Der KitKatClub auf der großen Leinwand: Exzess im Kollektiv
Der Filmemacher Philipp Fussenegger versucht in seinem Dokumentarfilm „KitKatClub – Kinks of Berlin“ den Geist und Mythos des sexpositiven Kreuzberger Clubs einzufangen
Was im Club passiert, bleibt im Club. Das gilt ganz besonders für die beiden großen Berliner Tempel der sexuellen Freiheit und des Hedonismus, für das Berghain und den KitKat-Club. Damit das so bleibt, herrscht an beiden Orten striktes Handyverbot. Soviel Diskretion und Mythenbildung muss schon sein. Umso überraschender erscheint es da, dass das KitKat-Team tatsächlich die heiligen Hallen für einen Dokumentarfilm geöffnet hat. Gelungen ist dies dem österreichischen Filmemacher Philipp Fussenegger, der zuletzt die queere Performerin und Musikerin Peaches fürs Kino porträtiert hat.
In „KitKatClub – Kinks of Berlin“ begleitet er nun ein halbes Dutzend Menschen durch ihren Alltag und in den Kreuzberger Fetisch-Kinky-Sex & Electro-Club. Zum Beispiel die Dark-Horror-Drag-Queen Raven Van Krüger, die, je länger die Nacht dauert, umso mehr die Contenance verliert. Das Männerpaar Oli und Foxy ist nicht nur nächtens Herr und Hund, diese sexuelle Rollenverteilung ist auch bei Tageslicht und in den heimischen Räumen bestimmend. Für sie, wie auch für das BDSM-Pärchen Vici und Marvin, ist der Club nicht nur Partylocation, sondern der Freiraum, in dem sie sich kreativ wie erotisch-sexuell entfalten können. Ein Safe Space für die kollektive Lust und die sexuelle Performance.
Zwischen Rausch, Konsens und Ästhetik
In den fünf Kapiteln, in die sein Film unterteilt ist, rückt Philipp Fussenegger die zentralen Protagonist*innen jeweils in den Fokus, doch wirklich streng verfolgt wird dieses Konzept nicht. Szenen aus dem Tag- und Nachtleben, der Club-Persona und der bürgerlichen Lebenswelten, stehen immer wieder dicht beieinander. Aus den vielen Momentaufnahmen, Gesprächsfetzen und Alltagsszenen fügt sich nicht zwangsläufig ein volles Bild dieser Protagonist*innen. Sie verschwinden immer wieder in der Masse der Feiernden, auf der Tanzfläche, im Pool oder beim Sex mit einer oder mehreren Personen. Die Kamera begleitet Oli und Foxy zum Fickstuten-Markt, sie wirft einen Blick auf Drag-Shows und S/M-Performances und zeigt in Großaufnahme, wie ein Besucher bei sich mit einer Spritze für eine knallharte Erektion sorgt.
So explizit viele Momente auch sind: „KitKatClub – Kinks of Berlin“ ist keine schlüpfrige RTL2-Reportage. Dafür sorgen bereits die ästhetisierenden, in kontrastreichem Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder von Kameramann Dino Osmanović. Philipp Fussenegger versucht, in diesen mit unaufgeregter Beiläufigkeit fotografierten Szenen das Rauschhafte und Sinnliche dieses Ortes einzufangen, und auch die Selbstverständlichkeit, mit der hier in großem Einvernehmen Sex zelebriert und gefeiert wird.
Immer wieder ist in den eingebauten Gesprächsfetzen deshalb auch von Awareness und Konsens die Rede. Bessere Werbung könnte sich der Club kaum wünschen. Erst spät wagt der Film auch etwas kritischere Töne, etwa zum missbräuchlichen Substanzkonsum und den Folgen des unkontrollierten Exzesses. Am überraschendsten sind die letzten Szenen mit Simon Thaur. Der Gründer des KitKat-Clubs hat sich längst aus dem Geschäftsbetrieb zurückgezogen und produziert nun Pornos. Philipp Fussenegger begleitet ihn bei einem Videodreh für eine Golden-Shower-Nummer. Zu Hause aber geriert sich der Freidenker Thaur, der sich althergebrachten bürgerlichen Beschränkungen widersetzt, als Pascha der alten Sorte.
„KitKatClub – Kinks of Berlin“,
Regie Philipp Fussenegger,
D 2026, 96 min.
Kinostart: 10. September
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