Von sonderbaren Werkzeugen in fremden Schlafzimmern
Vor allem außerhalb Berlins gilt die Hauptstadt als Sexmetropole und erotischer Selbstfindungsspielplatz. Doch das hat noch niemanden vor peinlichen Situationen bewahrt, vor allem nicht, wenn man zur Zwischenmiete wohnt. Unser Kolumnist Jeff Mannes plaudert aus dem Nähkästchen darüber, wie er einst halbnackt, panisch und untervermietet neben einer Schweine-Kastrationszange stand
Als ich nach Berlin zog, hatte ich vor allem zwei Dinge nicht: eine Wohnung und eine realistische Vorstellung davon, wie geil sexuelles Großstadtleben tatsächlich ist. Berlin hatte damals schon diesen Ruf. Diese Stadt, in der angeblich alles möglich war: Sex in allen Varianten, Identitäten in allen Farben, Nächte ohne Sperrstunde und Menschen, die sich bei Kaffee und Kuchen über Fetische unterhielten, als ginge es um Hafermilch.
Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt noch in der Vorkostphase. Ich hatte weder einen festen Kiez noch eine feste Wohnung, sondern nur einen Monat Zwischenmiete in der Wohnung eines heterosexuellen Paares, das verreist war und mir großzügig sein Bett, seine Küche und sein Vertrauen überließ. Damals hielt ich beruflich Vorträge über unseren Umgang mit Tieren und die Abgründe der Massentierhaltung. Zu meinem Anschauungsmaterial gehörte unter anderem eine Schweine-Kastrationszange. Ich weiß, das ist kein Satz, den man leicht in ein erotisches Umfeld integriert. Noch wusste ich allerdings nicht, dass ich ihn einmal aussprechen würde.
Eines Tages war ich für so einen Vortrag unterwegs gewesen. Währenddessen schrieb mir das eigentliche Paar, ob sie tagsüber kurz in die Wohnung könnten. Sie seien gerade in Berlin und müssten noch ein paar Dinge holen. Ich schrieb zurück: Klar, kein Problem, ich bin sowieso weg. Als ich am Abend zurückkam, war ich in Eile. Der Mann, den ich damals datete, wollte vorbeikommen. Ich mochte ihn. Er sah geil aus, war lustig, und wir hatten eine dieser noch jungen Verbindungen, in denen selbst eine Nachricht wie „Bin gleich da“ stark erotisch wirkte. Ich packte also schnell meine Tasche aus, legte Dinge irgendwohin, woraus später mein Problem daraus werden sollte, und versuchte, die Wohnung eines fremden heterosexuellen Paares in eine Art temporäre schwule Intimität zu verwandeln.
„Katastrophische Improvisation“
Er kam vorbei. Wir machten es uns gemütlich, redeten, schauten Golden Girls – obviously! So, wie zwei gute Gays das eben tun, bevor sie einander die Kleidung vom Leib reißen. Ich weiß nicht mehr, welche Folge lief. Vermutlich eine, in der Dorothy gerade etwas Trockenes über männliche Inkompetenz sagte. Jedenfalls kippte der Abend irgendwann aus dem Sitcomhaften ins Körperliche. Wir landeten im Bett. Nackt. Beschäftigt. Sehr beschäftigt. Und dann klingelte es. Nicht so ein vorsichtiges, verirrtes Klingeln. Kein „Vielleicht ist es nur eine Nachbarin“-Klingeln. Sondern ein Klingeln, das sofort jede Geilheit in blanke Panik verwandelte. Ich hob den Kopf, er hob den Kopf, und noch bevor irgendjemand etwas sagen konnte, wusste ich es schon. Scheiße. Sie sind es.
Wir lagen nackt im Bett anderer Leute und fickten in der Wohnung, die sie mir überlassen hatten. Mein Gehirn schaltete augenblicklich in einen Modus, den man vielleicht als „katastrophische Improvisation“ bezeichnen könnte. Ich schrie „Moment!“, was gleichzeitig nach Feuerwehrübung und Toilettennotfall klang, und zischte meinem Date zu, er möge sich bitte sofort anziehen. Ich selbst zog mir in einem Bewegungsablauf, der jedes Konzept von Würde zerstörte, ein T-Shirt über, zog die Hose hoch, scheiterte am Gürtel, ließ den Gürtel Gürtel sein und stolperte zur Tür wie ein Mann, der gleichzeitig überrascht, überrumpelt und schuldig wirkte – also exakt das, was ich war.
Wir. Golden Girls. Halb geschlossene Hosen. T-Shirt falsch rum an. Außer Atem. Es war ein Satz, der in jedem denkbaren Universum unwahr klang.
Vor der Tür stand tatsächlich der Mann aus dem Paar. Freundlich. Entschuldigung im Gesicht. Er habe etwas vergessen, sagte er. „Ach, überhaupt kein Problem“, hörte ich mich sagen. „Wir waren nur gerade dabei, Golden Girls zu schauen.“ Wir. Golden Girls. Halb geschlossene Hosen. T-Shirt falsch rum an. Außer Atem. Es war ein Satz, der in jedem denkbaren Universum unwahr klang.
Er nickte mit der Höflichkeit eines Menschen, der beschlossen hat, eine Situation nicht weiter zu verschlimmern, obwohl alle Beteiligten genau wussten, was gerade passierte. Dann ging er an mir vorbei, ich ging hinterher, mein Date existierte inzwischen irgendwo im Raum als schweigendes Bündel aus Restwürde und Textilien, und für einen kurzen Moment standen wir alle zusammen in diesem Schlafzimmer, in dem die Luft noch vor wenigen Sekunden deutlich erotischer gewesen war.
Die Kastrationszange neben dem Bett
Es gibt Momente, in denen Stille keine Abwesenheit von Reden ist, sondern ein aggressiver eigener Zustand. Das hier war so einer. Ich wollte irgendetwas sagen. Irgendetwas Normales. Irgendetwas, das die Situation entkrampfen würde. Vielleicht über das Wetter. Vielleicht über Berlin. Vielleicht über die tolle Wohnung, die sie mir so vertrauensvoll überlassen haben. Und dann fiel mein Blick neben das Bett. Dort lag, als hätte sie auf ihren dramatischen Auftritt den ganzen Tag gewartet, die Schweine-Kastrationszange. Ich hätte alles tun können. Mich davorstellen. Sie unauffällig verschwinden lassen. Den Blick umlenken. Aus dem Fenster springen.
Stattdessen hörte ich mich sagen: „Ach, bevor du dich jetzt fragst, warum da eine Kastrationszange neben dem Bett liegt: Ich halte Vorträge über Massentierhaltung und nehme die als Anschauungsmaterial mit.“ No Kink-Shaming, aber schon während ich sprach, merkte ich, dass dieser Satz nicht half. Er machte nichts besser. Er klang exakt wie die Ausrede eines Mannes, der in fremden Schlafzimmern mit sonderbaren Werkzeugen erwischt wird und sich in Echtzeit eine Geschichte dazu ausdenkt.
Nichts entzaubert den Mythos vom lässigen Großstadtsex so zuverlässig wie die Realität.
Der Typ sah mich an. Kurz. Dann sagte er, ganz ruhig: „Ja, ich weiß, was das ist. Ich bin Tierarzt.“ Es gibt Niederlagen, die laut sind. Diese hier war leise. Fast schon höflich. Ich weiß nicht mehr genau, wie die Situation sich danach auflöste. Was ich aber bis heute weiß: Nichts entzaubert den Mythos vom lässigen Großstadtsex so zuverlässig wie die Realität. Berlin mag eine Stadt sein, in der vieles möglich ist. Das heißt nur leider nicht, dass es elegant abläuft.
Man kann in dieser Stadt gleichzeitig halbnackt, panisch, untervermietet und neben einer Kastrationszange stehen, während man einem fremden Tierarzt im halboffenen Hosenbund erklären muss, warum neben seinem Bett ausgerechnet dieses Instrument liegt. Seitdem weiß ich: Sexuelle Freiheit ist schön. Aber sie schützt einen nicht vor Timing. Und schon gar nicht vor der Türklingel.
Jeff Mannes ist Soziologe, Geschlechterwissenschaftler, Sexualpädagoge und bietet in Berlin Stadtführungen zu Sexualgeschichte, Clubkultur sowie queerer Geschichte an.
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