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„Mother Mary“ – bildgewaltiger Pop-Thriller mit Identitätskrise

29. Mai 2026 Paula Balov
Bild: Leonine Studios, A24 / Eric Zachanowich
Anne Hathaway als titelgebender Popstar (li.) und Michaela Coel als Designerin Sam Anselm

Anne Hathaway und Michaela Coel liefern sich in „Mother Mary“ ein intensives Kammerspiel über Ruhm, kreative Autorschaft und Selbstverlust. Trotz hypnotischer Bilder und starker Atmosphäre unterläuft David Lowerys Psychodrama jedoch immer wieder seine eigene Wirkung

Superstar Mother Mary (Anne Hathaway) bereitet sich auf ihr Comeback vor. Bei einer Kostümprobe bekommt sie plötzlich die Krise und fliegt zu ihrer ehemaligen Designerin Sam Anselm (Michaela Coel). Diese soll ein Kleid entwerfen, das sich mehr wie sie selbst anfühlt. Schnell zeigt sich, dass eine Kluft zwischen den beiden Frauen liegt. In einem langen Dialog im Atelier der Designerin brechen alte Konflikte auf, während klar wird, dass sich die Sängerin wie von einem Geist besessen fühlt.

Der Film, den Regisseur David Lowery („A Ghost Story“, „The Green Knight“) als „psychosexual Pop Thriller“ bezeichnet, erzählt von einer heimgesuchten, von sich selbst entfremdeten Popsängerin auf der Suche nach sich selbst. Zugleich verhandelt „Mother Mary“ mit christlicher Symbolik die Beziehung zwischen Schöpferin und Kreation: Die Designerin hat das Image von Mother Mary mitkreiert, erhält dafür jedoch kaum Anerkennung – wie viele Schwarze Frauen in kreativen Branchen. Auch Themen wie Trauma, queere Obsession, Schuld und Vergebung umkreist der Film. Im Endeffekt nimmt er sich jedoch zu viel vor, um einem dieser Themen wirklich gerecht zu werden. Ein Großteil der Handlung konzentriert sich auf den Dialog zwischen den Frauen im Atelier, wie bei einem Kammerspiel.

Der Film unterläuft seine eigene Wirkung

„Show, don’t tell“ lautet eine bekannte Regel des kreativen Schreibens. Oft wirkt es stärker, wenn ein Bild für sich spricht, statt erklärt zu werden. Wie bei jeder Schreibregel gibt es gute Gründe, davon abzuweichen, etwa beim Kammerspiel: wenige Figuren in einem Raum, wie auf einer Theaterbühne, verhandeln ihre Beziehungen. Vorwürfe prallen aufeinander, und weil sich das Geschehen an nur einem Ort entfaltet, wird zwangsläufig mehr erzählt, als visuell gezeigt.

Anne Hathaway und Michaela Coel bringen die schauspielerische Präsenz mit, um ein solches Konzept zu tragen. Über den Großteil des Films hinweg halten sie die Spannung aufrecht und entwickeln eine überzeugende Dynamik im Dialog miteinander. Schwierig wird dieser Ansatz jedoch dort, wo der Film mit einem zweiten Genre flirtet: Horror. Denn kaum etwas zerstört eine unheimliche Atmosphäre zuverlässiger, als das Übernatürliche zu erklären.

Nun ist „Mother Mary“ eher psychologisches Drama als Horrorfilm, und dass sich der Film bewusst von Genregrenzen entfernt, ist typisch für David Lowery und gerade reizvoll – er scheint nur nicht so recht zu wissen, wo er stattdessen hinmöchte. Oftmals unterläuft der Film seine eigene Wirkung, etwa wenn unheimliche Szenen mit Voice-over aus dem Dialog überlagert werden und die Figuren exakt beschreiben, wie das Geschehen einzuordnen ist – teilweise lampshaden sie sogar Horrorklischees. Der übererklärte, von Metaphern überfrachtete Dialog erstickt nicht nur alles Mysteriöse, sondern verhindert auch Immersion und schwächt die Beziehungsgeschichte.

Statt ihre jeweiligen Stärken zu bündeln, neutralisieren sich die Genres in ihrer Verschmelzung.

Das ist schade, denn „Mother Mary“ hätte das Potenzial, sowohl ein starkes Kammerspiel als auch ein intensiver psychologischer Horrorthriller zu sein. Statt ihre jeweiligen Stärken zu bündeln, neutralisieren sich die Genres in ihrer Verschmelzung. Anders als etwa „Black Swan“, wo eine intime Charakterstudie in einen verstörenden Horrortrip mündet, wartet man hier vergebens auf ein Crescendo.

Bild: Leonine Studios, A24 / Eric Zachanowich
Anne Hathaway als mystifizierte Popikone

Die vage Frauenbeziehung enttäuscht

Obwohl der Dialog im Film so viel Raum einnimmt, wirkt ausgerechnet die Beziehung der beiden Frauen unausgereift. Es bleibt unklar, ob die Figuren vor allem Arbeitskolleginnen und beste Freundinnen waren oder sie eine Liebesbeziehung verband – das lesbische Begehren bleibt trotz der erotischen Spannung zwischen den Figuren letztlich Subtext.

Die Frage drängt sich auf, weshalb der Film als sapphische Story von Medien und Filmfans so heiß erwartet wurde. Auch Hunter Schafers Nebenfigur bleibt letztlich bloße Randerscheinung. Von einem sonst feministischen Film, in dem ausschließlich Frauen sprechende Rollen haben, wäre mehr Mut zu queerer Sichtbarkeit wünschenswert gewesen.

Das lesbische Begehren bleibt trotz der erotischen Spannung zwischen den Figuren letztlich Subtext.

Starke visuelle Identität

„Mother Mary“ wirkt wie ein ambitionierter Film, der versucht, zu vieles gleichzeitig zu sein. Die einzelnen Elemente sind alle gut, ergeben aber kein überzeugendes Gesamtbild. Von all den Bausteinen sticht jedoch eines heraus: die starke visuelle Identität und Bildgewalt.

Die Cinematographie ist atemberaubend: Von der Popikone mit ihrem Heiligenschein und Kostümen, die religiöse Symbolik in High Fashion übersetzen, über die ausdrucksstarken – und zum Teil verstörenden – Tanzchoreografien bis hin zu überwältigenden Großaufnahmen von Konzertstadien. Abgerundet wird das vom Soundtrack, der ebenfalls gelungen ist: An den unterschwellig düsteren Popsongs, gesungen von Anne Hathaway, haben unter anderem Charli XCX und FKA twigs mitgeschrieben.

Die mysteriösen Elemente, vor allem der rote Schleier, werden poetisch in Szene gesetzt und lassen an Dario Argentos „Suspiria“ denken. Sogar die wenigen blutigen Momente sind eindrucksvoll. Wo der Film sonst über seine Metaphern in den Dialogen stolpert, hat seine visuelle Sprache keinerlei Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Dafür allein lohnt sich der Kinobesuch.

Mother Mary,
UK/USA 2026,
Regie: David Lowery,
Mit Anne Hathaway, Michaela Coe, Hunter Schafer u.a.
Seit dem 21.05. im Kino

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