Journalistin des Jahres: Juliane Löffler im Gespräch

„Beim Machtmissbrauch gibt es immer ähnliche Muster"

3. März 2022 Gudrun Fertig
Bild: Charlotte Schmitz
Juliane Löffler

Ende 2021 zeichnete das Medium Magazin Juliane Löffler und ihr damaliges Team von Ippen Investigativ als „Journalistinnen und Journalisten des Jahres“ aus. Löffler, die viel zu queeren Themen schreibt, machte sich mit ihren Investigativrecherchen einen Namen – zum Fall des wegen Missbrauchs an Patient*innen angeklagten Berliner HIV-Arztes und zum Machtmissbrauch des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt. SIEGESSÄULE-Verlegerin Gudrun Fertig bat sie zum Gespräch

Juliane, das Medium Magazin hat dich zusammen mit deinem Team als Medienmacherin des Jahres ausgezeichnet. Freut dich diese Auszeichnung? Na klar. Das Wichtigste ist mir immer, dass die Geschichten, die ich veröffentliche, inhaltlich stimmig sind, dass die Informationen korrekt und die Quellen geschützt sind. Aber natürlich freut es mich, Anerkennung aus der Branche zu bekommen. Das ist für mich in dieser Form auch das erste Mal.

Wie ist das für dich, plötzlich als Person in der Öffentlichkeit zu stehen? Ungewohnt. Ich habe gemerkt, dass ich, je mehr ich in der Öffentlichkeit stehe, umso weniger mein Privatleben teilen möchte. Ich habe früher noch private Fotos auf Instagram veröffentlicht, das mache ich heute so gut wie nicht mehr.

„Ich sehe, was Kolleg*innen erleiden müssen, gerade im Bereich Rassismus und Sexismus."

Wirst du auch persönlich angegriffen auf Social Media? Ich werde zum Glück nicht so stark angegriffen und bin froh darüber. Ich sehe aber, was Kolleg*innen erleiden müssen, gerade im Bereich Rassismus und Sexismus. Ich finde das so krass, dass man sich heute als Journalistin nicht nur Gedanken machen muss, wie mache ich meine Arbeit gut, sondern auch, wie schütze ich mich persönlich. Dann einfach weiter zu arbeiten, davor habe ich sehr viel Respekt, aber in der Situation bin ich aktuell nicht.

Was macht für dich guten investigativen Journalismus aus? In der Investigation geht es darum, was Neues aufzudecken, meist ein Fehlverhalten von Menschen, die wollen, dass es im Verborgenen bleibt. Es bedeutet auch, willens zu sein, sich mächtige Feinde zu machen und große Verantwortung für den Schutz der eigenen Quellen zu übernehmen. Manchmal bedeutet es auch, sehr lange an Themen dranzubleiben und sich über Jahre eine Expertise zu Themen zu erarbeiten. Im besten Fall stoßen Recherchen Veränderungen und gesellschaftliche Debatten an.

Was unterscheidet den Machtmissbrauch, der zu Recht in die Öffentlichkeit gehört, von einer privaten Angelegenheit? Das ist eine Einzelfallabwägung und manchmal nicht einfach zu entscheiden. Es geht darum, ob es ein öffentliches Interesse an der Person gibt. Es gibt einen Unterschied, ob jemand etwas als Privatperson macht, oder ob es sich um Personen des öffentlichen Lebens, die sehr viel Macht haben, handelt. Ich muss abwägen, wie schwer die Verfehlungen sind, um die es geht. Wie stehen die im Verhältnis zu dem öffentlichen Interesse, darüber zu berichten? Dann geht es um die Belege und Belegtatsachen, kann man die Vorwürfe überhaupt ausreichend nachweisen? Ist eine oder viele Personen betroffen? Steht dahinter ein systemisches Problem? Und man erfährt in so einer Recherche auch immer intime Details über Personen, natürlich kann man die nicht alle veröffentlichen.

Gibt es auch Grenzen, die dich von einer Recherche abhalten würden? Manchmal bekomme ich Infos, von denen ich sicher bin, dass sie stimmen und kann sie dennoch nicht veröffentlichen. Weil es zum Beispiel keinerlei schriftliche Nachweise gibt und sich keine weiteren Quellen finden lassen. Oder weil etwas einfach zu lange her ist, um es ausreichend rekonstruieren zu können – das ist so eine Grenze. Und es gibt eine Grenze, wieviel Privates man über Menschen berichten kann. Grundsätzlich zu Themen zu recherchieren, da gibt es keine Grenzen. Die Frage ist immer, was kann man hinterher veröffentlichen.

Wie schützt du deine Quellen, bist du technisch sehr gut ausgestattet? Ich möchte aus Quellenschutzgründen nicht genauer auf die Sicherheitsvorkehrungen eingehen, die ich treffe. Aber natürlich spielen Datenschutz und Verschlüsselungssoftware eine sehr große Rolle. Es gilt prinzipiell: Quellenschutz hat oberste Priorität und wenn ich einer Person Vertraulichkeit zusichere, dann gilt die. Auch wenn ich eine Recherche vor Gericht verteidigen muss.

„Missbrauch wird als journalistisches Recherchethema sehr viel ernster genommen als früher.“

Ist dir in deiner beruflichen Biografie auch Machtmissbrauch begegnet? Ob ich das in Redaktionen erlebt habe? Ich habe nie sowas erlebt, wie wir es jetzt über Axel Springer berichtet haben. Das heisst nicht, dass nicht auch Dinge vorgefallen sind, die ich nicht in Ordnung fand. Die Frage ist, sind Redaktionen bereit, gewisse Rahmenbedingen zur Verfügung zu stellen, in denen man sicher arbeiten kann. Das hat sich durch die ganze MeToo Debatte schon verändert. Dass Redaktionen sagen, wir machen jetzt mal eine Umfrage unter Mitarbeitenden und erfragen, wer sich sexistisch beleidigt oder unterdrückt oder ungleich behandelt fühlt, das hat viel mit MeToo zu tun. Das heisst aber nicht, dass es nicht auch noch eine ganze Menge zu tun gibt. Da kann man bei den Quoten von Frauen in Führungspositionen anfangen, die sind einfach noch viel zu schlecht.

Inwiefern hat dich die MeToo Debatte beeinflusst? Warst du auch vorher schon Feministin? Ich war auch vorher schon Feministin. Ich bin 100% für Gleichberechtigung. Ich hatte bei Buzzfeed auch lange die Bezeichnung „Reporterin für LGBT* und Feminismus“. Daran hat auch MeToo nichts verändert. Was mir aber nochmal viel klarer geworden ist, ist, dass sexualisierte Gewalt eines der Kernprobleme der Ungleichbehandlung ist und dass sie sich darin symptomatisch ausdrückt. Ich habe nach der Reichelt-Recherche aus mehreren anderen großen Medienhäusern erfahren, dass sie mehr über Missbrauchsthemen berichten wollen. Das hat mir gezeigt, dass MeToo jetzt aus der vermeintlichen Schmuddelecke raus ist. Missbrauch wird als journalistisches Recherchethema sehr viel ernster genommen als früher. Das finde ich eine total gute Entwicklung.

Du verortest dich in der queeren Szene, wo bist du da Zuhause? Ich bin nicht so ein Fan von diesen Schubladen und von diesen Kategorien, die wir alle benutzen. Ich verstehe aber, dass Menschen diese brauchen, um das Leben zu verstehen. Ich habe beim Freitag 2015 einen Text darüber geschrieben, ob man heute noch ein Coming-out braucht. Das war zugleich mein eigenes publizistisches Coming-out, – da habe ich geschrieben, ich bezeichne mich als nicht-heterosexuell. Das war meine Art, diese Definitionen zu umgehen. Landläufig würde man mich wahrscheinlich als bisexuell bezeichnen.

„Ich weiss, wie sich das anfühlt, auf der Straße herabgewürdigt zu werden, weil man die Hand seiner Freundin hält."

Öffnet diese queere Brille neue Blickwinkel, gerade auf Debatten rund um Sexismus und Machtmissbrauch? Klar, das ist das Thema der Intersektionalität. Jeder, der erlebt, was Diskriminierung bedeutet, kann alle Formen von Diskriminierung sehr viel besser nachvollziehen und verstehen. Gerade bei meinen Recherchen 2018 und 2019 zum Thema Hassgewalt gegen LGBT*s hat das geholfen. Ich habe selbst das Glück, dass ich davon recht wenig in meinem Leben erlebt habe, aber ich weiss natürlich, wie sich das anfühlt, auf der Straße herabgewürdigt zu werden, weil man die Hand seiner Freundin hält. Diese Erfahrungen helfen mir, empathisch zu sein, Vertrauen zu Menschen aufzubauen – und zu verstehen, was wichtige Punkte bei solchen Recherchen sind und wie ich da rangehe.

In der Community bist du mit deiner Recherche rund um den Berliner HIV-Arzt, dem Patient*innen Missbrauch vorwerfen, berühmt geworden. Wie kam es zu dieser Recherche? Ich habe einen Hinweis zugeschickt bekommen, über diese Missstände, die auf Social Media Plattformen kursierten. Ich habe gesehen, dass es sehr viele Personen gab, die sagten, ja, sowas ist mir auch passiert. Dann habe ich mich über den Arzt informiert und dachte, wenn das stimmt, hat das vermutlich ein relativ großes Ausmaß. Über Missbrauch wird generell sehr wenig gesprochen, weil es mit Scham und Angst besetzt ist, und in der queeren Community ist das noch stärker so. Es gibt ein sehr großes Schweigen bei diesem Thema. Mein Kollege Thomas Vorreyer hatte gleichzeitig davon erfahren und wir haben nach den ersten Gesprächen mit Quellen verstanden, dass es sich um etwas handelt, was in der Community schon wahnsinnig lange ein offenes Geheimnis ist und über das noch nie was nach außen gedrungen ist. Wir wollten das ändern.

Seid ihr während der Recherche bei schwulen Männern offene Türen eingerannt oder gab es auch Vorbehalte? Ich war extrem überrascht, wie bereitwillig und schnell Personen mit uns gesprochen haben, das unterscheidet sich auch von anderen Recherchen. Ich hatte den Eindruck, dass die Erleichterung, dass da jemand ist, der einem zuhört und glaubt, so groß war, dass die Redebereitschaft extrem groß war. Es war, als wäre ein Knoten geplatzt. Wir haben in sehr kurzer Zeit mit sehr vielen Menschen gesprochen.

„Jede Person ist unterschiedlich, die Bandbreite wie sie jeweils mit dem mutmaßlichen Missbrauch umgeht, ist sehr groß."

Hast du etwas Neues gelernt über die Szene? Natürlich gibt es immer bestimmte Muster in Communities, an denen man sich abarbeitet. Aber jede Person ist unterschiedlich, die Bandbreite wie sie jeweils mit dem mutmaßlichen Missbrauch umgeht, ist sehr groß. Manche wirkten stark traumatisiert, andere sagten, die Erlebnisse hätten ihnen nicht viel ausgemacht. Der Umgang damit, der soziale Hintergrund, das Wissen darüber, das ist extrem unterschiedlich. Das hat mir nochmal gezeigt, dass wir total vorsichtig sein müssen mit Vorurteilen. Dass wir als Community letztlich auch eine sehr zufällige Ansammlung von Individuen sind.

Hat sich die Recherche zu Julian Reichelt davon unterschieden? Sind da Dinge anders gelaufen? Nicht so sehr. Der größte Unterschied war, dass es sich bei Julian Reichelt, um eine Person handelt, die sehr prominent ist. Da ist das öffentliche Interesse ein anderes. Grundsätzlich gibt es bei dem System von Machtmissbrauch immer ähnliche Muster. Dass es viele Mitwisser*innen gibt, die aber schweigen. Und einige wenige, die es mitbekommen und nicht schweigen.

Du fängst neu beim Spiegel an, was werden deine Themen sein? Ich werde unter anderem weiter zu LGBT* und Frauenrechtsthemen arbeiten. Und ich habe durch die letzte Recherche viele Hinweise bekommen. Davon liegen einige auch im Bereich MeToo und natürlich gehe ich diesen Hinweisen nach.

Hast du schon zu einem neuen Thema Witterung aufgenommen? Ja, zu verschiedenen. Aber ich spreche nie öffentlich über laufende Recherchen.

Wie gehst du mit der Erwartung um, dass von dir jetzt immer bahnbrechende neue Recherchen kommen? Ich versuche meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Und mich nicht zu sehr davon treiben zu lassen, was dann passiert, wenn ich diese Recherchen veröffentliche oder nicht.

Interview: Gudrun Fertig

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Spendenaktion Queere Nothilfe Ukraine

Zahlreiche Organisationen der deutschen LGBTIQ*-Community haben sich zum Bündnis Queere Nothilfe Ukraine zusammengeschlossen. Es werden Spenden gesammelt, die für die notwendige Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen in der Ukraine verwendet werden. Link zur Spendenseite: https://altruja.de/nothilfe-ukraine/spende

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