Out in der Yellow Press

Wie viel Regenbogen steckt in der Regenbogenpresse?

23. Apr. 2026 Kurtie Boyle
Bild: privat
Zeitschriftenregal mit typischen Yellow-Press-Titeln

Aus linker, queeraktivistischer Sicht scheinen Boulevardzeitschriften vollkommen irrelevant. Aber mit ihrer enormen Reichweite – besonders in der Mitte der Gesellschaft und bei einem eher älteren, konservativen Publikum – macht es einen Unterschied, dass dort zuletzt immer öfter und immer selbstverständlicher über LGBTIQ*-Paare beziehungsweise Promis berichtet wird

Da sitzen sie nun, hellblaue Oberhemden, beide ein Bierglas in der Hand. Der Franz strahlt vor Glück. Sein Thomas schaut noch etwas schüchtern in Richtung Fotograf. Was wenig wundert, schließlich geht’s hier nicht ums Biertrinken. Sondern ums Flagge zeigen für eine Liebe, die lange nur im Verborgenen gelebt werden konnte. Wobei man wissen muss: „der Franz“ ist kein ganz gewöhnlicher Franz. Er ist Herzog Franz von Bayern.

Wäre das mit der deutschen Geschichte anders gelaufen, wäre er heute König von Bayern. Thomas ist seit vier Jahrzehnten der Mann an seiner Seite. Nun auch offiziell und für alle sichtbar. Der Herzog musste auf die 90 zugehen, bis das passieren konnte. Wen das interessiert? Nun, die Leser*innen vieler deutscher Publikumszeitschriften.

Maximale Reichweite

Ja, queere Liebesgeschichten haben’s geschafft in die Society-Spalten der Yellow Press. Wobei man sagen muss: die auflagenstarken Publikumszeitschriften und deren Leserschaft unterscheiden sich enorm. Während Leser*innen von hochpreisigen Titeln wie Gala und Bunte meist weltoffener, liberaler und queerfreundlicher eingestellt sind, dauerte es bei Titeln wie Das Goldene Blatt und anderen deutlich länger. Und da sind wir dann schon in der Gegenwart. Diese Publikationen werden überwiegend von Menschen über 55 Jahren konsumiert. Doch spätestens als beliebte Schlagerstars wie Kerstin Ott die Beziehung zu ihrer Frau so selbstverständlich behandelten, wie es sich gehört, fielen auch dort die letzten Schranken. Von Ralf Schumacher und seinem Étienne ganz zu schweigen. Das hat selbst konservativste Kommentator*innen durchgeschüttelt. Von wegen: Formel 1 ist jetzt schwul, niemand hat damit ein Problem. Seither ist Schumachers Markenwert, für Werbung, sogar gestiegen.

Titel wie Neue Post oder Das Goldene Blatt erreichen vornehmlich eine Leserschaft, die Wandel skeptisch gegenübersteht. Nun mag man solche Publikationen als unbedeutend abtun. Dabei wird vergessen, dass diese Promi-Blätter Meinungen ihrer Leserschaft verändern können – und dies auch tun. Wenn Oma und Opa nix Anstößiges mehr daran finden, dass ein Ross Anthony seine Liebe zu seinem Mann beim Strandspaziergang händchenhaltend zelebriert, dann kann so etwas durchaus auch gesamtgesellschaftlich etwas zum Besseren verändern.

Oft wird vergessen, dass diese Promi-Blätter Meinungen ihrer Leserschaft verändern können – und dies auch tun.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum SPD-Politiker Michael Roth die Bunte wählte, um über seine Ehe mit Michael Klöppner zu reden, seinen Burn-out und die Therapie, bei der er von seinem Partner liebend unterstützt wurde. Thematisch läge es näher, über all das mit queeren Medien auf Augenhöhe zu sprechen. Wenn da nicht die Sache mit der Auflage wäre. Size matters. Und viele Promis und Politiker*innen wollen maximale Reichweite – vielleicht auch ein weniger streitlustiges Gegenüber als das bei LGBTIQ*-Magazinen zu erwarten ist.

Im Kern des Mainstreams

„Eine gute Liebesgeschichte ist nun mal eine gute Liebesgeschichte“, weiß Buchautor Arndt Striegler im Gespräch mit SIEGESSÄULE zu berichten. Striegler schreibt seit vielen Jahren für die Gala über gekrönte Häupter und Stars und Sternchen. „Gerade queere Liebesgeschichten sind oft sehr bewegend, denn es mussten auf dem Weg zur trauten Zweisamkeit so viele Hürden, Anfeindungen und andere Widrigkeiten überwunden werden. Das berührt Leser*innen.“

„Gerade queere Liebesgeschichten sind oft sehr bewegend, denn es mussten auf dem Weg zur trauten Zweisamkeit so viele Hürden überwunden werden. Das berührt Leser*innen.“

Die neue Offenheit im Blätterwald könnte aber bald schon wieder in Gefahr geraten. Stichwort USA und Trump. Oder hierzulande die AfD. Striegler sieht diese Gefahr, glaubt jedoch nicht, dass sich das Blatt in Deutschland so rasch wenden wird. „Deutschland ist nicht Amerika“, sagt er. Würde er die Yellow Press als Bollwerk gegen radikale Spinner einstufen? Auf alle Fälle werde es schwer, das Erreichte wieder rückwärts abzuwickeln, meint er, wenn Millionen Menschen sich beim Friseur oder Zahnarzt oder am Kiosk an die Sichtbarkeit von LGBTIQ* im Boulevardblatt ihres Vertrauens gewöhnt haben. Das sei gut so. Auch, dass Veränderung nicht nur an den progressiven Rändern unserer Gesellschaft stattfindet, sondern im Kern des Mainstreams, der sich nicht so schnell bewegt.

Interessanterweise existiert dazu bislang kaum Forschung – es gibt also definitiv Nachholbedarf. Denn wie die „goldenen“ und „bunten“ Blätter LGBTIQ* framen, verrät viel über die Grundtemperatur unseres Landes bezogen auf Queerpolitik. Weswegen es lohnt, genau hinzuschauen. Gerade jetzt, mit acht anstehenden Landtags-, Kommunal- und Abgeordnetenhauswahlen 2026. Auch bei Herzog Franz in Bayern und in Berlin.  

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