„Hamlet“ am Berliner Ensemble

Drogen, Sex und Shakespeare – Pierre Emö als Ophelia

3. Nov. 2026 Kevin Clarke
Bild: Moritz Haase
Schauspieler und Model Pierre Emö backstage im Ophelia-Glitzerkostüm bei einer „Hamlet“-Probe

Am Berliner Ensemble bringt der schwule Starregisseur Ersan Mondtag eine Neufassung von Shakespeares „Hamlet“ raus – in der der Geist des Vaters ihm im Darkroom erscheint und Ophelia ein genderfluides Wesen ist, gespielt von Pierre Emö

Als Pierre Emö vor zehn Jahren nach Berlin kam, wollte er vor allem eins – weg aus Paris. Eine Stadt, in der er Filmproduktion studiert hatte und die ihm irgendwann „zu viel“ wurde mit der Art, wie Menschen einen dort ständig in Schubladen stecken und zwingen, eine Performance abzuliefern. In Berlin konnte der damals Mittzwanzigjährige so sein, wie er ist. Und er hatte endlich Platz, wie er im Gespräch mit SIEGESSÄULE erzählt: Platz in einer Wohnung, die nicht so winzig war, dass er sie nur zum Schlafen nutzen konnte. (Verglichen mit dem Pariser Mietmarkt ist Berlin nach wie vor ein Eldorado.)

Emö fand einen Platz in einer WG mit jemandem aus dem Pornceptual-Team; jemand anderes aus dem Team wurde sein Boyfriend. Er begann, für Communityprojekte zu arbeiten, für Partys im SchwuZ, aber auch fürs Whole Festival und für We.Are.Village, wo er bis heute die Movie-Night-Reihe kuratiert. Er knüpfte Kontakte in die hiesige Film- und Kunstwelt. So lernte er den in Berlin lebenden französischen Fotografen Marc Martin kennen, der ihn 2017 zum zentralen Gesicht seiner Ausstellung „Fenster zum Klo“ im Schwulen Museum machte, die einen gigantischen Medienrummel auslöste. Damals durfte ich selbst im Rahmen der Pressearbeit fürs SMU mehrere Werbeclips für die Ausstellung mit Pierre drehen. Und merkte sofort: Pierre liebt die Kamera und die Kamera liebt Pierre. Egal, wie schüchtern oder „socially awkward“ er sich selbst sehen mag, auf dem Bildschirm strahlt er.

„Arbeiten wir jetzt mit Pornodarstellern zusammen?“

Pierre arbeitete als Model und probierte avantgardistische Pornos aus, zum Beispiel mit Noel Alejandro und Bruce LaBruce. Sie liefen auf diversen Festivals. Er kam zum Teddy Award und 2018 auch erstmals ans Berliner Ensemble, für die Bühnenadaption von Boccaccios erotischem Renaissanceklassiker „Decameron“.

Auf den ersten Proben an dieser etablierten Kulturinstitution begegneten ihm anfangs durchaus skeptische Stimmen, weil man mit „einem Pornodarsteller“ arbeitete. Doch das legte sich schnell. Und Pierre, der „Filmnerd“, entdeckte das Theater für sich. „Beim Film ist ja alles schon vorbereitet, wenn man am Set erscheint, da gibt’s keine Möglichkeit zu experimentieren. Auf der Bühne hingegen fängt man bei der ersten Probe bei null an“, sagt er. Das gefalle ihm. Und jetzt kehrt er ans BE zurück, diesmal ans Große Haus: als Ophelia in einer Produktion von Shakespeares „Hamlet“, überschrieben von Wilke Weermann und inszeniert von Ersan Mondtag. Der kannte die „Decameron“-Gruppe, Pierre und er folgten einander auf Insta-gram. Als sie sich zufällig beim Whole Festival über den Weg liefen, kamen sie in Kontakt.

Seitdem haben sie gemeinsam an „Alternde Meister“ gearbeitet, einer Produktion des BE und der Gemäldegalerie, sowie an „Totentanz“ in der Galerie Dittrich & Schlechtriem. Als Mondtag Pierre fragte, ob er auch in seiner Neudeutung der Shakespeare-Tragödie mitspielen wolle – verlegt nach Berlin, mit Party, Drogen und Darkroom –, und dann erwähnte, dass er ihn als Ophelia besetzen wolle, dachte Pierre nur: „Wow!“ Er liebt solche Herausforderungen.

Gefangen im goldenen Käfig

Ophelia ist in dieser Deutung der genderfluide Outsider in einer patriarchalen Gesellschaft, in der es vor allem um Macht geht. Die ikonische Figur sei hier „nicht total unschuldig“ und „ein bisschen frecher“, so Pierre. Gleichzeitig sei sie zerbrechlich, romantisch und in einem goldenen Käfig gefangen. „Sie sieht alles, hört alles, lebt aber in ihren Träumen.“ Und sie besucht den Darkroom, um frei zu sein. Denselben Darkroom, den Hamlet frequentiert und wo ihm der Geist seines Vaters erscheint.

„Sie sieht alles, hört alles, lebt aber in ihren Träumen.“

Die Beziehung zu Hamlet, gespielt von Sebastian Zimmler, sei „toxisch“, so Pierre. Denn Hamlet sei extrem selbstfokussiert und serviere Ophelia im eigenen Wahn gefangen brutal ab. „Ich bin selbst sehr romantisch“, so Pierre. „Ich verstehe den Moment, wo man den Kontakt mit der Realität aus Liebeskummer verliert.“ Hamlets „Schloss“ ist hier auf eine Drehbühne gesetzt, den Soundtrack zum Geschehen steuert der Electro-Musiker Robert Lippok bei. Pierre darf als Ophelia sogar kurz singen, nachdem er bei der letzten „Macbeth“-Produktion an der Deutschen Oper als verführerischer Hirsch mitgewirkt hatte – eine stumme Rolle – und dort die Wirkung expressiven Gesangs hautnah miterleben durfte. „Hamlet“ ist sein zweites Shakespeare-Abenteuer.

Dass das Ganze umstritten sein wird, da ist sich Pierre sicher. Aber er freut sich darauf, Teil einer dadurch angestoßenen Diskussion zu sein. Die „Hamlet“-Version, die ihn selbst bislang am stärksten beeindruckt habe, sei die finnische Filmfassung von Aki Kaurismäki aus dem Jahr 1987, die das Werk als schwarze Komödie interpretiert und als moderne Parodie auf das klassische Shakespeare-Drama. Hamlet ist darin kein Prinz, der ein Königreich übernehmen soll, sondern ein naiver Playboy, der den Familienkonzern seines Vaters erbt.

Auf Party, Drogen und Darkrooms angesprochen, sagt Pierre, er sei zwar nach wie vor eng mit der Clubkultur verbunden, aber vieles sei „außer Kontrolle“ geraten, besonders in Berlin. Deshalb ziehe er sich immer öfter „auf seine Insel“ zurück: sein Zimmer in einer neuen WG in Neukölln.

„Heirate mich“

Als Pierre kürzlich ein Foto von einer „Hamlet“-Probe auf Insta-gram postete, kommentierte jemand: „Du siehst super aus!“ Jemand anderes schrieb: „Heirate mich.“ Darüber kann er schmunzeln, aber es sei ihm nicht genug. Nur schön zu sein reiche ihm nicht – das gelte auch für seine Pornoarbeiten. „Es soll eine Bedeutung haben, einen Sinn.“ Deshalb macht Pierre bei so vielen Arthouse-Projekten mit. Im vergangenen Jahr nahm er an der Performance „The Narcosexuals“ von Dries Verhoeven in Warschau teil. Außerdem hat er gerade den Film „Shortlist“ von Wojciech Pus abgedreht.

„Ich möchte überrascht werden und Sachen machen, an die ich selbst nie gedacht hätte.“

Viele fragen Pierre, was er als Nächstes gern spielen würde. Zu SIEGESSÄULE sagt er: „Ich möchte überrascht werden und Sachen machen, an die ich selbst nie gedacht hätte.“ Die Ophelia ist ganz sicher ein solches Traumprojekt. Und der neue „Hamlet“ wird definitiv eine spannende – und bewusst queere – Alternative zur Erfolgsproduktion von Thomas Ostermeier an der Schaubühne, die mit Lars Eidinger glänzt. Sie ist zwar schon fast 20 Jahre alt, läuft aber ab und an immer noch. Was zu wunderbaren Vergleichen einlädt.

SIEGESSÄULE präsentiert
Hamlet,
Regie: Ersan Mondtag.
Mit: Sebastian Zimmler, Pierre Emö, Marc Oliver Schulze u. a.
04.11., 19:30 (Voraufführung),
05.11., 19:30 (Premiere),
07./08.11., 14./15.11., je 19:30
Berliner Ensemble
berliner-ensemble.de

Folge uns auf Instagram

#BE#Berliner Ensemble#Bühne#Ersan Mondtag#Hamlet#Pierre Emö#Shakespeare#Theater

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.