Premiere am 28. Januar

Zaza ist zurück: „Ein Käfig voller Narren“ an der Komischen Oper

24. Jan. 2023 Ecki Ramón Weber
Bild: Monika Rittershaus

Barrie Koskys erste Gastinszenierung an der Komischen Oper bringt den Drag-Klassiker „La cage aux folles“ („Ein Käfig voller Narren“) auf die Bühne

Im Januar 1984 hält sich ein 16-jähriger Australier für eine Woche zu Besuch in New York City auf. Natürlich treibt er sich auch am Broadway herum. Eines Mittags stößt er auf die Werbung des Musicals „La cage aux folles“. Das ist gerade der neueste Hit im Big Apple: Komponist Jerry Herman und Librettist Harvey Fierstein haben auf der Basis der gleichnamigen französischen Boulevardkomödie, 1978 auch erfolgreich verfilmt, einen Musical-Coup gelandet. Der junge Barrie Kosky kauft sich eine Karte. Der Zauber der Show trifft ihn direkt und auch die Botschaft ihres größten Hits „I Am What I Am“, die vor Stolz und Selbstbewusstsein strotzende queere Hymne.

Heute sagt Regisseur Barrie Kosky: „Für mein Theaterverständnis war ,La cage aux folles‘ wichtig, weil ich damals gesehen habe, wie man eine große Show machen kann. Gleichzeitig hat mich die Liebesgeschichte von Zaza und Georges, die darin erzählt wird, tief berührt.“ Seitdem wollte der theaterbegeisterte Jüngling, der seine Leidenschaft schließlich zum Beruf machte, das Stück inszenieren.

„Ich suchte eine besondere Zaza."

Nur – warum kam es dann nicht während Barrie Koskys Intendanz ab 2012 auf die Bühne der Komischen Oper? „Es gab so viele Wünsche, ich hatte einen regelrechten Stücke-Stau“, gibt er zur Antwort. „Von den Musicals wollte ich erst ,West Side Story‘ machen, dann ,Anatevka‘ und dann ‚La cage aux folles‘. In der Reihenfolge war es geplant. Außerdem suchte ich eine besondere Zaza. Diesen Darsteller habe ich erst in den letzten Jahren gefunden.“

Die Rede ist von Schauspieler und Sänger Stefan Kurt, der im Haus u. a. in der Hollywood-Bananenrepublik-Operette „Clivia“ und in der Spoliansky-Revue „Heute Nacht oder nie“ mitgewirkt hat. Ihm zur Seite als Partner Georges steht Komische-Oper-Urgestein Peter Renz, der vom kindlichen Liebesgott Amor in Monteverdis „Orpheus“ bis zum lebensklugen Doc in Bernsteins „West Side Story“ eine große Bandbreite an Charakteren spielte. „Es ist ein Paar über sechzig. Sie haben viele Jahre Beziehung hinter sich. Das ergibt eine weitere berührende Ebene“, so Barrie Kosky zu dieser Konstellation. „Ich versuche zwei Sachen zu machen, die Intimität der Beziehung in all ihren Facetten zu zeigen und das, was wir an der Komischen Oper mit den anderen Musicals schon präsentiert haben: die groß besetzte Form. So wie ich es damals in New York bei der Uraufführungsproduktion erlebt habe.“

Drag in all seinen Facetten

Und die Kunst des Drag in seinen vielen Facetten kommt natürlich auf die Bühne: von der klassischen Travestie, also alter Schule, mit ihrer Leidenschaft, Grazie und Eleganz, für die Zaza steht, über die Spielarten des Trash und der Übersteigerung bis zu heutigen genderfluiden Drag-Acts im Tanzensemble.

Außerdem gibt es einen Clou: Die Nebenrolle der Jacqueline wird in der Neuinszenierung stark aufgewertet. Jacqueline, das ist die sonst eher kühl und farblos daherkommende Mutter von Georges‘ Sohn Jean-Michel. Hier dreht Barrie Kosky die queere Schraube noch ein wenig weiter: Die Rolle wird von Helmut Baumann, der einst als Zaza Theatergeschichte geschrieben hat, verkörpert. 1985, nur zwei Jahre nach der New Yorker Uraufführung, fand die europäische Erstaufführung mit Baumann in Berlin statt.

Die Inszenierung stand dem Broadway praktisch in nichts nach: Bei der Premiere im Theater des Westens sollen wegen des tobenden Beifalls die Kronleuchter im Saal bedenklich gewackelt haben. Diejenigen, die das miterlebt haben, bekommen heute noch leuchtende Augen, wenn sie davon erzählen. Jacqueline wird bei Barrie Kosky also zu einer Drag-Kollegin von Zaza: Eine einstige Frau, die das Geschlecht wechselte – oder schon immer nicht binär war – und nun als Frau performt. Mit der Besetzung von Helmut Baumann schließt die Neuinszenierung von „La cage aux folles“ an Genderfluidität von heute an und bietet gleichzeitig eine Hommage an ihre erfolgreiche Geschichte.

La cage aux folles (Ein Käfig voller Narren),
28.01., 19:00 (Premiere), 03.02., 19:30, 05.02., 16:00,
Komische Oper Berlin

komische-oper-berlin.de

Bild: Monika Rittershaus

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