Interview mit dem ESC-Star

Conchita Wurst: „Boiler, ruft’s uns an!“

12. Mai 2026 Kevin Clarke
Bild: Lukas Feix
Martin Zerza (li.) und Thomas Neuwirth aka Conchita Wurst als „Frau Thomas & Herr Martin“

Die ESC-Woche läuft auf Hochtouren. Während viele Eurofans nach Wien pilgern, zieht es die österreichische Siegerin Conchita Wurst nach Berlin. Am 28.05. steht Thomas Neuwirth alias Conchita gemeinsam mit Ex-Boybandkollege Martin Zerza im Tipi am Kanzleramt auf der Bühne. Im Interview sprachen wir über das Programm, Tipps für einen Wien-Besuch und die Idee, einmal nackt in der Boiler-Sauna aufzutreten

Worum geht’s in eurer Show? Conchita Wurst: Herr Martin ist die bessere Hälfte von Frau Thomas. Die beiden sind schon lange verheiratet. Und so benehmen sie sich auch.

Wie benimmt man sich denn da? CW: Viele Sachen sind ein bisschen „klarer“. (lacht) Man ist nicht mehr so vorsichtig miteinander. Das bedient natürlich unzählige Klischees.

Ist es bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht auch ein Klischee, dass man immer wieder gefragt wird: „Wer ist bei euch der Mann, wer ist die Frau?“ Martin Zerza: Das ganze Projekt stellt sich dauernd diese Frage, schon im Titel. Und wir singen auch im ersten Teil darüber in „Eine Frau und ihre Gattin“. Wir spielen mit Pronomen, mit Geschlechtsidentitäten, mit diesen Klischees. Und teilweise bedienen wir sie – aber dadurch, dass wir es tun, hoffen wir, sie auch zu brechen.

„Ich glaube, jetzt werden wir alt und schwul!“

Wie lange gibt’s euch als Duo schon? MZ: Wir haben in Corona-Zeiten angefangen, uns öfter zu treffen und gemeinsam Musik zu hören: Hildegard Knef, Marlene Dietrich, Helge Schneider, Erika Pluhar (eine österreichische Chansonsängerin, Anm. d. Red.). Ich habe damals zu Tom gesagt: „Ich glaube, jetzt werden wir alt und schwul!“ (lacht) Natürlich sind wir schon alt und schwul … CW: Und dann kam der Satz von Martin: „Das können wir auch!“ Mit dieser Motivation sind wir an die Idee eines eigenen neuen Programms rangegangen. Und das Erste, was wir gemacht haben, war ein Fotoshooting. (lacht) Damit gleich klar ist, wie wir in dem Programm ausschauen werden.

Bild: Lukas Feix
Martin Zerza (li.) und Thomas Neuwirth als „Frau Thomas & Herr Martin"

Wie lange kennt ihr euch im echten Leben schon? CW: Seit ich 16 Jahre alt war und Martin 17. Also seit fünf Jahren! (lacht) Wir waren damals gemeinsam bei einer österreichischen Talentshow, dann in einer Boyband namens „Jetzt anders“.

„Wir versuchen dabei, Parallelen in die heteronormative Welt zu schaffen“

Euer Programm wird angekündigt als Varieté „mit brandneuen Songs“. Was sind denn diese neuen Lieder? MZ: Marlene & Co. war zwar die ursprüngliche Inspiration, wir haben im Programm aber ganz wenige Coversongs. Das meiste sind „Originals“. In allen Liedern geht es um Alltagsdinge bzw. um Situationen, die uns selbst widerfahren sind. Wir versuchen dabei, Parallelen in die heteronormative Welt zu schaffen. Um zu zeigen: Wir sind auf gewisse Weise alle gleich, uns beschäftigen die gleichen Themen. CW: Wir sind auf der Bühne eigentlich wir selbst, aber ein bisschen „mehr“. Denn der Bühnenrahmen erlaubt es uns, ein bisschen intensiver draufzudrücken.

Was sind die Parallelen zur Heterowelt? CW: Die Dynamiken einer Ehe. Wir haben zum Beispiel eine Nummer, wo es darum geht, wo wir Urlaub machen. Und wie wir verschiedene Vorstellungen von Urlaub haben. Er hätt’s gern rustikal, ich möchte in der 1. Klasse reisen. Sparen vs. nicht sparen. Da erzählen uns viele Heteropaare später: „Das ist bei uns genauso.“

Gibt’s in eurer Bühnenbeziehung auch explizit queere Themen, außer 1. Klasse reisen zu wollen? CW: (lacht) Ist das so queer-coded?

Absolut! CW: Es gibt einen neuen Song, der ist gerade in Arbeit, da geht es um Körperkult und den ständigen Drang zur Selbstoptimierung. Was tut man nicht alles, damit man einem nicht ansieht, dass die Zeit vergeht. Ich denke, das ist in der queeren Szene ein großes Thema. MZ: Das ist aber auch in der restlichen Gesellschaft ein großes Thema, da kann man also die erwähnten Parallelen gut ziehen. Wir führen auf der Bühne viele Gespräche, von lustig bis übertrieben grotesk bis ernsthaft. Gerade wenn wir in entlegeneren Gegenden auftreten, mit überwiegend straightem Publikum, merken wir, dass allein schon unser Auftreten und das offene Ansprechen von LGBTIQ*-Themen für viele eine Konfrontation ist. Aber diese Leute wollen wir abholen.

„Diese unaufgesetzte Ehrlichkeit, die finde ich super.“

Im Tipi in Berlin ist das sicher keine Konfrontation. CW: Aber wir machen das alles auf Österreichisch. Das wird die Herausforderung! (lacht)

Was mögt ihr an Berlin? MZ: Wir sind große Berlinfans. Berlin ist unglaublich offen als Stadt. Ich mag diesen Vibe – im Vergleich zu Wien fühlt es sich richtig großstadtmäßig an. I love Berlin. CW: Und diese unaufgesetzte Ehrlichkeit, die finde ich super.

Habt ihr als queere Personen einen Ort, wo ihr besonders gern in Berlin seid? CW: Das Rauschgold am Mehringdamm, ich bin da schon öfter gelandet und fand es immer extrem lustig. Diese Deko! Das ist so campy und lässt sich keinem Geschmack zuordnen. Meist bin ich aber in Berlin bei meinen Freund*innen zu Hause. Man ist ja dann doch schon in dem Alter …

Viele ESC-Fans fahren im Mai nach Wien. Habt ihr einen Tipp, was die sich unbedingt anschauen sollten? MZ: Im Volkstheater gibt’s den „Eurobronski Song Contest“, das ist eine Revue mit Eurovision-Songs aus den 1970er-Jahren. Diese Show ist fantastisch! Und ausverkauft. Aber man kann sich mit „Suche Karte“-Schild davorstellen und probieren, reinzukommen. Es gibt zudem eine queere ESC-Ausstellung im QWien. CW: Mein Kleid steht da, deshalb weiß ich das. (lacht) Etwas, was nicht ESC-spezifisch ist, ist das Kaiserbründl. Da haben wir auch schon mal ein Konzert gespielt. Das ist eine historische Herrensauna, aber da gibt’s auch moderne sexpositive Partys für alle. Das sind tausend Quadratmeter unter der Stadt, es ist eine der ältesten schwulen Saunen Europas – wo der Kaiserbruder Luziwuzi von einem Offizier geohrfeigt wurde, als er ihn unsittlich berühren wollte. Das ist wie eine Kathedrale unterm 1. Bezirk. Totally crazy.

Würdet ihr in Berlin im Boiler in der Clubsauna auftreten? CW: Ja, natürlich! Aber was ziehen wir da an? Sauna-Kilt? Wir sind ja schon auch gerne nackig … Wir kleiden uns der Situation entsprechend.

Ihr kennt sicher die Auftritte von Bette Midler in den Continental Baths in New York, mit Barry Manilow am Klavier und hunderten nackten Männern als Publikum. CW: Oh ja, was für ein Traum … Kevin, we put it out there! Boiler, ruft’s uns an!

„Frau Thomas & Herr Martin: Ruck ma z’samm“
Ein Varietéabend von Tom Neuwirth aka Conchita Wurst und Martin Zerza
28.05., 20:00
Tipi am Kanzleramt

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