„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ – Horror-Hit mit Gillian Anderson
Wie die Resonanz auf „Obsession“ und „Backrooms“ beweist, erlebt innovativer Horror derzeit eine Hochkonjunktur. Zu den am heißesten ersehnten Genre-Filmen des Jahres zählt auch „Teenage Sex and Death at Camp Miasma”. Regisseur*in Jane Schoenbrun nutzt den Slasher-Film, um mit viel Blut, Witz und lustvoller Genre-Dekonstruktion queeres sexuelles Erwachen zu feiern
In „Psycho“ (1960) zieht sich Norman Bates die Kleider seiner Mutter an, bevor er sein Messer schwingt. In „Dressed to Kill“ (1980) ist der Killer eine trans Frau. Und der Metzelfilm „Sleepaway Camp“ (1983) lässt das Teenie-Blutbad von einem als Mädchen erzogenen Jungen ausgehen. Nicht zu vergessen Buffalo Bill, der sich in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) einen Anzug aus Frauenhaut näht. Es ist ein klassisches Horrormotiv, das Böse mit den gesellschaftlich Ausgestoßenen in Verbindung zu bringen: Wer mordet, macht auch Crossdressing, ist trans, queer, weiblich konnotiert oder anderweitig deformiert.
Hauptfigur Kris (Hannah Einbinder) aus Jane Schoenbruns „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ hat ihre Sekundärliteratur zum Thema Grauen und Gender genau studiert; die aufstrebende Regisseurin weiß, wie transphob und reaktionär besonders das klassische Slasher-Genre ist. Ihr erster Kurzfilm war dementsprechend reichlich akademisch eine Reinszenierung von Hitchcocks „Psycho“ – aus der Perspektive des Duschvorhangs. Nun will Kris das eigentlich bis aufs letzte Sequel ausgepresste (fiktionale) Slasher-Franchise „Camp Miasma“ aus den 80ern wiederbeleben. Der Miasma-Killer namens Little Death – Kleiner Tod – hat es über die Jahrzehnte in liebevoll kreiertem Merchandise sogar zur Actionfigur, zum Schlüsselanhänger und Brettspiel gebracht. Auf dem Kopf trägt er wie ein Kunstwerk der geometrischen Abstraktion einen Lüftungsschacht als Mördermaske. Sein Kino-Reboot soll nun ganz anders werden: woke, feministisch und queer.
Grusel, Faszination, Begehren
Zur Projektvorbereitung begibt sich Regisseurin Kris auf die Suche nach dem damaligen Final Girl des ersten „Miasma“-Streifens: Billy Preston (gespielt von „Akte X“-Star Gillian Anderson). Final Girl, das ist jenes jungfräulich gebliebene, leicht biedere Mädchen, das inmitten der Schlächterei an vögelnden und saufenden Teenagern als Einzige überlebt. Kris spürt die inzwischen zurückgezogen lebende, gealterte Filmdiva in einer abgelegenen Winterlandschaft auf, die sich als der ehemalige Drehort des ersten „Camp Miasma“-Films entpuppt.
Warum hat sich die mysteriöse Einsiedlerin ausgerechnet diesen Massakerschauplatz als Alterssitz gewählt? „Jemand muss hier sein, wenn der Kleine Tod zurückkommt.“ Von Grusel, Faszination und zunehmender Anziehung gepackt, lässt sich die erheblich jüngere Kris auf eine Annäherung an Billys Geschichte und letztlich das eigene Begehren ein. Klar, dass auch der Kleine Tod, in all seiner Mehrdeutigkeit, seinen großen Auftritt haben wird.
Für „Camp Miasma“ hat sich Schoenbrun gefragt, wie sich sexuelles Erwachen nach der Transition, metaphorisch darstellen ließe.
„Teenage Sex and Death at Camp Miasma”, der bei den Filmfestspielen in Cannes die Queer Palm gewonnen hat, ist der dritte Spielfilm der*des nonbinären Regisseur*in Jane Schoenbrun – und der persönlichste. Auch in „We’re all going to the World’s Fair“ (2021) und „I saw the TV glow” (2024) ging es um queere Außenseiterfiguren, um Dysphorie in Körper und Gesellschaft und um die immer bedrohlicher werdende Vermischung von Realität und Fiktion. Für „Camp Miasma“ hat sich Schoenbrun gefragt, wie sich sexuelles Erwachen nach der Transition, das erlösende Ankommen im eigenen Körper wohl metaphorisch darstellen ließe. Und zwar im Slasherfilm, mit seinem notorischen Klischee des trans Monsters, mit dem Schoenbrun als Hardcore-Horror-Nerd aufgewachsen ist.
Verspielte Film-im-Film-Verschachtelungen
Das Ergebnis ist ein wilder Ritt durch Film-im-Film-Verschachtelungen und das Spiel mit dem Genre, was lustig, blutfontänenlastig, aber noch nicht per se tiefsinnig ist. Doch vor allem wird auf mehreren Ebenen die Befreiung von Trauma verhandelt. Trauma durch alltägliche sexuelle Übergriffigkeit aus der Prä-Me-too-Ära, wo es als Vorbereitung auf die „Entjungferung“ im Ferienlager schon mal heißt: „Stell dir einfach vor, es ist wie die Spritze beim Arzt.“ Trauma durch Sex, der sich nicht wie der eigene anfühlt. Oder durch das unterdrückte, verbotene Begehren, man selbst zu sein. Wie Jane Schoenbrun den Figuren – und sich und uns – eine Katharsis und eine zum Heulen und Gruseln schöne Meta-Lesbensexszene schenkt, das ist ungeheuer befriedigend.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma,
US/UK 2026,
Regie: Jane Schoenbrun.
Mit Hannah Einbinder, Gillian Anderson,
ab 20.08. im Kino
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