Kommentar

Wie Berlin künftig seinen CSD organisieren könnte ...

9. Apr. 2021 Dirk Ludigs
Bild: Marcus Witte
Dirk Ludigs

... und man damit gleich ein paar andere Probleme der queeren Communities dieser schrecklich wunderbaren Stadt lösen würde. Ein Bewegungsmelder von Dirk Ludigs

Mit Ach und Krach hat der Berliner CSD e.V. Ende März und im zweiten Anlauf einen neuen Vorstand gewählt. Warum das keine gute Nachricht ist, hat Stephanie Kuhnen in der Siegessäule schon intensiv und ausreichend erörtert. Fünf schwule cis Männer, vier davon weiß, stehen nun mal nicht für den Aufbruch, den es gebraucht hätte, um den Berliner CSD aus seiner strukturellen Krise zu führen, in der er seit 2014, seit 1998 oder seit seinem Bestehen steckt, je nachdem, wen du fragst.

Strukturelle Krisen rufen nach neuen Strukturen. Als langjähriger Teilnehmer des Berliner CSD (auf meinem ersten marschierte ich am Abend meiner Ankunft in Westberlin 1984) und als queerer Journalist, der in den letzten 20 Jahren mehr Tinte über dieses Thema vergossen hat, als über irgendein anderes, möchte ich dieses Mal nicht nur Kritik üben, wie es der Job von Journalist*innen ist, sondern einen Vorschlag machen, wie es ab und zu eben auch der Job von Journalist*innen ist.

Dazu bin ich einen Schritt zurückgegangen, um das große Ganze in den Blick zu bekommen, habe mit einigen Leuten Gespräche geführt, meine Ideen diskutiert, ihre Machbarkeit geprüft. Keine der Ideen ist neu. Alle sind schon in verschiedenen Kontexten erprobt und erfolgreich umgesetzt worden. Deswegen wäre der Vorschlag meines Erachtens ein Schritt nach vorne, nicht nur was die Zukunftsfähigkeit des Berliner CSD betrifft, sondern auch die Zukunft der queeren Communities dieser Stadt.

Wenn der Berliner CSD das wichtigste Ereignis im queeren Kalender dieser Stadt bleiben und darüber hinaus im besten Sinne identitätsstiftend für alle queeren Menschen und Gruppen dieser Stadt sein oder wieder werden soll, dann müssen die drei Strukturprobleme seiner Organisation gelöst werden, die da lauten: Legitimation, Professionalisierung und Demokratisierung.

Mein Vorschlag versucht diese drei Probleme des Berliner CSD zusammen anzupacken – durch eine neue Struktur, eine neue Verfasstheit des CSD und der Communities, die er repräsentieren soll.

1. Legitimierung

Der Berliner CSD e.V. hat seit langem ein Legitimationsproblem, wenn es darum geht, einen CSD für alle zu organisieren. Von links, wie die vielen alternativen CSDs der letzten zwei Jahrzehnte beweisen. Von der Seite lesbischer Frauen, trans Personen und Menschen mit Migrationsgeschichte und allen anderen Gruppen, die im Vergleich zu schwulen Männern innerhalb des LSBTIAQ*-Spektrums marginalisiert und im Verein unterrepräsentiert sind. Seit neuestem, und das zeigt das Ausmaß der Krise, hat der CSD e.V. sogar noch ein Legitimationsproblem von Seiten derer, die ihm nicht einmal die Organisation einer kommerziellen Parade mehr zutrauen und deshalb aus dem Verein heraus eine Art Gegen-CSD planen.

Das Problem der fehlenden Legitimation liegt meines Erachtens in den Strukturen des CSD e.V. selbst begraben. Der wurde ja 1998 eigentlich aus der Not heraus gegründet. Die alten Trägervereine wollten das Risiko nicht mehr stemmen, eine Veranstaltung zu verantworten, die größer wurde, als ihre Schultern tragen konnten.

Ein CSD, der alle repräsentieren soll, darf aber auf Dauer nicht von einem Verein organisiert werden, der in Berlin nie mehr wurde als ein Verein unter vielen und in dem sich natürlich besonders Personen engagieren, die das Bedürfnis haben, die Organisation eines ziemlich kommerziellen Großevents zu ihrem Ehrenamt zu machen.

‚‚BIPOC oder trans* Personen haben andere und drängendere Probleme als sich im CSD e. V. zu engagieren"

Wer sich fragt, warum so wenige BIPOC oder trans* Personen sich im CSD e.V. engagieren, obwohl er doch „offen für alle“ ist, wie immer betont wird – die einfache Antwort lautet: weil die meisten Menschen aus diesen Gruppen andere und drängendere Probleme haben.

Anstelle des jetzigen CSD e.V., könnten Berlins queere Communities darum einen neuen Verein gründen, einen, der eben nicht nur ein weiterer Verein unter vielen ist. Wenn der CSD die Mutter der queeren Bewegungen Berlins ist, dann muss der Verein, der ihn organisiert, auch die Mutter aller queeren Gruppen und Vereine Berlins sein.

Der neue Berliner CSD e.V. sollte darum gemeinsam von möglichst allen Vereinen, Verbänden, Stiftungen und gemeinnützigen Gesellschaften gegründet werden, die ihren Sitz in Berlin haben und die sich mit queeren Themen beschäftigen. Ein Dachverband – ohne natürliche Personen als Mitglieder! (Wer jetzt schluckt: zum Thema Demokratisierung komme ich gleich!)

So etwas gibt es längst im Bereich der Aidshilfen. Die DAH ist Dachverband all der vielen großen und kleinen regionalen Aidshilfen. Weil jede Aidshilfe nur eine Stimme im Verein hat, werden die Kleinen nicht von den Großen untergebuttert. So sollte es auch im neuen CSD e.V. sein. Damit er darüber hinaus ein politischer Verein der Bewegungen bleibt, müssen auch gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen außen vor bleiben, d.h. Bars und Kneipen nein, der Regenbogenfonds der schwulen Wirte e.V. aber ja!

Ein solcher CSD e.V., der als Mutter aller queeren Vereine dieser Stadt fungiert, hätte auch ein paar andere schöne Effekte, neben dem, zur neuen Legitimierungsgrundlage des Berliner CSD zu werden. Seine Mitgliederversammlung wäre zum ersten Mal seit den Tagen des TBS endlich wieder ein Gremium des ganzen queeren Berlins, ein jährliches Treffen und eine LSBTIAQ*-Vollversammlung.

Ein erweiterter Vorstand könnte zudem ein Gremium sein, das dem Senat und damit der Landespolitik als Ansprechpartner*in dient, ein zentrales Scharnier zwischen Bewegungen und Politik, ähnlich wie das in Köln mit der „Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender“ schon etabliert ist. Für die Informationen zur Kölner Lokalpolitik bedanke ich mich bei der Aktivistin Ina Wolf.

2. Professionalisierung

‚‚Die Ressource Ehrenamt wird verheizt."

Was die jetzige Konstruktion dem Vorstand des CSD e.V. zumutet, ist fast unmenschlich und verschwendet, um nicht zu sagen verheizt, die Ressource Ehrenamt. Kein Wunder, dass kaum eine Person noch länger bereit ist, sich für die Organisation dieser Mammutveranstaltung zur Verfügung zu stellen, wenn am Ende kaum etwas übrigbleibt, als von allen kritisiert zu werden. Ein Wunder, dass diese Konstruktion nicht jedes Mal, sondern nur jedes zweite Mal in einem finanziellen und persönlichen Desaster endet.

Der neue CSD e.V., die Mutter aller Vereine, sollte darum als einzige Gesellschafterin eine gemeinnützige GmbH gründen, eine Veranstaltungsagentur, die langfristig und mit angemessen bezahlten Mitarbeiter*innen den Berliner CSD von der Demo bis zur Abschlussveranstaltung organisiert. Die Mitgliederversammlung kann sehr einfach beschließen, dass die Stellen in dieser gGmbH quotiert zu besetzen sind. 50 Prozent Frauen, 35 Prozent trans* oder inter* Personen, 35 Prozent BIPOC oder mit Migrationsgeschichte, 10 Prozent Menschen mit Behinderung, wäre mein Vorschlag, Intersektionen inklusive (darum ergibt die Addition mehr als hundert).

Nicht länger müssten Vorstände in ihrer Freizeit mehr oder weniger unbezahlt Werbeflächen für Großkonzerne bereitstellen. Nicht länger wäre es Glückssache, wer sich dazu bereiterklärt und ob darunter vielleicht auch eine Person mit Migrationsgeschichte oder eine Frau ist. Und all die Sponsoren und Firmen, die mit Diversity punkten wollen, hätten endlich professionelle Ansprechpartner*innen, die auf Augenhöhe das Beste für die Community herausholen, vor allem natürlich monetär, anstelle jedes Jahr neuen Nasen gegenüberzusitzen, die zufällig kompetent sein können, oder zufällig auch mal nicht.

Was die gGmbH erwirtschaftet, sollte entweder als Rücklagen verwendet werden oder fließt zurück in die Vereine und Verbände der queeren Communities Berlins. Das könnte nach dem Gießkannenprinzip passieren oder, was ich schöner fände, im Rahmen einer neuen Stiftung, die insbesondere marginalisierte und staatlich unterfinanzierte Gruppen des Regenbogens fördert, um die Ungleichgewichte des staatlichen Fördersystems auszugleichen.

Auch so etwas Ähnliches gibt es schon: Das SchwuZ ist ein eingetragener Verein von bewegten queeren Menschen und betreibt als einzige Gesellschafterin eine Kulturveranstaltungs-GmbH, die wiederum betreibt den Club und dessen Aktivitäten. Das funktioniert seit vielen Jahren außerordentlich erfolgreich. Für die Übertragung einer solchen Konstruktion auf den Berliner CSD  finden sich bestimmt ein paar findige Anwält*innen.

Wer sich in diesem Punkt an Robert Kastls Vorschläge erinnert fühlt: Niemand konnte 2014 bestreiten, dass Professionalisierung eine gute Idee ist. Seine Ideen waren nicht alle schlecht. Gescheitert sind sie (besser: ist er), weil er sie top-down und über die Köpfe der Communities durchziehen wollte. Das wäre dieses Mal völlig anders, die Professionalisierung würde bottom-up passieren – als ein Projekt der Communities selbst.

3. Demokratisierung

Wo bleibt die Basisdemokratie in diesem Konzept, dürft ihr nun zu Recht fragen. Schließlich ruft nichts so sehr nach Grassroots, wie der CSD mit seiner Geschichte als Erinnerungsveranstaltung eines Aufstands, als Demonstration für die Rechte aller queeren Menschen, egal ob organisiert oder nicht. So ist es!

Bisher übernahm diese Rolle das CSD-Forum, auf dem hauptsächlich das CSD-Motto und die Forderungen des CSD von den Menschen diskutiert werden, die an dem Abend Zeit und Muße haben, sich in ein CSD-Forum zu setzen. Das Plenum war eine schöne Idee der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts. So hat man sich Basisdemokratie damals vorgestellt und alle, die Plena in jenen Zeiten durchlitten haben, wissen, warum die Grünen sich von Basisdemokratie irgendwann verabschiedet haben.

‚‚Der neue Verein könnte digital ein permanentes CSD-Forum etablieren."

Das 21. Jahrhundert hat glücklicherweise neue, bessere Formen erfunden, um Basisdemokratie zu organisieren. An die Stelle des stark nach WG-Küche und der Diktatur des Sitzfleischs riechenden Konzepts des bisherigen CSD-Forums könnte der neue Verein digital ein permanentes CSD-Forum etablieren, mit den Mitteln von liquid democracy und delegated voting. Ein CSD-Forum, das viel stärker als bisher politisch meinungsbildend und damit auch einflussreicher werden kann, als das bisherige. Eine Idee, die der ehemalige CSD e.V. Vorstand Christian Knuth mit ins Spiel gebracht hat. Danke dafür!

Das also ist mein Vorschlag. Ich verstehe ihn als den Versuch, die Debatte über die Zukunft des Berliner CSDs konstruktiv voranzutreiben, eine Idee, an der entlang wir weiter diskutieren können, die aber schon mal eine Basis bietet. Die Teufelchen* stecken ganz bestimmt im Detail. Aber alle, mit denen ich im Vorfeld dieser Kolumne gesprochen habe, halten ihn und die Ideen darin für tragfähig und umsetzbar. Werden wir uns weiter streiten wie die Kesselflickenden? Ganz sicher! Werden Probleme auftauchen, an die wir jetzt noch nicht denken? Absolut!

Trotzdem: Der Berliner CSD braucht einen Neuanfang! Aber nach Corona brauchen wir den alle.

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