Interview

Berliner CSD-Vorstand: „Die Angstmacherei von Jens Spahn war unnötig“

4. Aug. 2021 Paula Balov
Bild: Brigitte Dummer
Vorstand des Berliner CSD e. V. mit dem Kultursenator Klaus Lederer (zweiter von links) auf dem Berlin-Pride am 24. Juli

Der diesjährige Pride des Berliner CSD e. V. hat enorme Aufmerksamkeit erzeugt und viele unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Dabei standen Fragen nach der Umsetzbarkeit von Großveranstaltungen und angemessene Formen queerer Sichtbarkeit während der Pandemie im Zentrum der Diskussion. Wir fragten den Vorstand des CSD e. V., wie er die Kritik rund um den Pride wahrgenommen hat und welches Fazit er zieht

Beim CSD sind ca. 80.000 Menschen mitgelaufen, also weit mehr als die angekündigten 20.000 Teilnehmer*innen. Seid ihr darauf vorbereitet gewesen, dass der CSD größer werden könnte? Patrick Ehrhardt: Wir waren darauf eingestellt und haben das bei der Planung der Route mitbedacht. Durch unsere Vorarbeit haben wir auch dafür gesorgt, dass der CSD immer noch kleiner ausfiel als in Vor-Corona-Zeiten: Denn es war die ganze Zeit klar, dass es hier um eine politische Demo und kein Party-Event geht.

Ulli Pridat: Gerade die Leipziger Straße, wo der Demo-Zug losging, war sehr breit – das hat gut funktioniert. An der Friedrichstraße wurde es etwas enger und die Demo musste kurz stehenbleiben. Wir haben uns mit der Polizei abgesprochen und verstärkt an die Auflagen erinnert. Nach 20 Minuten waren alle zufrieden und es konnte weitergehen.

Drohte denn zu dem Zeitpunkt der Abbruch der Demo? Ulli: Nein, das stand nicht zur Debatte. Wir gingen davon aus, dass wir das schnell in den Griff bekommen.

Nasser EL-Ahmad: Unsere DJs waren eine große Hilfe und haben die Teilnehmenden immer wieder an die Hygienevorschriften erinnert. Wie auch die Berliner Polizei selbst nach der Demo twitterte, wurden die Auflagen weitestgehend eingehalten.

„Die Mehrheit der Teilnehmer*innen hat sich an die Vorschriften gehalten.“

Die mediale Rezeption sieht da aber etwas anders aus, zum Beispiel was die Fotos betrifft, die von der Siegessäule aus geschossen wurden: Sie erwecken den Eindruck, dass es viel Gedränge gab. Nasser: Wenn man die Bilder genau analysiert, erkennt man eigentlich gut, dass sich die Mehrheit der Teilnehmer*innen an die Vorschriften gehalten hat.

Ulli: Das habe ich auch so wahrgenommen. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass die Maßnahmen missachtet wurden. Der Kamerawinkel und die Perspektive, aus der diese Fotos gemacht wurden, haben das Bild vom CSD ziemlich verzerrt. Die Rezeption war aber größtenteils sehr positiv: Viele Medien haben unsere Forderungen, Redebeiträge und Inhalte aufgegriffen – mehr als in vorherigen Jahren.

Kritik äußerte auch Jens Spahn. Er sagte, die Bilder von feiernden Menschenmassen würden nicht zur Pandemie-Lage passen. Wie seht ihr das? Patrick: Wir haben nicht mehr 2020: Es gibt immer mehr vollständig geimpfte Menschen. Ich glaube sogar, dass die Impfbereitschaft in der LGBTIQ-Community höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Das Risiko sich an der frischen Luft anzustecken, ist außerdem gering.

Ulli: Die Angstmacherei von Jens Spahn war unnötig. Wir hatten genug Expert*innen vor Ort, die die Lage einschätzen konnten. Es ist schon bezeichnend, dass jemand, der es nicht für nötig hält die LGBTIQ-Community zu unterstützen, im Nachhinein eine queere Demonstration sogar noch kritisiert.

Auch Nena hat mit ihren CSD-Vergleichen Schlagzeilen gemacht, als sie bei ihrem Konzert dazu aufrief sich nicht an die Auflagen zu halten. Dabei verwies sie auf den Berliner CSD, weil es dort okay gewesen sei, dass 80.000 Menschen eng zusammen auf der Straße waren. Was sagt ihr dazu? Ulli: Das ist ein schönes Beispiel für fehlende Differenzierung. Einerseits die Differenzierung zwischen politischer Demonstration und Konzert. Andererseits hat Nena genauso wie wir einem Sicherheitskonzept zugestimmt. Wir haben unser Konzept aber bis zum Ende durchgesetzt! Dass sich einige Menschen trotzdem nicht daran halten, das kann man nun mal nicht komplett verhindern. Nena hat aber dazu aufgerufen gegen ihr eigenes Konzept zu verstoßen. Da wundert mich doch sehr, dass diese zwei Dinge gleichgesetzt werden. Genauso kann ich den Vorwurf nicht nachvollziehen, die Polizei würde uns unfairerweise besser behandeln als Querdenker-Demos. Auf diesen Demos wird an die Leute appelliert die Hygieneregeln zu brechen. Das ist ein gravierender Unterschied.

„Wir teilen die Forderung von Bars Of Berlin, dass die Polizeieinsätze aufgeklärt werden müssen."

Euer Plan war es die Demonstrierenden nach Ende des CSDs in den Nollendorfkiez zu leiten, u.a. um die queere Gastronomie zu unterstützen. Ist das aufgegangen? Nasser: Ich habe mit Ulli das Geschehen vom Truck aus beobachtet. Ich dachte: Wow, das läuft ja wie am Schnürchen! Es hat sich nichts gestaut. Die Motzstraße war zwar etwas voll, aber die Leute sind im Großen und Ganzen weitergelaufen und haben sich im Kiez verteilt. Das haben uns auch die Einsatzkräfte vor Ort bestätigt.

Am Abend gab es mehrere Polizeieinsätze. Die Initiative Bars of Berlin kritisierte sie als unverhältnismäßig, sprach von Repression und Polizeigewalt und zählte mehrere Festnahmen. Wie steht ihr zu diesen Vorwürfen? Nasser: Jegliche Gewalt gegen die LGBTIQ-Community verurteilen wir. Wir teilen auch die Forderung von Bars Of Berlin, dass die Polizeieinsätze aufgeklärt werden müssen. Trotzdem können wir zu diesem Zeitpunkt nicht Stellung beziehen, weil wir nicht mit allen Seiten gesprochen haben. Wir können noch nicht einschätzen, was genau passiert ist. Videos sind nicht eindeutig: Was war der Auslöser? Was ist kurz vorher passiert?

Patrick: Das bedeutet nicht, dass wir uns aus der Verantwortung ziehen. Wir führen aktuell Gespräche mit der Polizei, den Ordnungs- und Bezirksämtern, um uns ein Bild zu machen.

„Die Unterstellung, dass es beim CSD nur um Kommerz geht, kann man spätestens jetzt nicht mehr machen."

Was ist euer Fazit zum CSD 2021? Patrick: Wir haben gezeigt, dass es möglich ist einen großen, politischen CSD in Berlin auf die Beine zu stellen. Aus meiner Sicht war der CSD ein Erfolg.

Nasser: Die Unterstellung, dass es beim CSD nur um Kommerz geht, kann man spätestens jetzt nicht mehr machen.

Ulli: Ich finde den Pinkwashing-Vorwurf oft zu kurz gedacht. Zum Beispiel hat uns dieses Jahr, trotz politischem Fokus, auch unser Partner METRO gut unterstützt und uns den Parkplatz für die Vereins-Trucks zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen setzt sich das ganze Jahr über für queere Themen ein – da geht es um mehr als nur Produktplatzierung.

Heißt das, im nächsten Jahr wird’s wieder größer und kommerzieller? Nasser: Der 44. Berliner CSD im Jahr 2022 wird wieder groß aufstrahlen, solange es die Lage auch zulässt.

Patrick: Der Schwerpunkt für das nächste Jahr wird sein, wieder eine Endkundgebung möglich zu machen. Schließlich ist sie das Highlight des CSDs.

Ulli: Weil die vielen Redebeiträge so gut ankamen, wollen wir sie für die Zukunft beibehalten. Alles weitere, wird sich zeigen.

Bild: Brigitte Dummer
Bild: Brigitte Dummer
Pride des Berliner CSD e. V. am 24. Juli

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