Weimarer Republik

Babylon Berlin? Vom Mythos der wilden 20-er Jahre

28. Aug. 2019 Jeff Mannes
Foto: Robert.M Berlin/ robertm.de

Die Jahre der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 gelten als eine Blütezeit für die Stadt Berlin sowie für ihre LGBTI* Community. SIEGESSÄULE-Autor Jeff Mannes hat sich auf Spurensuche begeben

Beim Thema Sex gilt vielen Berlin als die vielleicht liberalste Stadt der Welt. Das liegt u. a. auch an den vielen Cafés, Bars und Clubs für queere Menschen. Gut 100 queere oder explizit queer-freundliche Lokalitäten sind über die ganze Stadt verteilt.

Im Berlin der Weimarer Zeit lag die Zahl aber vermutlich sogar noch höher, wenn auch nicht unbedingt zeitgleich: Schätzungen gehen von bis zu 200 Lokalen für queere Menschen aus, die zwischen 1919 und 1933 in Berlin existierten. Rund 80 davon richteten sich gezielt an Frauen*, eine noch größere Anzahl an Männer*. Und das in der Zeit des Paragrafen 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Wie war so etwas möglich?

„Diese ganze fest genormte Gesellschaft brach auf“

So wie der Geschichtsprofessor Robert Beachy in seinem Buch „Das andere Berlin – Die Erfindung der Homosexualität” schreibt, lag dies ironischerweise zu einem großen Teil an Leopold von Meerscheidt-Hüllessem, der zwischen 1885 und 1900 Leiter des Homosexuellendezernats der Berliner Polizei war. Dieser zog es vor, zwecks besserer Kontrolle queere Lokalitäten zu tolerieren, anstatt sie durch Verbote in den viel weniger kontrollierbaren Untergrund zu treiben. Dies etablierte eine Politik, die die anstehenden liberalen 20er-Jahre mit vorbereitete.

Ab 1919 begann die Berliner Polizei dann mehr und mehr, den Paragrafen 175 zu ignorieren, wenn auch nicht vollständig. Der Wechsel von der Kaiserzeit in die Demokratie brachte zudem eine radikale Öffnung mit sich. So erklärt es auch Sigrid Grajek: „Diese ganze fest genormte Gesellschaft brach auf. Die Leute waren nach dem Ersten Weltkrieg zudem hungrig nach Leben.” Seit 14 Jahren tourt die Kabarettistin mit ihrem Programm über die in den 20er- Jahren deutschlandweit bekannte lesbische Kabarettsängerin Claire Waldoff. „Sie war damals das, was Lady Gaga heute ist”, meint Grajek. „Sie hatte einen Bekanntheitsgrad von 100 Prozent, absolut jeder Mensch kannte sie. Sie lief permanent im Radio, jeden Monat gab es eine neue Platte. Rund 300 Lieder hatte sie veröffentlicht.” Darunter auch solche mit queeren Themen, beispielsweise „Hannelore“, ein Lied über eine androgyne, bisexuelle Frau.

Bubikopf und Monokel

Überhaupt war das Leben vor allem auch für viele Frauen in Berlin mit dem Beginn der Weimarer Republik ein großer Befreiungsschlag. „Dadurch, dass die Frau das Wahlrecht bekam, änderte sich die Geschlechterdynamik”, betont Grajek. „Bedingt auch durch den Krieg hatten Frauen Positionen übernommen, die vorher nur Männern vorbehalten waren.”

Das habe man anschließend nicht mehr zurückdrehen können. „Frauen haben im wahrsten Sinne des Wortes die alten Zöpfe abgeschnitten: Der Bubikop war die Frisur des Tages und ein androgyner Stil setzte sich durch.” Zudem wollten Frauen jetzt Hosen tragen. Grajek fährt fort: „Claire Waldoff ist mit Krawatte aufgetreten und hat den modischen Trend gesetzt, dass dies nun auch Frauen dürfen.”

„Das nannte man auch ,monokeln gehen’, wenn Frauen zum Beispiel in Frack, Zylinder und eben mit Monokel ausgingen”, erklärt Else Edelstahl, Organisatorin der 20er-Jahre-Partyreihe „Bohème Sauvage“. Vor rund 15 Jahren veranstaltete sie den ersten Event im Stil des Weimarer Berlins. Seitdem ist die Party zu einem großen Erfolg nicht nur in Berlin, sondern auch in Köln, Hamburg, Zürich und Wien, mit je 500 bis 1.000 Gästen herangewachsen. „Das war damals sogar richtig angesagt, dass Frauen Männerklamotten trugen, selbst wenn sie gar nicht lesbisch waren. Marlene Dietrich hat dies dann aufgegriffen und international populär gemacht.”

Toppkeller, Eldorado und das Institut für Sexualwissenschaft

Im weltbekannten Toppkeller, dem Berliner Lesben-Club unweit vom Nollendorfplatz, den auch Claire Waldoff regelmäßig besuchte, wurde jede Nacht das „Lila Lied“ von einer Domina angestimmt und alsbald vom ganzen Lokal laut mitgesungen. Das Lied kann wohl als die erste queere Hymne der Welt bezeichnet werden und war landesweit auch bei Heterosexuellen bekannt. „Wir sind nun einmal anders als die andern“, heißt es im Refrain des Liedes – übrigens auch der Titel des weltweit wohl ersten queeren Spielfilms.

Nicht weit entfernt vom Toppkeller, in der Schöneberger Motzstraße, lag der da- mals vielleicht berühmteste Nachtclub der Welt: das Eldorado. Der Laden war insbesondere für die vielen „Transvestiten“ berühmt, die hier sowohl auf der Bühne auftraten, als auch Gäste waren. Der Begriff „Transvestit“, der durch den Gründer der modernen Sexualwissenschaft und der weltweit wohl ersten Organisation für die Rechte von LGBTI*, Magnus Hirschfeld, geprägt wurde, war damals noch eine Sammelbezeichnung für Menschen, die wir heute als trans* sowie als Dragqueens, Dragkings und Crossdresser bezeichnen würden. Wie Mel Gordon in seinem Werk „Sündiges Berlin: Die zwanziger Jahre: Sex Rausch, Untergang“ aufzeigt: Von Nazis wie Ernst Röhm über konservative Heteropärchen bis hin zu zahlreichen linken Aktivist*innen und Künstler*innen: das Eldorado zog eine unglaubliche Vielfalt an Menschen an.

Auch der schwule Christopher Isherwood, einer der einflussreichsten britisch-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, verkehrte hier. Seine Erlebnisse im Eldorado und anderswo im Berliner Nachtleben flossen in seinen Bestseller „Goodbye to Berlin“ ein, der später die Vorlage des Musical-Welterfolgs „Cabaret“ werden sollte.

All dies verschaffte auch der queeren Wissenschaft einen nie dagewesenen Auf- schwung. 1919 eröffnete Magnus Hirschfeld im Tiergarten das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaft. Mit seiner Theorie der sexuellen Zwischenstufen, die das Modell der Zweigeschlechtlichkeit schon vor mehr als 100 Jahren ablehnte und erstmals auch intergeschlechtliche Menschen berücksichtigte, erlangte er Berühmtheit.

„Es wird oft vergessen, dass dies für viele Leute unendlich elende Zeiten waren. Es war eben nicht nur Federboa, Kokain und nackte Beine“

Trotz dieser offensichtlichen geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt war das Leben häufig von Elend geprägt. Bittere Armut grassierte, und während selbstbestimmte Sexarbeit zwar auch eine Rolle im Weimarer Berlin spielte, so waren nichtsdestotrotz laut Mel Gordon auch viele queere Menschen aus finanzieller Not dazu gezwungen, Sex zu verkaufen, oder wurden Opfer von Menschenhandel. So wurden zum Beispiel Mädchen ab zwölf Jahren nach einem Telefonanruf als „Telefon-Mädchen“ mit der Limousine zu wohlhabenden Männern nach Hause „geliefert“. Währenddessen boten sogenannte Puppenjungs ab neun Jahren auf der Straße Sex im Austausch gegen Essen, Zigaretten oder ein Dach über dem Kopf an.

„Es wird oft vergessen, dass dies für ganz viele Leute unendlich elende Zeiten waren”, betont auch Sigrid Grajek. „Viele konnten nicht an diesen Feierlichkeiten teilhaben, sondern sind regelrecht verhungert.” Es habe furchtbare Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit gegeben. Manche hätten in Schichten geschlafen, indem sie für acht Stunden einen Strohsack mieteten. „Es war eben nicht nur Federboa, Kokain und nackte Beine, sondern auch Hunger, Geschlechtskrankheiten und Abtreibungen in Hinterzimmern auf Küchentischen.“

Verruchtheit und Sex-Appeal: Das Image des Weimarer Berlin

Doch warum rezipieren wir heute die 20er- Jahre in Berlin als eine einzige rauschhafte queere Party? „Der Mythos Weimar ist natürlich besonders auf das Nachtleben, Kunst und Kultur sowie auf den sexuellen Freischlag bezogen“, meint Else Edelstahl. „Aber man vergisst leicht, dass es das auch davor immer schon gab. Nur wurde es halt in den 20ern etwas mehr salonfähig.“

Nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland werde das Weimarer Berlin vor allem mit Verruchtheit und Sex-Appeal verbunden. „Deswegen ist es, glaube ich, auch zu so einem Mythos geworden.“ Das Revival begann bereits in den 70ern mit ersten 20er-Partys, erklärt Else. „In den späten 70ern und frühen 80ern wurde es dann vermehrt von Künstler*innen wie Klaus Nomi oder David Bowie aufgegriffen.“ Diese künstlerische Verarbeitung habe einen sehr großen Einfluss auf die Mythenbildung gehabt.

Sehr zentral hierbei auch die 1972 angelaufene Filmadaption des „Cabaret“-Musicals mit Liza Minelli, wie Sigrid Grajek betont: „Die Bücher von Christopher Isherwood, auf denen der Film basiert, haben viele wahrscheinlich nicht gelesen. Aber der Film hat wie durch ein Brennglas diesen Mythos für nachfolgende Generationen geprägt. Egal, wo du das heute aufführst: Das Haus ist voll!“

TV-Serie „Babylon Berlin“: Queers nur als Nebencharaktere?

Auch für Sigrid spielt das Sexuelle im Kontext der Mythenbildung um die 20er- Jahre in Berlin eine große Rolle: „Es war eine Zeit der Entdeckung des eigenen Körpers, man hat sich die Kleider vom Leib gerissen. Und es war auch eine Zeit von Extremen, von Orgien, von Drogen. Das hat für viele heute den Reiz des Verbotenen, der Grenzübertretung, des Ausprobierens und des Vergessens.“ Dieser Taumel, in dem das alles stattfand, erscheine bis heute ungemein attraktiv. „Es ist ein bisschen Sodom und Gomorrha. Und für die, die das ablehnen, hat es natürlich den Reiz des Ekels.“

Nicht zuletzt trug auch die deutsche Serie „Babylon Berlin“ zu diesem Mythos bei. „Leider hat die Serie die Weimarer Zeit ,verheterosexualisiert’”, bedauert Regisseur Yony Leyser. Der in Berlin lebende Filmemacher aus Chicago nimmt in seinem eigenen Werk „Desire Will Set You Free“ über die heutige queere Szene der Hauptstadt auch Bezug auf das Berlin der 20er-Jahre. „Die Zeit ist berühmt für die gesellschaftliche Sichtbarkeit homosexueller, jüdischer und transgeschlechtlicher Menschen sowie der Travestie-Shows. In ,Babylon Berlin’ sind diese Menschen jedoch nur Nebencharaktere.”

„Tanz auf dem Vulkan“ zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Aufkommen des Nationalsozialismus

Für Leyser ist die falsche und mythisch überhöhte Rezeption des Weimarer Berlins auch dem Umstand geschuldet, dass viele heute glauben, alle queeren Menschen dieser Zeit seien progressiv gewesen. Insbesondere unter schwulen Männern gab es jedoch einige, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierten.

Prominentestes Beispiel hierfür ist sicherlich Ernst Röhm, enger Freund von Hitler und Leiter der paramilitärischen Sturmabteilung der NSDAP (SA). „Es gab unter den frühen Nazis viele Schwule“, erklärt Leyser. „Und diese wollten sich mit solchen, die sie als ,ideale Männer’ erachteten, umgeben.” Aber auch außerhalb der NS-Organisationen habe es rechtsextreme Schwule gegeben, zum Beispiel unter den sogenannten Maskulinisten – eine der ersten Schwulenbewegungen. „Die waren nicht nur Nazi-Sympathisanten, sondern auch extrem misogyn und antisemitisch.“

Das Berlin der Weimarer Zeit war ein heftiger Tanz auf dem Vulkan zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Entsprechend schnell waren die „Goldenen 20er“ auch wieder vorbei. Nachdem 1932 das Eldorado und viele andere Clubs aufgrund eines neuen Polizeivorstands, der „der Perversion Einhalt gebieten wollte“, schließen mussten, war das Institut für Sexualwissenschaft einer der ersten Orte, die nach der „Machtergreifung“ 1933 den Nazis zum Opfer fielen. „Am Ende dieser hedonistischen Zeit stand das genaue Gegenteil: die Diktatur und das Verbot“, erklärt Grajek. „Es war die Ausmerzung des Andersartigen.“

Parallelen zur Gegenwart?

Nicht wenige sehen deshalb auch Parallelen zum Berlin der Gegenwart. „Die Feierkultur heute hat ja etwas vergleichbar Eskapistisches“, überlegt Else Edelstahl. „Damals gab es bereits viele Menschen, die vor dem Aufstieg des Faschismus gewarnt haben, lange bevor Hitler die Macht ergriff. Viele haben es geahnt und hatten Angst. So wie viele von uns heute Angst vor der AfD haben. Der erste Warnschuss ist bereits gefallen.“

Yony Leyser beobachtet mit Sorge, dass sich auch die LGBTI*-Community immer weiter nach rechts verschiebt. „Wir bewegen uns zudem immer mehr Richtung Antidekadenz. Einer der Grunde, warum manche die NSDAP wählten, war eine Antidekadenz-Haltung gegen das Weimarer Berlin.” Eine Dekadenz, die damals als Reaktion auf die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges entstanden sei, als die Menschen nicht wussten, was morgen sein würde und deswegen das Heute genießen wollten. „Hier kann man Parallelen zum Berlin seit dem Mauerfall bis heute ziehen. Ich sage nicht, dass dies auch wieder in einer Zeit des Rechtsradikalismus enden muss. Aber die reale Gefahr ist da.“

#queer#QueereGeschichte#Berlin#LGBTI*#20er-Jahre#BabylonBerlin#WeimarerRepublik