Neues Buch von Axel Schock

„Aids: Chronik einer Pandemie“ – Geschichte einer verwundeten Community

26. Okt. 2026 Interview: Kevin Clarke
Bild: Natalia Reich
SIEGESSÄULE-Autor Axel Schock

Die Aidskrise hat die schwule Community tief geprägt, doch die Erinnerung verblasst. In seinem Buch „Aids: Chronik einer Pandemie“ zeichnet Axel Schock die Geschichte von HIV und Aids von den Anfängen bis heute nach. Vor der Berliner Buchpremiere sprach SIEGESSÄULE mit ihm darüber, warum diese Geschichte uns bis heute angeht und was nicht vergessen werden darf

Axel, du hast gerade den 654-Seiten-Wälzer „Aids: Chronik einer Pandemie“ bei der Edition Suhrkamp veröffentlicht. Wieso brauchen wir im Jahr 2026 noch ein Buch zu diesem Thema – und dann auch noch ein derart umfangreiches? Das sind gleich mehrere große Fragen zum Einstieg. Brauchen wir eine solche Geschichte der HIV-Pandemie? Ich denke ja, denn bislang gibt es sie nicht, zumindest nicht in dieser umfassenden Form – soweit ich das überblicken kann, auch nicht in anderen Sprachen. Diese Pandemie hat nicht nur Generationen schwuler Männer geprägt, sondern wirkt sich bis heute weitreichend auf die gesamte Gesellschaft aus. Eines meiner Anliegen war es, all das in einen Gesamtkontext zu stellen. Dass das Buch so umfangreich geworden ist, liegt auch daran, dass es so viele Geschichten und Aspekte zu erzählen gibt. Die Geschichte von HIV – von den Anfängen um 1900 bis Ende 2025 – ist gerade aus globaler Perspektive komplex und vielfältig, aber auch überraschend spannend. Mir war deshalb wichtig, das Buch mit ausführlichen Quellennachweisen und einem umfangreichen Sach-, Orts- und Personenregister zu versehen, damit man gezielt nach bestimmten Themen suchen und mit dem Buch arbeiten kann.

„Wäre sie nicht gewesen, hätte sich damals die Lebenssituation insbesondere für schwule Männer gänzlich anders entwickelt, mit Folgen bis in die Gegenwart.“

Es geht mit einem Zitat von Rita Süssmuth los, das deinem Vorwort vorangestellt ist. Wissen junge Queers überhaupt noch, wer Süßmuth war und welchen Impact sie in Deutschland für die Community hatte? Das müsstest du besser die Jüngeren in den Communitys fragen. Ich fände es sehr wichtig, dass sie es wissen. Denn was Rita Süssmuth während ihrer recht kurzen Amtszeit als Gesundheitsministerin unter Helmut Kohl verhindert beziehungsweise in Bewegung gesetzt hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wäre sie nicht gewesen, hätte sich damals die Lebenssituation insbesondere für schwule Männer gänzlich anders entwickelt, mit Folgen bis in die Gegenwart. Ich denke, das wird im Buch auch deutlich.

Bild: Suhrkamp Verlag
Axel Schocks „Aids. Chronik einer Pandemie“

Deine Chronik – die den eigentlichen Teil des Buchs ausmacht – ist nach Jahreszahlen und Daten gegliedert, mit jeweils kurzen Einzelgeschichten, etwa „1978: London Hospital for Tropical Diseases (Großbritannien): José“. Wonach hast du diese Informationsschnipsel ausgewählt, und woher stammen all die Informationen? Wie viele Archive musstest du abklappern? Ich beschäftige mich inzwischen seit rund zwei Jahrzehnten journalistisch auf vielfältige Weise mit HIV und Aids. Dementsprechend konnte ich auf viele eigene Recherchen und Interviews zurückgreifen. Für das Buch habe ich aber noch einmal gezielt Gespräche geführt und recherchiert, unter anderem in einem halben Dutzend Archiven. Außerdem habe ich Berge von Material, Publikationen und Zeitschriften durchforstet. Das Schöne an dieser Arbeit ist: Man sucht eigentlich nach etwas ganz Bestimmtem und macht dabei völlig überraschende, unerwartete Entdeckungen.

Wie lange hast du gebraucht, um all das zusammenzutragen und zu sortieren, damit es als Lektüre Sinn ergibt? Die Herausforderung bestand tatsächlich darin, das sich auftürmende Material gezielt auszuwählen, zu komprimieren und so zusammenzufügen, dass ein möglichst lebendiges, in sich stimmiges und zumindest ansatzweise vollständiges Gesamtpanorama entsteht. Mir ging es nicht nur darum, Faktenwissen verständlich zu vermitteln und entscheidende Ereignisse zu schildern, sondern beispielhaft auch die direkten Auswirkungen der Pandemie auf die Menschen erfahrbar zu machen. Deshalb auch die exemplarischen Geschichten von Erkrankten und Aktivist*innen, Pflegekräften, Mediziner*innen oder auch Verantwortlichen, etwa in der Politik. Das hat mich gut zwei Jahre lang sehr intensiv beschäftigt.

„In Irland etwa war es faktisch unmöglich an ein Kondom zu kommen, und als ein Fernsehmoderator eines in seiner Sendung zeigte, war das ein Tabubruch.“

Innerhalb der Chronik blickst du auf viele unterschiedliche Länder. Warum wolltest du einen derart breiten geografischen Fokus? Das unterscheidet dein Buch deutlich von Martin Reicherts „Die Kapsel: Aids in der Bundesrepublik“, das ebenfalls bei Suhrkamp erschienen ist. Der Schwerpunkt liegt durchaus auf dem deutschsprachigen Raum. Mir war aber wichtig, zumindest in groben Zügen auch die globalen Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Denn eine Pandemie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich über Kontinente hinweg ausbreitet. Ich denke, es ist sehr erhellend nachzuvollziehen, wie unterschiedlich sich die Pandemie in den verschiedenen Regionen der Welt entwickelt hat und wie Regierungen und Gesellschaften jeweils darauf reagiert haben – selbst innerhalb Westeuropas. In Irland etwa war es faktisch unmöglich an ein Kondom zu kommen, und als ein Fernsehmoderator eines in seiner Sendung zeigte, war das ein Tabubruch. Bei uns wurden sie an jeder Litfaßsäule plakatiert.

Die Chronik reicht bis 2025 und wird von einem „Nekrolog“ abgeschlossen. Warum dieser weite zeitliche Bogen? Wenn über die Geschichte von HIV und Aids geschrieben wird, geht es meist um die Aidskrise, also um die Zeit bis zur Einführung der Kombinationstherapie 1996, durch die eine HIV-Infektion behandelbar wurde. Doch die Geschichte ist damit ja nicht zu Ende – sie dauert leider bis heute an. Es gibt medizinische Erfolge zu feiern, etwa die PrEP und erste Heilungen von HIV, aber auch Rückschläge, wie die unsäglichen Kürzungen der Gesundheitshilfen unter der Regierung Trump. Diesen gesamten Bogen zu schlagen, fand ich notwendig.

Es kommen „alle“ vor, von Larry Kramer bis Rosa von Praunheim. Wie bei Rita Süssmuth frage ich mich: Wie bekannt sind diese Persönlichkeiten heute noch, die den Diskurs über Aids damals maßgeblich mitbestimmt haben? Wer diese Menschen noch nicht kennt, hat durch das Buch auf jeden Fall die Möglichkeit, sie kennenzulernen. Das gilt auch für Personen, die bislang recht unbekannt sind, aber es verdient hätten, beachtet und gewürdigt zu werden – etwa, weil ihre Geschichte ungewöhnlich ist oder weil sie Großartiges geleistet haben. Einige dieser Lebensgeschichten finden sich deshalb ebenfalls im Buch. Vielleicht wird der eine oder die andere neugierig, sich näher mit ihnen zu beschäftigen.

Es gibt nur wenige Bilder im Buch. Wäre es nicht wichtig, diese Zeit auch zu „zeigen“? Das wäre schlicht nicht zu leisten gewesen und hätte den Rahmen gesprengt. Zumal es bereits verschiedene Foto- und Bildbände zu Aids gibt, etwa „Positive Pictures – A Gay History“ von Paul Schulz und Christian Lütjens.

Bild: Bruno Gmünder Verlag
„Positive Pictures – A Gay History“ von Paul Schulz und Christian Lütjens aus dem Jahr 2013

SIEGESSÄULE wurde 1984 im Zuge der Aidskrise gegründet. Kommt sie in deinem Buch vor – und wenn ja, wie? Welche Bedeutung haben Zeitschriften wie die SIEGESSÄULE für die Aids-Geschichte? Wer sich die Quellen zu den einzelnen Unterkapiteln genau ansieht, wird dort auch viele Artikel aus der SIEGESSÄULE finden. Die SIEGESSÄULE beschäftigte sich schon bald nach ihrer Gründung intensiv, kompetent und thematisch sehr breit mit HIV und Aids. Deshalb galt sie zu Recht als eine der wichtigsten Informationsquellen – nicht nur für die schwule Community, sondern auch weit darüber hinaus.

Das Buch entstand mit Unterstützung der Firma Gilead. Welche Rolle können solche Unternehmen dabei spielen, die Erinnerung an die Aids-Krisenzeiten wachzuhalten? Und welche Interessen verfolgen sie damit? In der Tat haben Gilead Sciences und die Schachtsiek Familienstiftung das Projekt mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt. Dadurch war es möglich, das Buch in dieser Vollständigkeit und in diesem Umfang umzusetzen.

Bild: Ferran Casanova
Das Rosenstolz-Team Peter Plate (li.) und Ulf Leo Sommer

Als Peter Plate und Ulf Leo Sommer ihr Musical „Wir sind am Leben“ herausbrachten, erklärten sie, dass viele heute kaum noch etwas über den allgegenwärtigen Horror der Aids-Zeit in den 80er- und frühen 90er-Jahren wissen. Haben sie recht? Und wenn ja, warum ist dieses Wissen in Deutschland so wenig präsent? Jüngere Menschen – damit meine ich die Generationen, die in den 90ern und danach geboren wurden – haben diese Zeit schlicht nicht miterlebt. Auch der Mauerfall ist für sie nur ein Kapitel im Geschichtsbuch. Anders als die Wendezeit gehört die Aidskrise jedoch nicht zum Schulstoff. Zudem wurde sie medial und (pop)kulturell nur wenig aufgearbeitet und ist deshalb für Nachgeborene weniger präsent. Anders als in Großbritannien mit „It’s a Sin“, in den USA unter anderem mit „Pose“ oder in Schweden mit „Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves“ gibt es bislang keine deutsche Fernsehserie, die sich dezidiert diesem Thema widmet. Die genannten Beispiele zeigen, wie sehr gerade Filme und Serien dazu beitragen können, Geschichte(n) im kollektiven Gedächtnis zu verankern.

Du bist ungefähr so alt wie ich, das heißt, du hast die Aids-Zeit von Anfang an miterlebt, mit all ihren Phasen und Wendungen. Wie ist es für dich, jetzt noch einmal auf all das zurückzuschauen, wo doch viele Ältere die Zeit möglichst weit hinter sich lassen wollen, weil die Erinnerungen zu schmerzhaft sind? Im Zuge der Recherchen für das Buch habe ich mit sehr vielen Langzeitpositiven und anderen Menschen gesprochen, die die 80er- und 90er-Jahre bewusst erlebt haben. Dabei habe ich durchaus das Bedürfnis festgestellt, sich über diese schweren Jahrzehnte auszutauschen und die eigenen Erfahrungen festgehalten zu wissen. Zugleich erlebe ich ein wachsendes Interesse jüngerer Menschen an dieser Zeit. Ich muss zugeben, dass mich die Recherchen phasenweise emotional sehr mitgenommen haben. Andererseits ist die Geschichte von HIV und Aids nicht nur von Leid und Sterben geprägt, sondern auch von erfolgreichem Protest, empowerndem Engagement und Solidarität, durch die sich die Gesellschaften weltweit nachhaltig und auf vielfältige Weise verändert haben. Vieles ist uns einfach nicht bewusst.

„Andererseits ist die Geschichte von HIV und Aids nicht nur von Leid und Sterben geprägt, sondern auch von erfolgreichem Protest, empowerndem Engagement und Solidarität.“

Kann sich das Sexleben von Menschen, die all das durchlebt haben, eigentlich jemals wieder „erholen“, oder bleibt man für immer gezeichnet? Können junge Menschen, die mit PrEP und Kombinationstherapie aufwachsen, überhaupt erahnen, was „Safer Sex“ einmal bedeutete? Sexualität war schon immer etwas sehr Individuelles. Deshalb möchte ich darauf keine pauschale Antwort geben. Auch während der Aidskrise gingen Menschen sehr unterschiedlich mit den Risiken um. Für mich beispielsweise war das Kondom schon zu meinem Coming-out allgegenwärtig und damit einfach selbstverständlich. Für diejenigen, die bereits vor dieser Zeit sexuell aktiv waren, bedeutete Safer Sex hingegen einen gravierenden Einschnitt. Ich denke, dass es durchaus möglich ist nachzuvollziehen, wie belastend Sex vor der wirksamen HIV-Therapie angesichts dieser Art von Bedrohung für viele gewesen ist. Man muss allerdings die Gelegenheit haben, diese Erfahrungen nachzulesen oder erzählt zu bekommen – und bereit sein, sich damit auseinanderzusetzen.

Du präsentierst dein Werk demnächst bei Lesungen, unter anderem bei Eisenherz. Worauf freust du dich dabei am meisten? Kann es überhaupt „Spaß“ machen, über eine solche Chronik zu sprechen? Welche Erfahrungen hast du bisher gemacht? Die Präsentation im Buchladen Eisenherz ist tatsächlich die Buchpremiere. Daher bin ich sehr gespannt und auch ein wenig aufgeregt. Ich freue mich auf die Gespräche, die sich dabei unweigerlich entwickeln werden. Bei anderen Gelegenheiten habe ich erlebt, dass es gerade unter queeren Menschen ein wachsendes Bedürfnis gibt, mehr über die Aidskrise zu erfahren und sich darüber auszutauschen. Ältere stellen dabei oft fest, wie sehr diese Erfahrungen ihr Leben geprägt haben – nicht zuletzt, weil ihre Homosexualität über so lange Zeit immer mit HIV in Verbindung gebracht wurde. Jüngere interessiert, wie die „Vätergeneration“ diese Jahrzehnte erlebt hat. Denn die Entwicklungen, die sich daraus ergeben haben, wirken ja bis in die Gegenwart nach.

Axel Schock: „Aids. Chronik einer Pandemie“, Suhrkamp, 654 Seiten, 28 Euro
Buchpremiere: 26.10., 20:30
Moderation: Thomas Sparr. Eintritt frei
Eisenherz

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