Kommentar zur Pride-Parade am 9. September

„Wir nehmen uns nicht zurück!“ – 10 Jahre „Behindert und verrückt feiern“

8. Sept. 2023 Tom Geserich
Bild: Sally B
Demonstrierende bei der „Behindert und verrückt feiern“-Pride-Parade, 2019

Morgen, am 9. September findet die „Behindert und verrückt feiern“-Pride-Parade in Berlin unter dem Motto „Behindert und verrückt – auf die Straße zurück!“ statt. Zum 10-jährigen Jubiläum der Veranstaltung wünscht sich Tom Geserich aus dem Orga-Team, dass andere LGBTIQ* zu einem selbstverständlicheren Umgang mit behinderten Personen finden

Vor 10 Jahren wurde die „Behindert und verrückt feiern“-Pride-Parade ins Leben gerufen. Das Konzept des Pride, das queeren Menschen so vertraut ist, wurde auch von anderen sozialen Bewegungen aufgenommen: Die Krüppel- und Disability- bzw. Mad-Pride-Bewegungen, die in den 1970er-Jahren erstarkten, wandten das Konzept auf behinderte und/oder neuroatypische, „verrückte“ Personen an. Aus ihnen kamen die berühmten Slogans „Nichts über uns ohne uns“ oder „Jedem Krüppel seinen Knüppel“. Letzterer wurde sogar wortwörtlich genommen: 1981 schlug der Aktivist Franz Christoph dem damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens mit seiner Krücke gegen das Bein und die behindertenfeindliche Politik, die er vertrat. Wir als Teil der „Behindert und verrückt feiern“-Pride-Parade folgten in deren Fußstapfen.

Zurück auf die Straße nach zweijähriger Pause

Nach einem Jahrzehnt gilt weiterhin: Wir nehmen uns nicht zurück! Wir bleiben zu lahm, zu komisch, zu langsam sprechend, zu verrückt, kompliziert, faul, hochsensibel. Zu behindert und verrückt. Es geht uns darum, Kämpfe von behinderten Menschen und Individuen mit psychiatrischen Diagnosen auf Basis von emanzipatorischen linken Ideen zusammenzuführen. Deswegen spricht die Parade jeden an, der das Gefühl hat, ausgeschlossen zu sein: Alle, deren Lebenswert von den ableistischen Triage-Gesetzen angezweifelt wird. Alle, die in Behindertenwerkstätten ausgebeutet werden. Alle ohne Aufenthaltstitel, die keinen Zugang zu Hilfsmitteln oder Teilhabeleistungen haben. Wir solidarisieren uns und fordern, dass die Bundesregierung ihrer Verantwortung zum allumfassenden Abbau gesellschaftlicher Barrieren nachkommt.

Die Corona-Zeit erlaubte es uns nicht, auf den Straßen präsent zu sein. Wir machten trotzdem weiter: Wir schufen eine Parade in Form eines Filmes, der verschiedenen Aktivist*innen und Betroffenen das Wort gab und den ihr auf unserem YouTube-Kanal sehen könnt. Nun kehren wir endlich auf die Straße zurück. Am 09. September beginnen wir um 15:00 am Hermannplatz und rollen, humpeln und bewegen uns in Richtung des Cafés Südblock am Kottbusser Tor. Dort erwarten euch Redebeiträge, Performances und Livemusik.

„Das Potenzial von queeren, verrückten und behinderten Prides ist kostbar und revolutionär.“

Unsere Kämpfe und plurale Gemeinschaftsbildung sind wichtiger denn je! Das Potenzial von queeren, verrückten und behinderten Prides ist kostbar und revolutionär. Wir behinderten Menschen sind Teil der queeren Community, wir waren schon immer mehr als ein Nachgedanke. Dies auszusprechen mag banal erscheinen, doch werden wir zu oft übersehen, nicht als begehrenswert wahrgenommen und haben keinen Zugang zu queeren Räumen. Dies gilt es zu ändern. Daher ist es Zeit für mehr Selbstverständlichkeiten: Selbstverständlich ist die „Behindert und verrückt feiern“-Parade ein queerer Ort.

Selbstverständlich sind queere Räume ein Ort der Zugänglichkeit für behinderte und verrückte Menschen. Wir können es kaum erwarten, endlich wieder ungehalten so behindert, verrückt und queer auf der Straße zu sein. Radikal und sichtbar. Macht ihr mit? Wir sehen uns am Samstag, dem 09. September, um 15:00 am Hermannplatz! Versteht sich von selbst.

„Behindert und verrückt feiern“-Pride-Parade
Startpunkt:
09.09.2023, 15:00 am Hermannplatz,
Route: Kottbusser Damm, Kottbusser Brücke, Kottbusser Straße,
Endpunkt: Admiralstraße 1-2,
Im Anschluss: Bühnenprogramm am Südblock mit Redebeiträgen, Spoken Word und Musik u. a. von 21 downbeat, MorganXAmethyst, Kevienella, Supa Star Soundsystem.
Mehr Infos: pride-parade.de

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