„Inventing Queer Cinema“: Queere Kinogeschichte neu erzählt
Mit ihrer ersten großen Ausstellung am neuen Standort, „Inventing Queer Cinema“, beleuchtet die Deutsche Kinemathek, wie der queere Film das Kino formte – und welche Relevanz queere Filme, Kinoreihen und Festivals wie zum Beispiel Xposed für die Community bis heute haben
Übergroße Szenenfotos hängen von der Decke in der weitläufigen Werkshalle eines Umspannwerks in Berlin-Mitte und bilden ein Labyrinth aus Momentaufnahmen queerer Leinwandfantasien – manche Bilder haben sich bereits tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben.
Im E-Werk, wo sich Mitte der 1990er-Jahre Berlin als internationale Techno-Metropole feierte, wird ab 7. Mai in einer Ausstellung die Vorreiterrolle dieser Stadt in einem anderen kulturellen Bereich herausgearbeitet: als Ursprungsort, kreativer Schmelztiegel und Zentrum des queeren Kinos. Hier leb(t)en und arbeite(te)n nicht nur viele der wichtigsten Filmschaffenden; durch ihre Produktionen im Ausland, den Teddy Award und in Berlin ansässige Kreative mit Wurzeln in anderen Ländern ist die Stadt auch Teil des Weltkinos geworden.
In einer Videoinstallation können die Besucher*innen in die Filmgeschichte abtauchen und rund 100 Filmen von den 1970er-Jahren bis Mitte der 2000er-Jahre (wieder-)begegnen, in denen nicht-heteronormative Geschichten, Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten auf unterschiedlichste Weise eingefangen und in bewegte wie bewegende Bilder umgesetzt sind. Verbindendes Moment all dieser Filme ist Berlin.
„Von Filmen bleiben Bilder, Szenen, einzelne Sätze, Momente und Emotionen.“
„Von Filmen bleiben Bilder, Szenen, einzelne Sätze, Momente und Emotionen“, sagt der Kurator Björn Koll. Für seine Ausstellung wollte er „all dies für das queere Kino sammeln und in einem Dschungel aus Beziehungen und Zusammenhängen vereinen“. Begleitend zur Ausstellung gibt es im Studiokino der Kinemathek rund 100 Filme in kompletter Länge zu sehen.
Drei Jahrzehnte queerer Filmarbeit
Über 30 Jahre hat Björn Koll das Erbe des Filmverleihers Manfred Salzgeber fortgeführt und zu einem Medienunternehmen ausgebaut. 2023 gab er die Geschäftsführung ab, um sich vor allem der von ihm gegründeten Queeren Kulturstiftung zu widmen. „Inventing Queer Cinema“ ist damit auch als sein Resümee aus über drei Jahrzehnten queerer Filmarbeit zu sehen. „Für mich beinhaltet Queer Cinema dabei dieses ‚Von uns, für uns‘, denn ich möchte Bilder und Geschichten sehen, die stimmen und für mich gemacht wurden. Und das ist im besten Sinne subversiv, wenn eine Minderheit einfordert, nicht von der Mehrheit versorgt zu werden, beziehungsweise von der Mehrheit verlangt, sich mit den Filmen einer Minderheit zu beschäftigen.
„Im Zentrum der Ausstellung stehen die Pionier*innen, die ab den 1970er-Jahren das queere Kino in Deutschland maßgeblich geprägt haben“, sagt die Kinemathek-Leiterin Heleen Gerritsen – Regisseur*innen wie Monika Treut („Die Jungfrauenmaschine“), Ulrike Ottinger („Madame X – Eine absolute Herrscherin“, „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“), Frank Ripploh („Taxi zum Klo“) und Wieland Speck („Westler“). Das mit Texttafeln erläuterte Bilderlabyrinth führt nicht chronologisch durch die Filmgeschichte, sondern zieht thematische Verbindungen wie Trans*-Repräsentation oder die Verarbeitung der Aids-Krise.
Im Prolog wird an die filmhistorischen Pioniere erinnert, etwa Richard Oswalds „Anders als die Andern“ (1919), einer der ersten Filme weltweit, die offen das Thema Homosexualität behandelten. Oder Leontine Sagans „Mädchen in Uniform“ (1931). In einer „Schatzkammer“, eingerichtet in der spektakulären Schaltzentrale des einstigen Umspannwerks, werden Exponate zu einer Vielzahl von Filmen zu sehen sein: Kostüme und Requisiten, aber auch Dokumente der Zensur. Bis weit in die 80er-Jahre hinein sorgte etwa die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) dafür, dass viele Produktionen in Deutschland nur in gekürzter Version eine Kinofreigabe erhielten. Und dann ist da natürlich noch der Film, der international wohl als der bekannteste queere Klassiker aus Deutschland gelten dürfte: Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, übrigens eine Auftragsarbeit des WDR. Eine Videoinstallation setzt sich mit der Rezeptionsgeschichte dieses Films auseinander und zeigt Ausschnitte aus verschiedenen Talkshow-Auftritten Praunheims.
Queere Filmfestivals als Möglichkeitsraum
Dass ein einzelner Film eine Bewegung lostreten kann, das dürfte sich so leicht nicht mehr wiederholen. Möglich wurde es seinerzeit, weil nach den Vorführungen die Schwulen in den Kinos miteinander diskutierten und zu dem Schluss kamen, dass sie vor Ort, in ihren Städten, etwas verändern und sich organisieren mussten. Dieses Bedürfnis, gemeinsam in und mit der Community Filme zu schauen, sich zu begegnen, miteinander zu sprechen, sich vielleicht sogar mit den Filmschaffenden auszutauschen, hat unter anderem zur Gründung vieler Filmfestivals geführt.
„Das Problem war nicht nur, dass es nicht genügend Repräsentationen auf der Leinwand gab, es gab auch keine Kinos, die bereit waren, diese Filme zu zeigen.“
So entstand etwa in Hamburg 1990 aus einer studentischen Initiative das Lesbisch-Schwule Filmfestival, das heute unter dem Namen Hamburg International Queer Film Festival firmiert. „Das Problem war nicht nur, dass es nicht genügend Repräsentationen auf der Leinwand gab, es gab auch keine Kinos, die bereit waren, diese Filme zu zeigen“, erinnert sich Peter Rehberg in einem lesenswerten Beitrag für das Onlinemagazin sissymag an die Gründung. „Die Filme im Kinosaal zu gucken war für mich genauso entscheidend wie die Gespräche davor oder danach im Foyer oder später in der Nachbarschaft, meistens irgendwo auf St. Pauli. Nicht nur zum CSD, auch auf den Filmtagen wurde Hamburg auf einmal ein queerer Möglichkeitsraum.“
Auch Skadi Loist gehörte zum Gründungsteam und hat das Festival über zwei Jahrzehnte mitorganisiert und dann auch zu queeren Filmfestivals geforscht. Inzwischen lehrt Loist als Associate Professor*in für Filmwissenschaft an der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim. Das Praunheim-Moment ließe sich wohl nicht mehr wiederholen, sagt Skadi Loist. Aber: „Ich glaube auch, dass bestimmte Filme und Themen immer noch packen und damit etwas auslösen können. Und Festivals, einzelne Events oder Filmreihen mit einer eigenen Community oder eigenem Stammpublikum können ein Ort sein, der etwas in Bewegung bringt.“ Wenn eine Filmreihe oder ein Festival gut kuratiert ist, könnten Kinos nicht nur zu einem wichtigen queeren kulturellen, sondern auch zu einem politischen Ort werden.
Doch das passiert nur, wenn die Angebote tatsächlich divers und im tatsächlichen Sinne queer sind, also unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Und, so Skadi Loist, sich die Kurator*innen wie die Besucher*innen nicht nur für die eigene Bubble interessieren, sondern der Blick offen sei für die Probleme und Lebenswirklichkeiten anderer Gruppen des queeren Spektrums. Dann besitzen solche Orte das Potenzial, queeren Menschen nicht nur eine Art Zuhause, einen Schutzraum zu bieten, sondern auch die Gelegenheit, „sich über die aktuell wichtigen Themen auszutauschen und Allianzen zu schmieden“. Die Tatsache, dass immer wieder neue Filminitiativen entstehen – mal sind sie sehr speziell fokussiert, mal bieten sie schlicht die Gelegenheit, neuere queere Produktionen überhaupt sehen zu können –, zeigt, wie groß das Bedürfnis ist.
Für Björn Koll sind „die erfolgreichsten Safe Spaces“ die bundesweite Queerfilmnacht in fünfzig (zum Teil auch sehr kleinen) Städten, das Queerfilmfestival (das parallel in elf Städten stattfindet) und „rbb queer“. Bei dieser Fernsehreihe in Kooperation mit dem Filmverleih Salzgeber erreichten die Filme tatsächlich ein Millionenpublikum. „Und hinter all diesen Safe Spaces stehen Menschen, die Dinge ermöglichen, Einladungen aussprechen und Angebote machen.“
Low-Budget-Filme, DIY-Spirit
Ein solches Angebot hat Bartholomew Sammut, maltesisch-australische*r Filmschaffende*r, gemacht und 2006 im Moviemento Kino einen ersten wichtigen Partner gefunden. Was mit preisgekrönten queeren Kurzfilmen aus Australien anfing, ist heute wichtiger Bestandteil der Berliner Filmlandschaft und des Kulturangebots geworden. Beim Xposed Queer Film Festival sind Arbeiten zu entdecken, die es sonst schwer haben, den Weg ins Kino zu finden, wie etwa Kurzfilme, Experimentelles oder LowBudget-Produktionen. Manchen haftet das Label „Underground“ an, andere beschwören den Geist des DIY: Do It Yourself. „Aber was ist schon Underground? Das sind einfach Filme, die ihrer Zeit voraus sind“, sagt Bartholomew Sammut, inzwischen Mitarbeiter*in der Berlinale-Sektion Panorama. Die queere Filmgeschichte ist geprägt von Vorreiter*innen, die mit einer neuen Ästhetik, anderen Geschichten und ungewöhnlichen Perspektiven herausforderten. Auch deshalb sind solche Filme immer wieder Teil des Xposed-Programms.
„Aber was ist schon Underground? Das sind einfach Filme, die ihrer Zeit voraus sind.“
„Diese Filme können enorm inspirierend sein und motivieren“, sagt Sammut. Denn für Filmschaffende sei es mittlerweile wieder deutlich schwieriger geworden, für queere Projekte Filmförderung zu erhalten oder ihre Arbeiten überhaupt zeigen zu können. Die queere Filmgeschichte aber zeigt: Mit diesem Problem mussten sich Filmemacher*innen schon immer herumschlagen und haben eigene Wege gefunden, indem sie die Sache selbst in die Hand nahmen. Sei es, dass sie mit der Hilfe ihrer queeren und/oder künstlerischen Wahlfamilie Low-Budget-Filme produzierten, Festivals gründeten oder – wie Manfred Salzgeber – einen Filmverleih aufbauten. „Ich fände es cool und wichtig, wenn die Besucher*innen der Ausstellung dies als Inspiration und Ermutigung für sich mitnähmen.“
Auch Heleen Gerritsen ist es wichtig, mit „Inventing Queer Cinema“ den Aktivismus und DIY-Spirit zu würdigen, vor allem aber den Wert des queeren Films für Filmgeschichte und Gesellschaft hervorzuheben. Das soll übrigens auch über die Ausstellung hinaus weitergehen. Gemeinsam mit der Queeren Kulturstiftung baut die Kinemathek ein „Queer Cinema Archive“ auf. Zu finden sind dort bereits Vor- und Nachlässe unter anderem von Lothar Lambert, Yony Leyser, Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Rosa von Praunheim sowie dem Filmarchiv des Verleihs Salzgeber.
SIEGESSÄULE präsentiert „Inventing Queer Cinema“
07.05.–13.09.
Do–So, 10:00–18:00
E-Werk
deutsche-kinemathek.de
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