Kommentar

Chemsex jenseits der Scham

3. Juni 2021 Tadzio Müller
Bild: Nikita Teryoshin
Tadzio Müller ist Politikwissenschaftler, Klimaaktivist und Sexarbeiter in Berlin

Chemsex – der ausgiebige Sex unter Einfluss von Substanzen – gehört für einige Schwule quasi „dazu“. Doch während die Präventionsarbeit den Sex auf Droge immer offener thematisiert, sprechen User eher selten darüber. Eine falsche Scham, findet Tadzio Müller und möchte dieses Schweigen brechen. Dafür hat er auch bei einer Doku des Y-Kollektiv über Chemsex mitgemacht, die heute auf Youtube veröffentlicht wurde

Wenn ihr schwul seid und in Berlin lebt, seid ihr bestimmt schon mal mit „Chemsex“ in Berührung gekommen: Vielleicht werdet ihr auf Grindr zu einer „pnp“-Session eingeladen; das Profil eines Geschäftsreisenden verkündet, er suche nach „party favors“; vielleicht wart ihr auch schon auf meinem Escort-Profil (proud_slave bei Hunqz) und konntet dort lesen, ich sei „exTremely chems-friendly“, wobei der Großbuchstabe klarmacht, um welche Substanz es dabei geht.

Chemsex – durch den Konsum chemischer Drogen ermöglichter, oft tagelanger intensiver Sex, meist mit mehreren sexuellen Partner*innen – ist ein in Teilen der Schwulenszene durchaus verbreitetes Phänomen. Wie weit verbreitet, darüber scheiden sich die Geister, ist es doch überaus schwer, verlässliche Daten über ein Phänomen zu erheben, das sich in einer Szene abspielt, deren langfristiges Überleben immer eine gewisse Omertà voraussetzt, und das ein rechtliches Repressionsrisiko beinhaltet. Was schwul und illegal ist, lässt sich schwer zählen.

Dazu kommt: es ist auch schwer, davon zu erzählen. Es ist Montagmorgen, ihr steht auf Arbeit in der Teeküche, die Kolleg*innen erzählen wieder, wie schön es am Wochenende mit den Schwiegereltern an der Müritz, der Mecklenburgischen Seenplatte oder im Treptower Park war, und ihr denkt euch, „ich erzähl jetzt lieber nicht davon, dass ich das ganze Wochenende nicht geschlafen, die ganze Zeit Männer sexuell bedient und dabei Riesenspaß gehabt habe“. Oder ihr macht‘s wie ich, denkt euch, „in ’ner linken Institution mit lauter Allies als Kolleg*innen, da wird das schon gehen“, und erzählt von eurem Wochenende. Dann merkt ihr aber ganz schnell, dass eben nicht jede Wochenendbeschäftigung gleich ist. Dass es zwar o. k. ist, von ’nem Familienbesäufnis zu erzählen, aber nicht davon, ein bisschen G mit Freunden zu nehmen und dann miteinander rumzumachen. Dass ihr irgendwie komisch angeschaut werdet, wenn ihr von Drogen und den vielen Sexualpartnern erzählt.

„Erzählungen über Chemsex kommen meist von Leuten, die selbst keinen Chemsex haben“

Kurz: Ihr merkt, dass ihr euch eigentlich immer noch für euren Sex, für die Art und Weise, wie ihr ihn habt, mit wem, wie oft, wo ... dass ihr euch für all das dann doch bitte schämen solltet. Niemand erklärt euch, wieso das so ist, es ist halt einfach so.

Und so ist die Situation: Es wird zwar nicht wenig über Chemsex geredet, aber diese Erzählungen kommen meist von Leuten, die selbst keinen Chemsex haben. Es wird vor allem über uns geredet, nur selten mit uns. Und wenn mit uns geredet wird, dann zumeist in einem paternalisierenden Duktus, der immer wieder die Gefahren betont, die Chemsex mit sich bringen kann, aber ignoriert, was an Chemsex geil ist oder sein kann: Ekstase, Selbsterkenntnis, Befreiung.

Chemsex-Doku des Y-Kollektivs

Genau das wollten mein Ehemann und ich vor gut einem Jahr ändern, als wir einwilligten, mit dem Y-Kollektiv eine Chemsex-Doku zu drehen. In der Videodokumentation, die dann entstand, machten mein Ehemann und ich uns im Wortsinn wie im übertragenen völlig nackig: Wir wurden beim (angesichts der Anwesenheit einer Filmkamera gar nicht so einfachen) Einladen möglicher Sexpartner gefilmt, beim Konsum von Drogen, beim Chemsex: „Hey, schaut mal, das ist bzw. wir sind gar nicht so crazy, wie ihr vielleicht denkt. Wir sind reflektierte Menschen, die sich zwar der möglichen negativen Konsequenzen ihres Handelns völlig bewusst sind, es aber trotzdem machen, weil es eben auch geil sein kann. Und – es ist dann auch geil. Es ist befreiend. Es macht Spaß, genau, wie es eben Spaß machen kann, sich an einem Abend total zu besaufen und wild zu feiern – daran ändert auch der Kater am nächsten Tag nichts. Wir. Schämen. Uns. NICHT!“

Der Film, der an dem Wochenende entstand, ist ... sehenswert. Leider werdet ihr ihn nie zu sehen kriegen, entschied doch der Jugendschutz, er sei „sozialethisch desorientierend“, woraufhin sich niemand traute, ihn zu zeigen. Der Versuch, die Inhalte doch noch zu retten, mündete zunächst in der Produktion eines Podcasts, in dem mein Ehemann und ich von Protagonisten zu Problemfällen mutierten und am Ende wieder mal als Opfer dastanden: Ende der Beziehung, Arbeitslosigkeit, Depression.

Nichts über uns ohne uns

Ende schlecht, alles schlecht? Nein, am 03.06. kommt auf dem YouTube-Kanal des Y-Kollektivs nun doch ein Film heraus, der auf unserem Chemsex-Wochenende basiert und eine offene Diskussion ermöglichen möchte: Wie sieht schwuler Sex, wie sieht Chemsex jenseits von Scham aus? Was sind die Risiken und Nebenwirkungen, wenn ich keine Packungsbeilage habe und nur ungern meine*n Ärzt*in und Apotheker*in frage? Wie reden die über Chemsex, die ihn wirklich haben?

Nichts über uns ohne uns. Dieser eingängige Slogan der „Behindertenbewegung“ der 1990er steht hier Pate: Wer über Chemsex reden will, sollte mit denen reden, die ihn haben. Denn: Ethik wird erst möglich jenseits der Scham.

Die Chemsex-Doku „Tabuthema? Wir brechen mit der Verschwiegenheit der Schwulen-Szene" mit Tadzio Müller ist am 03.06. auf dem Youtube-Kanal des Y-Kollektivs veröffentlicht worden

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