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Neuer Almodóvar-Film „Bitteres Fest“: Zwischen Realität und Fiktion

5. Juli 2026 Antonia Augsbach
Bild: Iglesias Más / El Deseo / Studiocanal
Leonardo Sbaraglia als Raúl

Pedro Almodóvars Metadrama „Bitteres Fest“ („Amarga Navidad“) erzählt vom schmalen Grat zwischen künstlerischer Inspiration und verletzender Aneignung. Mit gewohnt starken Frauenfiguren – und einem ziemlich ironischen Selbstporträt

Hinter dem erfolgreichen, mittlerweile in die Jahre gekommenen schwulen Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia) liegt eine Schaffenskrise. Nach einer kreativen Blockade schreibt er nun wieder an einem Drehbuch. Seine neue Geschichte handelt von der Werbefilmerin Elsa (Bárbara Lennie). Sie hat dem Kino den Rücken gekehrt und dreht stattdessen lukrativere Werbeclips. Inspiration für ihre Figur liefert Raúl selbst: Genau wie ihn lässt Elsa der Tod der Mutter nicht los – in ihrem Fall in der Vorweihnachtszeit 2004.

Gepeinigt von Panikattacken und Migräne flieht sie aus dem festlich geschmückten Madrid. Auch ihren gutmütigen Partner Bonifacio (Patrick Criado), der stark an Raúls eigenen Lebensgefährten erinnert, lässt sie hinter sich. Ein Urlaub auf Lanzarote verspricht Genesung.

Als Raúls langjähriger Freundin und Lektorin Mónica (Aitana Sánchez- Gijón) ein schlimmer Schicksalsschlag widerfährt, verleiht der Regisseur seiner Geschichte über Elsa ein neues Ende. Nun ist es nicht mehr nur Raúls eigenes Leben, das als Vorbild für sein Werk herhalten muss. Plötzlich findet Mónica ihre tragische Geschichte in seinem Drehbuch. Damit stellt der Film die Frage nach den Grenzen der Kreativität: Wo endet Inspiration und wo beginnt illegitime Aneignung? Darf sich ein Künstler vom Leid anderer inspirieren lassen?

Gefahr der ermüdenden Selbstreferenzialität

Die auf zwei Zeitachsen zwischen Fiktion und Realität wandernden Hauptfiguren Raúl und sein Alter Ego Elsa in Almodóvars neuem Melodrama sind beide Hommagen an den spanischen Filmemacher. Zu den im Film geschaffenen Metaebenen kommt Almodóvars eigene Biografie hinzu. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 76-Jährige selbst zum Thema macht. Erst 2023 veröffentlichte der schwule Regisseur das Buch „Der letzte Traum“, eine „fragmentarische Autobiografie“. Selbstbildnisse im Kino bergen allerdings immer die Gefahr der ermüdenden Selbstreferenzialität.

Oscarpreisträger Almodóvar versucht dem durch die Doppelbödigkeit seiner Hauptcharaktere entgegenzuwirken. Das gelingt jedoch nicht durchgehend: Phasenweise verliert sich der Film in seiner eigenen Selbstbezüglichkeit. Trotzdem schafft Almodóvar schöne Bilder und gibt seiner verworrenen Erzählung durch visuelle Details eine Struktur, die sich in der Handlung manchmal nicht wiederfinden lässt. So wiederholen sich etwa immer wieder Krankenhausszenen in starkem Blau.

Stark ist „Bitteres Fest“ immer dann, wenn Almodóvar den Blick auf sich selbst offenlegt und ironisch bricht.

Almodóvar bleibt dabei trotz erzählerischer Wirrung seinen Stärken treu: der Gabe, vielschichtige Frauenfiguren zu zeigen und der authentischen Darstellung von Queerness. Bei allem Drama ist etwa die schwule Identität von Raúl absolute Selbstverständlichkeit.

Stark ist „Bitteres Fest“ immer dann, wenn Almodóvar den Blick auf sich selbst offenlegt und ironisch bricht. So erklärt Werbefilmerin Elsa in einer Krankenhausszene der Ärztin, was ein Kultfilm ist: Dabei handele es sich um einen erfolglosen Film, der nur von wenigen Menschen angesehen werde, diesen aber umso mehr gefiele. Die Ärztin hatte erst an einen religiösen Kult gedacht. Auch dass Raúls Lektorin ihm nüchtern vorschlägt, seinen neuen Film doch an Netflix zu verkaufen, kann als Seitenhieb gegen die gegenwärtige Filmindustrie gewertet werden.

Während diese humorvollen Szenen hervorragend funktionieren, bleiben die tieferen Emotionen des Films auf Distanz. Durch die ständigen Wechsel zwischen Realität und Fiktion entsteht ein spürbarer Abstand zu den Figuren. Die großen Gefühle, gerade in Elsas Handlungsstrang, wirken dadurch zeitweise seltsam weit weg.

Mit „Bitteres Fest“ schafft Almodóvar ein vielschichtiges Drama über mehrere Erzählebenen hinweg. Sein Selbstbildnis ist getragen von starken Frauenfiguren und einem erfrischend selbstironischen Blick. So entkommt er langatmiger Selbstbeweihräucherung und entschädigt für so manch wirre Verschachtelung.

Bitteres Fest
Spanien 2026, Regie: Pedro Almodóvar.
Mit Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo u.a.
Seit 30.07. im Kino

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