Politthriller „Staatsschutz“ – Rechtsstaat unter Verdacht
In seinem wütenden Politthriller „Staatsschutz" zeichnet Faraz Shariat ein düsteres Bild von der deutschen Wirklichkeit und von rechtsextremen Strukturen in Politik und Justiz
Ihr Job ist es, nach Verbrechen die Strafverfolgung zu leiten und Anklage zu erheben. An diesem Morgen aber ist die Staatsanwältin Seyo Kim, deutsch-koreanischer Herkunft, selbst das Opfer einer Straftat. Und das auch nicht zufällig.
Ein Radfahrer schneidet ihr in einer Unterführung so rabiat den Weg, dass sie unter der Brücke von ihrem Rennrad stürzt. In diesem Moment treffen sie von oben Molotowcocktails. „Geil, die Fotze brennt!“, ist noch zu hören, bevor die Täter verschwinden. Kim gelingt es, sich aus ihrer brennenden Jacke zu befreien und die Polizei zu rufen – und wechselt sofort in den Juristinnen-Modus. Gibt Anweisungen, den Tatort zu sichern und lässt sich, statt in die Notaufnahme, in die Forensik bringen. Denn auch die Reste des Brandsatzes können eine wichtige Spur sein, um die Täter zu überführen. Der Anschlag, das wird bald deutlich, galt ihr als Staatsanwältin, die mit ihren Ermittlungen in rechtsextremen Kreisen für Unruhe gesorgt hat.
Das System, als dessen Teil sie sich fühlt und an das sie glaubt, erweist sich auf dem rechten Auge als blind.
„Wenn die Behörde von einem Muslim angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen Terrorakt“, ist sich Seyo Kim sicher. Weil sie erlebt, wie die Ermittlungen zu ihrem eigenen Fall von höchster Stelle sukzessive ausgebremst werden, beginnt Kim auf eigene Faust in den Gerichtsarchiven zu wühlen und stößt auf ein Muster: zahllose eingestellte Verfahren gegen rechtsextreme Täter, ein Netzwerk, das offenbar bis in Polizei und Justiz hineinreicht. Das System, als dessen Teil sie sich fühlt und an das sie glaubt, erweist sich auf dem rechten Auge als blind. Für ihre ohnehin schon brüchige On/Off-Beziehung mit ihrer Partnerin Min-Su sind diese Entwicklungen alles andere als förderlich.
Sechs Jahre ist es her, dass der iranisch-stämmige Faraz Shariat mit seinem queeren migrantischen Coming-of-Age-Drama „Futur Drei“ für Aufsehen sorgte. Nach diesem autobiografisch inspirierten Film hat Shariat nun ein fremdes Drehbuch umgesetzt. Claudia Schaefer, Jee-Un Kim und Sun-Ju Choi haben viele Jahre Tiefenrecherche zu Rassismus, Justizversagen und rechtsradikalen Netzwerken betrieben. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse müssen sehr ernüchternd gewesen sein. „Staatsschutz“ ist ein recht düsterer, wütender und kämpferischer Film geworden.
Zwischen Gerichtsdrama und Genrekino
Anders als noch in „Futur Drei“ schenken uns Faraz Shariat und sein Team wenig Lichtblicke in diesem Film, der sich zwischen bisweilen etwas thesenhaft geratenem Gerichtsdrama und spannungsgeladenem Genrekino bewegt. Das geschieht über weite Strecken ziemlich rasant und in Bildern, wie man sie in einem TV-Krimi definitiv nicht zu sehen bekommt. Dass nicht alle Nebenfiguren die Tiefe erhalten haben, die man ihnen wünschte, ist schade, aber verzeihlich.
Die Leinwand dominiert hier zu Recht Chen Emilie Yan. Sie trägt den Film durch ihre Präsenz und ihre vielschichtige Charakterzeichnung. Mit ihr ist eine Selbstermächtigung der etwas anderen Art zu erleben: die einer integren Staatsdienerin, die an den Strukturen zu zweifeln beginnt und die sich traut, Regeln zu brechen.
Irgendwann bleibt Seyo Kim nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und in einem hochtourigen schwarzen Muscle-Car – so viel Klischee und Spaß muss sein – als zunehmend einsame und verlorene Kämpferin für die Gerechtigkeit durch Brandenburg zu brettern.
„Staatsschutz“,
Deutschland 2026.
Regie: Faraz Shariat,
Drehbuch: Claudia Schaefer, Jee-Un Kim, Sun-Ju Choi.
Mit: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kinostart: 27. August
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