Tänzer Tony Rizzi: Von antiken Tragödien, feministischen Ikonen und Fisting
Tony Rizzi ist nicht nur ein expressiver Tänzer, sondern auch ein humorvoller Geschichtenerzähler – so zu erleben in seiner Soloperformance „Shows You (maybe) Missed“ im Dock11
Ob als Maria Callas, als Marina Abramović oder als Pina Bausch: Bei Tony Rizzi sitzt nicht nur jede Bewegung, sondern auch jede Pointe. In „Shows You (maybe) Missed“ im Dock 11 schlüpft der Performer in verschiedene Frauenrollen. Die Idee entstand, als er William Forsythe, seinem langjährigen Choreografen, Pina Bauschs vorletztes Stück „Sweet Mambo“ beschrieb. Dieser war so begeistert, dass er ein Stück vorschlug, in dem Rizzi ausschließlich Performances nacherzählt, nachspielt und nachtanzt. „So bekommt man jetzt fünf Stücke für den Preis von einem“, preist der 60-jährige Tänzer diese Erfahrung der SIEGESSÄULE an.
Schöpfen kann Rizzi dabei aus einer 40-jährigen Bühnenkarriere, in der er mit den ganz Großen der Tanzszene zusammenarbeitete. Im Dock 11 erlebt man so etwa die Wiederauferstehung von Robert Wilsons „Life and Death of Marina Abramović“. Und natürlich Bauschs „Sweet Mambo“: „Es ist ein wunderschönes Stück über die Fragilität des Lebens und ihren eigenen nahenden Tod“, erzählt Rizzi.
Ein wichtiger Schwerpunkt des Abends ist die Nachbildung der 24-Stunden-Performance „Mount Olympus“ von Jan Fabre. „Das ganze Leben wird durch die griechischen Tragödien dargestellt“, sagt Rizzi. „Als Performer ist ein solcher Marathon ein Geschenk. Weil man einfach zu müde ist, um sich zu sorgen oder sich selbst zu beurteilen. Es ist eine Lehrstunde, ganz im Moment zu sein.“
Tabus kennt er nicht
Rizzi spielte und spielt dort etwa Medea als Maria Callas, die die Figur in Pasolinis Verfilmung kongenial verkörperte. „Ich spreche dort den ersten feministischen Dialog der Geschichte. Und als Herkules werde ich gefistet und bewege mich über die Bühne wie eine Handpuppe“, freut sich Rizzi. „Mit meinem Fist-Trainer, einem italienischen Pornodarsteller, bin ich dann anschließend zusammengekommen.“ Hemmschwellen kennt der gebürtige US-Amerikaner offensichtlich nicht. Auch auf der Bühne kriegt man immer den ganzen, ungeschönten und ungefilterten Tony Rizzi.
2012 war er beim Tanz im August als Soloperformer in Jan Fabres „Drugs kept me alive“ zu sehen. Darin ging es nicht nur um die Medikation seiner HIV-Infektion, sondern auch um seinen vielfältigen Substanzkonsum. Heute beschränkt er sich meist auf Marihuana – auch um seine Kreativität damit zu befeuern. Und auch dazu hat er natürlich eine Geschichte parat: „Jan Fabre arbeitet wie Pina: Er gibt Themen vor und die Tänzer*innen bieten ihm was an. Als er mich bei den Proben einen Joint rauchen sah, protestierte er. Ich aber antwortete: ‚Du willst meine Ideen? Dann brauche ich Drogen!‘“
„Bei mir weiß man nie, was kommt. Ich habe nur ein sehr grobes Skript und stelle mich komplett auf das Publikum ein.“
Aus seiner Zeit mit Forsythe hat er den Hang zur Improvisation mitgenommen. „Bei mir weiß man nie, was kommt. Ich habe nur ein sehr grobes Skript und stelle mich komplett auf das Publikum ein.“ Schon früh in seiner Karriere begann Rizzi zusammen mit seinem Team „Bad Habits“ auch eigene Stücke zu kreieren. Tabus kennt er dabei nicht. So beschrieb er etwa schon die Verbindungen von Prostitution und der Tanzwelt.
Seit vier Jahrzehnten lebt der gebürtige Bostoner in Frankfurt am Main, wo er seine Karriere als Gründungsmitglied von Forsythes Ballett Frankfurt begann. „Die Stadt bot damals eine tolle Mischung, von Forsythe bis Sven Väth, vom Banker bis zum Punkrocker. Aber Frankfurt starb quasi mit dem Weggang von Forsythe. Ich bin heute dort der einzige verbliebene Künstler, der Sachen macht, die nicht safe sind.“ Deshalb ist Rizzi oft in der Hauptstadt, wo er demnächst hoffentlich öfter auf der Bühne zu sehen sein wird. „Berlin werde ich so lange besuchen, wie mein Penis noch funktioniert.“
Shows You (maybe) Missed,
06.–08.02., 19:30,
Dock 11,
dock11-berlin.de
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