Interview

Vladimir Kornéev singt Dalida und fragt: „Wer bin ich?“

7. Mai 2026 Kevin Clarke
Bild: Elena Zaucke
Der Sänger und Schauspieler Vladimir Kornéev

Der beliebte Sänger und Schauspieler Vladimir Kornéev kehrt mit einer neuen Show ins Tipi am Kanzleramt zurück. Titel: „Um nicht allein zu sein“. Darin erzählt er seine Lebensgeschichte von der Geburt in Georgien über die Flucht nach Deutschland, vom Stottern nach Kriegsgewalt bis zur Rettung in der Musik mit den Liedern von Dalida

Der Abend verbindet poetische Monologe und filmische Szenen einer „berührenden Coming-of-Age-Geschichte“, heißt es. Und weiter, zum thematischen Fokus des Programms, soll es um die Fragen gehen: „Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?“ SIEGESSÄULE traf sich mit Kornéev zum Lunch am Mauerpark zum Interview.

Warum wolltest du eine der größten Queer-Ikonen des 20. Jahrhunderts in einem Programm würdigen? Die Begegnung mit Dalida war ein Moment, der mein Leben als Sänger damals begründet hat. Als ich mit 20 meinen allerersten Gesangsunterricht hatte – bei Melanie Petcu (die mich bis heute unterrichtet und die ich damals in München kennenlernte, als ich am Gärtnerplatztheater Zivildienst machte) – hat das sehr viel in mir ausgelöst. Ich kam in Kontakt mit etwas in mir, das ich vorher nicht kannte. Besonders half es mir, mein Stottern zu überwinden – Singen funktioniert ja immer bei Menschen, die stottern, weil dabei ein anderes Nervensystem beteiligt ist.

Der 11.01.2008 – dieses Datum haben wir beide bis heute als Jubiläum im Kalender stehen, weil es für Melanie und mich ein so besonderer Moment war. Melanie war der erste Mensch, dem ich überhaupt etwas von Kriegstraumata erzählte, darüber, was mir als Kind passiert ist und warum ich stotterte. Und genau in diesem Moment holte Melanie ihr Handy heraus und öffnete YouTube, um mir „Je suis malade“ vorzuspielen. In drei Versionen: zuerst Dalida, dann Lara Fabian und schließlich Serge Lama. Sie meinte, das wäre das Repertoire, das ich singen sollte. Und so bin ich mit Dalida in Kontakt gekommen.

Vorher kannte ich schon Édith Piaf – noch so eine Queer-Ikone –, weil meine Mutter sie liebte und wir sie oft zu Hause hörten, obwohl niemand von uns Französisch konnte. Ich auch nicht, mit 12 oder 13 Jahren. Diese erste Gesangsstunde in München, das offene Gespräch mit einem Menschen, den ich kaum kannte … und dann dieses Lied. Ich kannte alle drei Interpreten nicht. Aber ich habe danach tatsächlich begonnen, selbst Chansons zu singen. Und natürlich fing ich mit „Je suis malade“ an. Die Idee, einen Abend über mein eigenes Leben zu kreieren und ihn mit den Liedern von Dalida zu begleiten, gab es damals jedoch noch nicht.

Zuvor hast du einen Piaf-Abend gemacht … Da habe ich auch ihre Lebensgeschichte an einem Punkt mit meiner eigenen verbunden: als es darum ging, dass die große Liebe ihres Lebens, der Boxer Marcel Cerdan, bei einem Flugzeugabsturz starb. Ich habe ebenfalls eine große Liebe verloren – mit 25 Jahren, bei einem Autounfall. Nach der Piaf-Show fragte ich mich, was als Nächstes kommen könnte. Ich hatte das Bedürfnis, etwas Größeres über mich zu machen, auch aufgrund der Umstände, wie sich mein Leben gerade entwickelt.

Ich habe vor zwei Jahren eine Traumatherapie begonnen. Dieser Prozess der Aufarbeitung hat mir den Mut gegeben, zum ersten Mal meine Lebensgeschichte umfangreicher auf die Bühne zu bringen – um sie mit Musik „ins Licht“ zu bringen und irgendwie aufzulösen. Meine konzeptionelle Idee ist: Mit 20 habe ich mein erstes Chanson gesungen, also erzähle ich meine Lebensgeschichte von meiner Geburt in Georgien bis zu genau diesem Punkt. Und weil Dalida damals einen so entscheidenden Einfluss auf mich hatte, wollte ich ihre Lieder nutzen, um meinen Werdegang zu erzählen.

„Dalida versteckt nichts, sie gibt sich dem Material völlig hin.“

Was hat dich an Dalida so angesprochen? Im Gesangsunterricht haben wir viel verglichen, um zu lernen, welcher Stil am besten zu mir passt. Bei Dalida hat mich fasziniert, dass sie sich vollkommen in die Emotionen begibt. Sie ist so präsent, so echt – alles, was sie macht, ist ganz sie selbst. Sie versteckt nichts, sie gibt sich dem Material völlig hin. Sie ist einerseits total fragil auf der Bühne und gleichzeitig überlebensgroß und mächtig – als könnte ihr niemand etwas anhaben.

Macht dir das Angst – so viele Emotionen zu zeigen? Nein, absolut nicht, ich fühle mich auf der Bühne so sicher wie sonst nirgendwo. Beim Singen trägt mich ein ganz bewusster Atem, der mich schützt. Und dann kommt die Musik dazu, mit dem Text. Deshalb kann ich bei meinen Auftritten loslassen und „nackt“ sein.

Bild: Elena Zaucke
Der Sänger Vladimir Kornéev beim Fotoshoot für seine neue Show

Wie hast du nach dem ersten Lied das weitere Repertoire von Dalida entdeckt? Ich habe damals viele französische Lieder gelernt, aber auch deutsches Repertoire. Natürlich hatte ich schon verschiedene Lieblingslieder von Dalida, zum Beispiel „Mourir sur scène“, „Comme si tu étais là“ oder „Paroles, paroles“. Diese Lieder habe ich immer wieder für mich gehört, aber nicht mit dem Gedanken, daraus einen ganzen Abend zu machen. Zwischendurch war Kurt Weill erst einmal zu wichtig für mich – ich war Artist in Residence beim Kurt Weill Fest in Dessau. Erst als ich mich entschied, meine Lebensgeschichte mit Dalidas Liedern zu erzählen, bin ich so richtig in ihr Gesamtœuvre eingetaucht vor etwa zwei Jahren.

Welche neuen Aspekte deines Lebens möchtest du erzählen? Das Programm schreitet Jahr für Jahr voran: wie ich mein erstes Klavier bekam, wie das Stottern aufhörte, die Rolle meiner Großmutter und was sie in mir ausgelöst hat … Ich gehe viel stärker ins Detail als früher in meinen Programmen, in denen meist nur einzelne Aspekte vorkamen.

Du singst mit einer markanten Männerstimme Lieder, die von einer Frau berühmt gemacht wurden. Solch ein Gender-Reverse-Ansatz ist aktuell sehr populär. Was ist daran für dich der Reiz? Das hat für mich gar keinen besonderen Reiz – ich denke gar nicht in solchen Kategorien. Mir ist es egal, wer was wie singt. Ich glaube, Musik gehört allen. In meiner Interpretation der Lieder verändere ich die Pronomen auch nicht – sie bleiben die der weiblichen Erzählfigur.

Haben Kritiker*innen sich schon einmal negativ dazu geäußert, dass du „Frauenrepertoire“ singst? Natürlich. Aber was soll ich dazu sagen? Das geht bei mir in ein Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Ich verstehe diese Diskussionen nicht – ich lasse mich darauf emotional nicht ein.

„Mir ist es egal, wer was wie singt. Ich glaube, Musik gehört allen.“

Was ist für LGBTIQ* der besondere Grund, in deine neue Show zu kommen? Dalida war in den 60er- und 70er-Jahren eine riesige Queer-Ikone, weil sie sich getraut hat, auf der Bühne komplett in die Emotionen zu gehen und verletzlich zu sein. Sie hat ihre Sensibilität so pur gezeigt wie kaum jemand sonst. Gleichzeitig war sie diese strahlende, überlebensgroße Erscheinung – fast göttinnenartig, voller Stärke und Macht. Ich denke, dass sich viele queere Menschen davon angesprochen fühlten: Gefühle zuzulassen, sich verletzlich zu zeigen und trotzdem stark zu bleiben gegenüber den Widrigkeiten des Lebens.

Merkst du das in deinen Konzerten, dass die LGBTIQ*-Community ein wichtiger Teil deiner Fanbase ist? Meine Community sind einfach Menschen, die Musik lieben. Ich unterscheide da nicht weiter. Als ich mit Kurt Weill beschäftigt war, hieß das Programm „Youkali“, nach der Insel, auf der jeder sicher ist, mit Respekt behandelt wird und Frieden herrscht. Das ist immer mein Ziel bei meinen Konzerten: eine solche Insel zu schaffen. Einen Safe Space. Es soll egal sein, wer man ist oder woher man kommt. Die Musik soll uns verbinden und jeder soll so sein können, wie er oder sie ist.

Dalida hat sich 1987 das Leben genommen – ist das auch Thema in deiner Show? Es kommt vor, denn es geht um Trauma und mentale Gesundheit. Ich erzähle von Dalida allerdings nur kurz am Anfang des Abends, damit alle wissen, wer sie war. Danach ist sie wie ein Schutzengel, und auf den Flügeln ihrer Lieder gehe ich durch mein eigenes Leben. Natürlich gibt es bei allen, die viel im Licht stehen – wie Dalida oder Piaf – auch viel Schatten. Erfolg und Einsamkeit sind im Showbusiness immer ein Thema, auch heute noch, obwohl man denken könnte, dass durch soziale Medien niemand mehr allein ist. Trotzdem fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Das ist auch bei Dalida ein großes Thema, besonders am Ende ihres Lebens. Man braucht als Künstler ein stabiles Umfeld – ein Team aus Familie und Freunden, das einen hält. Menschen, die einen als Mensch sehen. Auch ich habe ein Leben jenseits der Bühne, in dem ich allein bin, Wäsche wasche und sortiere – wobei man übrigens besonders gut Texte lernen kann. (lacht)

„Vladimir Kornéev singt Dalida: Um nicht allein zu sein“
Ein autobiografisch-musikalischer Theater-Abend
08.–10.05., 19.–24.05.
Tipi am Kanzleramt

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