Wie queer ist Einsamkeit?
Warum leiden viele LGBTIQ* unter Einsamkeit? Und welche Rolle spielt die Community? Der Therapeut Jochen Kleres, der sich in seiner Praxis mit diesen Fragen beschäftigt, gibt Antworten und nimmt dabei das neue Buch „Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft“ von Lennart Herberhold in den Blick
Einsamkeit ist spätestens seit der Corona-Pandemie in aller Munde, und auch in queeren Kontexten ist sie immer wieder Thema. Kürzlich hat Lennart Herberhold unter dem Titel „Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben?“ eine vielschichtige journalistische und persönliche Erkundung dazu vorgelegt, in der er gut zwei Dutzend LGBTIQ* in der ganzen Republik zu ihren Einsamkeitserfahrungen befragt. In meiner eigenen therapeutischen Praxis und in meinen Workshops erlebe ich auch, wie sehr Einsamkeit gerade für queere Menschen und insbesondere auch in Großstädten wie Berlin ein drängendes Thema ist.
Einsamkeit lässt uns den Mangel an Beziehungen zu anderen Menschen spüren. Oder man hat tatsächlich viele, sogar intime Beziehungen und fühlt sich dennoch einsam, weil die nötige Resonanz, echte Nähe, Geborgenheit oder das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden, fehlen. Oft ist beides vermischt. Es ist ein Problem, das viele sich nicht eingestehen wollen. Menschen erzählen mir immer wieder, sie seien doch ganz sozial. Aber sind dann eines Abends all die Freund*innen nicht verfügbar, spüren sie ein quälendes, unbestimmbares Gefühl.
Viele sprechen über die Scham, die das Eingeständnis von Einsamkeit auslöst.
Viele sprechen über die Scham, die das Eingeständnis von Einsamkeit auslöst. Hat man versagt, wenn man einsam ist, stimmen gar homophobe Klischees von einsamen Queers – entfremdet von der Verwandtschaft, ohne eigene Familie? Es gibt viele Masken, hinter denen Menschen ihre Einsamkeit verbergen. Manche stürzen sich in Arbeit oder ein rastloses Privatleben. Schneller Sex kann den Eindruck vermitteln, ja doch begehrt zu sein. Wildes Partyleben kann einem zeitweise ein Gefühl von Gemeinschaft ermöglichen. Andere geben sich extravagant und errichten um sich herum Ansprüche an andere, die niemand erfüllen kann. Manche sind wie Igel, die in anderen schnell das Negative sehen und mit ihren Stacheln abweisen. Aber was ist queer an Einsamkeit?
Das quälende Gefühl, falsch zu sein
Einsamkeit hat fast immer mit Verletzungen zu tun. Um sie zu überleben, fahren wir Schilde um uns hoch. Sie schützen uns, aber sie können uns so sehr in Fleisch und Blut übergehen, dass wir niemanden mehr nah genug an uns heranlassen. Sehr viele queere Menschen haben Verletzungen erlebt. Das quälende Gefühl, falsch zu sein, offene Anfeindungen oder die subtilen Andeutungen von anderen zu spüren zu bekommen, dass man „anders“ ist.
HIV-Infektionen können eine weitere Quelle tiefer Scham sein. Die verschwindet mit dem Coming-out auch nicht unbedingt, sondern tritt oft nur in den Hintergrund und hinterlässt eine unbewusste Angst vor Zurückweisung sowie ein Bemühen um die Anerkennung anderer, wie Peter Fässlacher in „Die schwule Seele“ schreibt. In diesem Bemühen verbergen Menschen Teile ihrer selbst, und diese verborgenen Anteile vereinsamen, weil niemand sie mehr sieht. Das mag sich für manche noch verstärken im digitalen Raum. Herberhold schreibt, wie Dating-Apps das Miteinander verändert haben: wie uns Apps von echter Nähe und Begegnung entfernen, die Kommunikation dort oft vorhersehbar verläuft und über den Stress, zu wissen, dass man selbst nur eine Option unter vielen ist. Tatsächlich erfordern Apps wie Grindr eine möglichst strahlende Selbstpräsentation, die nicht alle leisten können und für die man fast immer Teile von sich selbst verstecken muss – beides kann einsam machen.
Freiheit mit Sex auf Drogen
Chemsex wiederum kann Gefühle der Freiheit und intensiver Verbundenheit ermöglichen, für manche ein ermächtigendes Mittel, um schwierigen Gefühlen wie Scham für kurze Zeit zu entgehen. Herberhold schildert dies anhand eines Mannes, der sagt: „Wenn ich Sex auf Drogen hatte, konnte ich mich frei fühlen. Ich habe mich zum ersten Mal selbst gemocht.“ Für ihn wie für andere verhindern Drogen, sich mit eben diesen schwierigen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Andere beschreiben ihre Einsamkeit im Zusammenhang mit Erfahrungen in queeren Communitys, wie SIEGESSÄULE-Herausgeberin Manuela Kay, die in Herberholds Buch ausführlich zu Wort kommt: „Die Community funktioniert immer weniger, finde ich, an der Stelle, wo man Unterschiede untereinander aushalten können müsste. Also, der Sinn einer Gemeinschaft ist doch, dass man das Gemeinsame über das Trennende stellt.“ Stattdessen herrsche ein gegenseitiges Belagern und Warten, dass jemand den nächsten falschen Ausdruck verwendet.
Queere Einsamkeit im Alter kann viele Ursachen haben, hat aber ebenfalls mit Community zu tun. Gerade über die schwule Szene wird gesagt, dass in ihr alte Menschen aussortiert werden. In jedem Fall fordert das Alter heraus, Wege zu finden, Sexualität und Identität zu leben. Wie gehe ich zum Beispiel damit um, wenn Entwicklungen wie Internetdating Formen sexuellen Kapitals fordern, die man mit zunehmendem Alter immer weniger besitzt, aber vielleicht auch nicht mehr bedienen möchte? Viele finden ihre eigenen, kreativen Lösungen, aber man kann daran auch vereinsamen.
Viele eint das Gefühl, dass die Pandemie ihre formativen Jugendjahre in Social Distancing ertränkt hat.
Jüngere LGBTIQ* haben ganz andere prägende Erfahrungen als ältere: Viele eint das Gefühl, dass die Pandemie ihre formativen Jugendjahre in Social Distancing ertränkt hat. Die Gesellschaft hat gerade erst begonnen, dieses kollektive Trauma zu verarbeiten. Ältere Queers haben hingegen vielleicht die Aids-Krise hautnah er- und überlebt oder die brutale Homophobie früherer Jahrzehnte, mussten ein Coming-out wagen mit Eltern, die von Krieg und Nationalsozialismus geprägt waren. Je mehr Raum jüngere Generationen in queeren Communitys einnehmen, umso weniger finden ältere Queers ein Gegenüber, das die eigenen Erfahrungen teilt – ein Mangel an Resonanz, der ebenfalls einsam machen kann. Zwar ist Einsamkeit ein unangenehmes, aber kein schlechtes Gefühl. Wie alle Gefühle zeigt es etwas an, informiert, in diesem Fall über Beziehungen. Wir können dieses Gefühl nutzen und uns von ihm antreiben lassen auf der Suche nach dem, was wir wollen und brauchen.
Herberhold führt das im Buch zu der Frage, wie wir als Community leben wollen, und zur Erkundung queerer Projekte. Das macht es zu einem politischen Buch, das über die umfassende Selbsthilfelektüre zum Thema hinausreicht. Sein Fazit: Wir brauchen reale Orte, an denen wir echte Beziehungen aufbauen können, wo wir uns in unserer Fülle begegnen können. Queers haben eine lange Tradition, sich eigene nicht kommerzielle Orte zu schaffen. Auch wenn solche Räume seltener werden, lebt insbesondere in Berlin diese Tradition fort, etwa mit der AHA, dem Sonntags-Club oder Vereinen.
Herberholds Buch erkundet zwar psychologische Gründe für Einsamkeit, bietet jedoch keine psychologischen Ratschläge. Stattdessen betrachtet er das Thema durch die Linse queerer Communitys. Dadurch eröffnet er eine neue, gemeinschaftliche Perspektive auf das Problem. Queere Einsamkeit verweist nicht zuletzt darauf, dass ein Teil von uns aus Gründen, die mit queeren Erfahrungen zusammenhängen, nicht in Beziehung zu anderen treten kann. Umso wichtiger ist es, ihr zuzuhören.
Lennart Herberhold: „Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft: Wie wollen wir leben?“
Querverlag, 288 Seiten, 18 Euro
querverlag.de
Podiumsdiskussion: Lennart Herberhold im Gespräch mit Anni Dunkelmann
28.06., 12:00
Berliner Bücherfest, Bebelplatz
berliner-buecherfest.de
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