Berlin

Schwulenverfolgung in Tschetschenien: Mahnwache nur ein Teilerfolg?

3. Mai 2017
Florian Filtzinger bei der Mahnwache vor dem Berliner Kanzleramt © Avaaz

Nach großem öffentlichen Druck äußerte sich Merkel beim Treffen mit Putin zur Lage der Schwulen in Tschetschenien. Ein Gespräch mit Florian Filtzinger, der die Berliner Mahnwache mitorganisierte

„Sag Putin, dass er die Ermordung von schwulen Männern in Tschetschenien beenden soll!“, stand auf einem der Plakate, die während der dreitägigen Mahnwache (30.04. –02.05.) vor dem Berliner Kanzleramt zu sehen waren. Die Aktion erreichte ihr Ziel: Am Dienstag sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in Sotschi bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten Putin die Schwulenverfolgung in Tschetschenien an und forderte die Einhaltung von Menschenrechten. Wir fragten Aktivist und Hauptorganisator der Mahnwache Florian Filtzinger nach den Beweggründen für die Aktion und ob Merkels Reaktion seiner Ansicht nach ausreichend sei.

Florian, wer steckt hinter der Aktion? Hinter der Aktion steckt das „WeMind!“-Kollektiv, eine Gruppe von AktivistInnen, die sich in den letzten Jahren zusammengefunden hat. Ich habe nach mehreren gemeinsamen Aktionen und Kampagnen beschlossen, dem ganzen ein Dach zu geben. Es sollte ursprünglich ein Verein werden, was vieles – wie zum Beispiel Anmeldungsabläufe – vereinfacht hätte. Allerdings wollten wir uns nicht in diese altbackene Struktur zwängen. Als Kollektiv sind wir weit agiler!

Warum habt ihr als Form des Protests eine Mahnwache mit einem Käfig gewählt? Ich beschloss etwas zu tun, nachdem ich gesehen habe, wie wenig auf den Straßen passiert. Enough is Enoughs Trauermarsch war eine tolle Veranstaltung, danach beschränkte sich alles auf „Online-Aktivismus“. Mir war vor allem wichtig, dass etwas Fassbares passiert, sichtbar, auf der Strasse und ein bisschen in die Fresse! Nachdem ich mich mit meinen Freunden des Kampagnen-Netzwerkes Avaaz beraten hatte, wollte ich so ein Camp nachbauen! Das war mit dem Käfig recht gut symbolisch darzustellen. Meine Hauptmotivation, mich jetzt zu engagieren, war allerdings die Angst, dass wenn ein Land der Welt ohne internationalen Aufschrei mit einer solch professionalisierten und systematischen Verfolgung durchkommt, die Länder, in denen Verfolgung ohnehin stattfindet, gleiche Mittel anwenden werden. Deswegen die Aktion!

Wie war der Widerhall in der Community? Hattet ihr viele UnterstützerInnen? Ich war sehr erstaunt über das große Feedback, das wir bekommen haben, und bin sehr glücklich über die rege Teilnahme an der Mahnwache. Es gab jedoch auch ein paar wirklich schwierige Momente: Zwar wurde unser Aufruf für die Nachtschicht von Montag auf Dienstag hunderte Mal geteilt, aber es gab keine konkreten Anrufe oder Nachrichten von Leuten, die sich beteiligen wollen. Nachdem ich selbst 15 Stunden vor dem Kanzleramt war, verließ ich die Mahnwache also recht besorgt. Als ich aber daheim ankam, erhielt ich die Nachricht, es seien mittlerweile schon sieben Personen vor Ort!

Merkel hat gestern in einer Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten die Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien angesprochen. Denkst du das reicht und glaubst du, dass auch eure Aktion zu dieser Thematisierung beigetragen hat? Nein, das reicht auf keinen Fall. Wir haben damit einen großen Teilerfolg erreicht, ja! Mit wir meine ich in dem Fall Avaaz, AllOut und das Aktionsbündnis, Enough is Enough, unsere Leute vor Ort. Die Mahnwache war ein kleiner Teil in dem Puzzle, das den Druck erhöht und zur jetzigen Situation geführt hat. Jetzt kommt es allerdings darauf an, was Putin wirklich unternimmt. Wir sind mit Schwulen vor Ort in Kontakt, beobachten die Situation ganz genau! Und wenn es nötig ist, dann kommen wir zurück. Es ist wichtig, dass die Unterdrücker dieser Welt verstehen: The whole world is watching you!


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