Social Media

Clubhouse: Plattform für queeren Aktivismus?

16. März 2021 Paula Balov
Bild: canva

Seit Anfang des Jahres ist um die Online-Plattform Clubhouse ein regelrechter Hype entstanden – allerdings begleitet von Debatten über mangelnden Datenschutz oder fehlende Moderation. Auch in der queeren Community ist die App umstritten: Zum einen dient sie in der Pandemie zur Vernetzung, zum anderen sind Queers dort auch Angriffen ausgesetzt. Paula Balov sprach mit queeren User*innen und Online-Aktivist*innen über die Vor- und Nachteile von Clubhouse

App öffnen, einen „Room“ auswählen, zuhören und, wenn gewünscht, mitreden: So funktioniert die App Clubhouse, die seit Januar in aller Munde ist. Im Wesentlichen ist Clubhouse eine audio-basierte Social Media Plattform, die an den Streamingdienst Twitch und an Podcasts erinnert. Anders als bei tatsächlichen Podcasts sind die Gespräche jedoch hinterher nirgendwo aufrufbar. Noch ist die neue App aus den USA nur für iOS verfügbar und nur wer eine Einladung hat kann teilnehmen.

Nicht nur Privatpersonen nutzen Clubhouse, auch Journalist*innen oder Politiker*innen führen über die App Talkrunden. An der queeren Szene ist die App natürlich nicht vorbeigegangen: Die Polit-Tunte und Podcasterin Margot Schlönzke hat die Plattform für sich entdeckt und spricht dort jeden Mittwoch mit Destiny Drescher über Drag-Themen. Was sie an der App reizvoll findet: „Es ist nicht so oberflächlich wie Instagram, sondern genau das Gegenteil.“

SchwuZ-Talks auf Clubhouse

LCavaliero Mann ist als künstlerischer Leiter des SchwuZ tätig und beteiligt sich als Moderator an den SchwuZ-Talks. Normalerweise findet dieses Talkformat direkt im SchwuZ oder via Livestream statt. Die Veranstalter*innen wollten der neuen App jedoch eine Chance geben und organisierten Clubhouse-Talks über Perspektiven für queere Kultur in der Pandemie. LCavaliero war zunächst skeptisch, da sich die Teilnehmenden nicht gegenseitig sehen. Sprecher*innen können also nicht einschätzen, ob das Publikum aufmerksam zuhört oder gelangweilt dreinschaut. „Ich war positiv überrascht. Es herrschte eine sehr konzentrierte Atmosphäre“, berichtet er. „Ich glaube, gerade weil sich die Leute nicht sehen konnten und es wenig Ablenkung gab.“

Clubhouse ermöglicht es, unkompliziert und spontan Talkrunden durchzuführen. Der technische Aufwand ist gering, verglichen mit der Nachbearbeitung eines Podcasts. Die App bietet der queeren Community auch eine Möglichkeit, sich in Pandemiezeiten auszutauschen. „Es gibt gerade so viele Queers, die isoliert zuhause hocken. Begegnungsräume fehlen“, meint LCavaliero. „Sich unverbindlich auszutauschen, wie sonst in einer Bar oder in einem Club, dafür ist Clubhouse gut.“

Mängel beim Datenschutz

Obwohl die App zweifellos reizvoll ist, hat sie auch viele Schattenseiten. Das Netzwerk der Verbraucherzentralen in Deutschland stellte Ende Januar „gravierende Mängel beim Datenschutz“ fest. Das Fehlen eines Impressums und einer Datenschutzerklärung auf Deutsch veranlasste den Verbraucherzentrale Bundesverband, den Betreiber der App abzumahnen. Der größte Kritikpunkt war aber, dass Kontaktdaten an Server in den USA übertragen werden: Wer eine Einladung verschicken will, erlaubt der App den Zugriff auf das eigene Adressbuch. Um Regelverstöße nachvollziehen zu können, zeichnet Clubhouse außerdem im Hintergrund die Gespräche auf.

„Sei dir bewusst, dass Clubhouse kein Safe Space ist“

„Clubhouse ist nur gefährlich, wenn man sich der Situation nicht bewusst ist. Viele nutzen auch Facebook und Whatsapp völlig unkritisch“, sagt Stefan „Kabuqqi“ Jerichow von der Medieninitiative QueerSceneBerlin. Er koordiniert Social Media-Kampagnen des Berliner CSD e. V. und berät auch den Verein BiBerlin bei der Content Strategie. Als Online-Aktivist verfolgt er aktuelle Social Media-Trends aufmerksam. Sein Tipp ist, eine informierte Entscheidung zu treffen und sich klarzumachen, dass diverse Nutzer*innen bei Clubhouse das Gespräch mithören.

Wer nicht will, dass bestimmte sichere Telefonnummern an Clubhouse gehen, sollte die Nutzung über ein zweiten Handys in Erwägung ziehen oder auf die „Clubhouse-Klone“ warten: Schon im April soll das Pendant „Twitter Spaces“ starten. Stefan Kabuqqi geht davon aus, dass diese App bessere Datenschutzbestimmungen haben wird: „Die großen Social Media Plattformen bringen die Grundstruktur und Erfahrungen dafür schon mit.“ Außerdem rät er Nutzer*innen: „Sei dir bewusst, dass Clubhouse kein Safe Space ist.“

Homo- und transphobe Kommentare

Die Möglichkeit, mit nur einem Schritt an einer Talkrunde teilzunehmen, ist Segen und Fluch zugleich, denn damit sinkt auch die Hemmschwelle für queerfeindliche Übergriffe. „Ich habe schon zweimal erlebt, dass jemand homo- und transphobe Kommentare in den Raum geworfen hat,“ berichtet Margot. „In beiden Fällen hat die Person den Raum zum Glück schnell wieder verlassen.“ Verglichen damit ist es deutlich unwahrscheinlicher, homophobe Störenfriede auf einer queeren Podiumsdiskussion anzutreffen.

„User*innen berichten von Räumen mit Namen wie `Schwule Menschen soll man steinigen`“

Moderator*innen haben durchaus einige Möglichkeiten, diskriminierende Personen auszuschließen, zu blockieren und Übergriffe zu melden. „Du wählst aus, wer sprechen darf,“ erklärt LCavaliero. „Leuten, die sich daneben benehmen, kannst du das Rederecht entziehen.“ Damit ist allerdings nicht alles getan, denn auf Clubhouse versammeln sich auch Menschen, die in eigenen Talks gegen Minderheiten hetzen. User*innen berichten von Räumen mit Namen wie „Schwule Menschen soll man steinigen“, in denen Aussagen fallen wie: „Wenn mein Kind schwul wäre, dann würde ich es umbringen“.

Während in den Community Guidelines der App beschrieben steht, wie man einzelne Personen melden kann, wird mit keinem Wort das Melden vom Räumen erwähnt. Ebenso geben die Nutzungsbedingungen und Community Guidelines wenig Aufschluss darüber, wie Clubhouse gegen die Verbreitung von Hate Speech vorgeht, was im Sinne des Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) relevant wäre. Als Teil der Nutzungsbedingungen steht lediglich, dass sich User*innen einverstanden erklären, den Service nicht für „belästigende“ oder „hasserfüllte“ Inhalte zu nutzen.

Aktionen gegen Queers

„Mit einzelnen Übergriffen kann man umgehen,“ findet Margot, „Sorgen macht mir eher, wenn irgendwann gezielte Aktionen und Flashmobs gegen queere Menschen gemacht werden.“

In Nigeria ist laut der Berichterstattung von Pink News genau das schon passiert: Homohasser lockten LGBTI*-Personen mit queerfreundlich betitelten Räumen an, nur um sie dann mit Hassbotschaften zu attackieren. Bislang hat sich Clubhouse zurückgehalten und interveniert nicht in den Räumen der Nutzer*innen.

„Das beste an der App ist eigentlich, dass man aus seiner Filterblase rauskommt“

Vor dem Hintergrund all dieser Punkte stellt sich die Frage: Macht Clubhouse wirklich Sinn für queeren Aktivismus? Die App hat einige spannende Features: Sie ermöglicht Austausch, direkte Gespräche mit Personen des öffentlichen Lebens und sie macht Livepodcasts noch interaktiver und flexibler. „Das beste an der App ist eigentlich, dass man aus seiner Filterblase rauskommt und mit Leuten spricht, die man sonst nie kennengelernt hätte“, findet Margot. „Da kann kein Skype- oder Zoom-Call mithalten.“

Auf der anderen Seite sind die Risiken in puncto Datenschutz und Umgang mit Diskriminierung nicht zu übersehen. Clubhouse ist außerdem nicht barrierearm: Allein weil aktuell nur eingeladene Apple-Nutzer*innen die App herunterladen können und eine reine Audioplattform für schwerhörige Menschen oder trans* Personen mit Stimmdysphorie wenig ansprechend sein dürfte.

„Ich sehe das ambivalent“, sagt LCavaliero. „In der Pandemie bin ich dankbar für alle Social Media Plattformen, die wir haben. Jede einzelne hilft uns durch diese Zeit.“ Gleichzeitig wünscht er sich eine kritische Auseinandersetzung mit Social Media, die über Clubhouse hinausgeht: „Was macht Social Media eigentlich mit uns? Was passiert, wenn die Daten in die falschen Hände geraten? Und wie abhängig machen wir uns eigentlich davon?“

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