte und versiegelte jedoch im Februar die Polizei das Büro, Mitglieder der Organisation mussten fliehen. SIEGESSÄULE hat mit Alex Kofi Donkor gesprochen, dem Gründer von LGBT+ Rights Ghana

Alex, ihr wart in diesem Jahr endlich dazu in der Lage, eure eigenen Büroräume in der Hauptstadt Accra zu eröffnen. Warum war euch dieser Schritt so wichtig? Die LGBTIQ*-Community in Ghana konnte sich lange nicht zu Menschenrechtsfragen äußern. Die Narrative über die Community stammten größtenteils von homophoben Menschen, politischen Führern, ghanaischen Medien und religiösen Gruppen – bis 2021. Denn Anfang dieses Jahres erhielten wir Unterstützung von einigen Organisationen und Institutionen, darunter die schwedische Vereinigung für Sexualerziehung RFSU, die Europäische Union und die australische Botschaft in Ghana. Mit ihrer Hilfe konnten wir endlich unser erstes Büro in Accra gründen. Wir beschlossen, den Raum für die Community zu öffnen, da sie vielen Angriffen ausgesetzt ist. Der Raum sollte ein soziales Zentrum werden: ein sicherer Ort, an dem wir kontinuierlich Strategien entwickeln können – und ein Ort, um queere Menschen zu empowern.

Kurz nach der Eröffnung wurde euer Büro von der Polizei gestürmt. Wie kam es zu der Razzia und welche Folgen hatte sie?
In Ghana gibt es eine Anti-LGBTIQ*-Gruppe namens „National Coalition for Proper Human Sexual Rights and Family Values”, die von der Eröffnung erfahren hat. Sie gaben eine Pressekonferenz, bei der sie den Präsidenten und die Polizei aufforderten, unseren Ort zu schließen. Die Diskussion kochte schnell hoch. Am 24. Februar stürmte die Polizei gemeinsam mit dem Vermieter des Büros und einigen traditionellen Führern das Gebäude und verschloss es. Seitdem haben wir keinen Zugang mehr zu dem Büro und Fotos mit unseren Gesichtern sind überall in den Medien zu sehen. Homophobie zeigt sich ständig und religiöse und politische Führer fordern strengere Strafen für LGBTIQ*. Zurzeit ist das Parlament zudem dabei, ein Gesetz zu verabschieden, dass LGBTIQ* und Personen, die LGBTIQ*-Rechte befürworten, kriminalisiert.

„Ich und andere Kolleg*innen mussten fliehen, weil unsere Bilder überall in den Medien sind, und die Leute uns leicht identifizieren können“

Wie hast du das alles persönlich erlebt? Ich habe LGBT+ Rights Ghana gegründet, und das bedeutet, dass ich auch persönlich im Mittelpunkt von Diskussionen und Medienbeiträgen stehe. Homophobe Medienhäuser parodierten uns nach der Razzia auf ihren Websites, auf vielen medialen Plattformen gab es hasserfüllte Kommentare. Einige forderten, uns zu verhaften, andere, uns zu steinigen oder sogar zu töten. Als die Polizei kam, war ich gerade im Büro. Ich und andere Kolleg*innen mussten fliehen, weil unsere Bilder überall in den Medien sind, und die Leute uns leicht identifizieren können. Derzeit befinden wir uns an einem sicheren Ort, von dem aus wir die Situation beobachten.

Was plant ihr, als Nächstes zu tun? Wir versuchen, unseren Aktivismus und unsere Arbeit fortzusetzen. Unter anderem haben wir den ghanaischen Präsidenten dazu aufgefordert, Maßnahmen zum Schutz von LGBTIQ* zu ergreifen, aber der antwortete nicht direkt darauf und erklärte nur, dass es keine gleichgeschlechtlichen Ehen in Ghana geben werde. Wir glauben, dass er versucht, einem Gespräch über den Schutz unserer Rechte auszuweichen. Aber er kann nicht länger leugnen, dass es sich hier um Menschenrechtsfragen dreht. Nicht auf LGBTIQ* zu hören, sondern unsere Stimmen stattdessen zum Schweigen zu bringen bedeutet, die Demokratie zu untergraben.

Sich öffentlich zu outen ist gefährlich

Inwiefern gibt es eine sichtbare und etablierte queere Community in Ghana? Wie schon erwähnt wurden die Narrative über uns großteils von Homophoben geleitet. Das hat die Meinung vieler Bürger*innen geprägt, die die Community bis heute in einem schlechten Licht sehen. Deshalb ist das Umfeld, in dem wir leben, ungesund für jede*n, die*der sich outet. Die wenigen, die es bisher getan haben, wurden von staatlichen Institutionen oder Anti-LGBTIQ*-Gruppen verfolgt. Und natürlich gibt es auch spezifische Probleme, z. B. für lesbische oder bisexuelle Frauen, die oft von Zwangsehen betroffen sind. Die wenigen trans* Personen, die mutig genug sind, ihr Gesicht zu zeigen, erleben Angriffe. Vor Kurzem hatte eine trans* Person aus unserer Community ein Fernsehinterview. Im Anschluss daran versuchten Leute, sie zu töten, sodass sie sich für eine Weile verstecken musste.

Woher kommt diese Feindlichkeit gegen Queers deiner Meinung nach? Von religiösen Gruppen, vor allem von christlichen und muslimischen. Über 90 Prozent der Ghanaer*innen sind religiös. Und die Leiter*innen der religiösen Gruppen fordern ständig, LGBTIQ* zu kriminalisieren.

Häufig wird gesagt, dass LGBTIQ*-Feindlichkeit in Ghana ihren Ursprung in der Kolonialzeit habe. Würdest du dem zustimmen?
Es gibt immer noch Gesetze, die während der Kolonialzeit, als Großbritannien Ghana zu seinen Kolonien zählte, eingeführt und nach der Unabhängigkeit Ghanas 1957 adaptiert wurden. Insbesondere Paragraf 104 des Strafgesetzbuchs wird heute noch als Grundlage für die Kriminalisierung von LGBTIQ* herangezogen. Dieses Gesetz ist sehr vage formuliert: Es bezieht sich nicht explizit auf LGBTIQ*, sondern verbietet allgemein und für alle Staatsbürger*innen „Penetration abseits der weiblichen Vagina“. Dies wird aber vor allem gegen die LGBTIQ*-Community verwendet.

„Unser Profilbild in den sozialen Medien ist rot hinterlegt – eine Farbe, die für Ghanas Kampf um die Unabhängigkeit steht. Diese wurde für jede*n Ghanaer*in erkämpft und sie sollte daher auch für LGBTIQ* gelten“

Inwiefern seid ihr als LGBTIQ*-Aktivist*innen über die Landesgrenzen hinweg mit anderen vernetzt? Wir arbeiten mit Organisationen, Einzelpersonen und Institutionen zusammen, die an Menschenrechte glauben. Ghana ist Teil der globalen Welt und auch der meisten internationalen Verträge, die Menschenrechte schützen. In internationalen Institutionen muss mehr über die Ungerechtigkeiten gesprochen werden, die LGBTIQ* erfahren. Ich finde es nur fair, wenn wir als Basisorganisation solche Gespräche führen. Gleichzeitig brauchen wir dabei Unterstützung.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien für eure Arbeit? Wir versuchen ständig, über Twitter und Instagram Bewusstsein zu schaffen. Unser Profilbild in den sozialen Medien ist derzeit rot hinterlegt – eine Farbe, die für uns Ghanaer*innen von großer Bedeutung ist, denn sie steht für Ghanas Kampf um die Unabhängigkeit. Eine Unabhängigkeit, die für jede*n Ghanaer*in erkämpft wurde und die daher auch für LGBTIQ* gelten sollte.

In Berlin gab es kurz nach dem Angriff auf euer Büro eine Solidaritätsaktion vor der ghanaischen Botschaft. Sind solche Aktionen deiner Meinung nach sinnvoll? Menschenrechte waren von Beginn an eine kollektive Anstrengung. Dies bedeutet, dass immer dann, wenn irgendwo Menschen zum Schweigen gebracht werden, Menschen an anderen Orten sich erheben. Wir glauben, dass es ebenso wichtig ist, Solidarität von anderswo zu erhalten, wie die Achtung der Menschenrechte innerhalb Ghanas einzufordern.

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LGBT+ Rights Ghana bei Facebook, Twitter und Instagram: @lgbtrightsghana

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