Premiere am 16.9.

Sturm im Hangar 4: Barrie Kosky inszeniert „Lear“ von Aribert Reimann

15. Sept. 2026 Ecki Ramón Weber
Bild: Jan Windszus Photography
Starregisseur Barrie Kosky

Diesmal eröffnet die Komische Oper ihre Saison im Flughafen Tempelhof mit „Lear“ des kürzlich verstorbenen, schwulen Berliner Komponisten Aribert Reimann. Es inszeniert Barrie Kosky, der sich das Stück gewünscht hat. Der Clou: Dag­mar Man­zel übernimmt die Rolle des Narren

Im Sommer 1978 gelingt Aribert Reimann ein echter Coup: Seine Oper „Lear“ nach dem berühmten Shakespeare-Drama, an dem sich einst Vorgänger wie Berlioz und Verdi ergebnislos die Zähne ausgebissen hatten, wird ab der Uraufführung zum Hit an der Bayerischen Staatsoper München. Bald folgen viele internationale Bühnen. Bis heute hält sich Reimanns „Lear“ auf den internationalen Spielplänen. Dabei ist die Musik kein bisschen gefällig, keine lukullisch-leichte Kost. Stattdessen werden hypernervöse, angeheizte Stimmungen und Emotionen klanglich ins Extreme geführt. Das Tonmaterial basiert auf Reihen (Stichwort „Emanzipation der Dissonanz“), die Harmonien sind mikrotonal aufgeraut und zu Clustern geballt, die Gesangspartien hoch expressiv.

Im Stück geht es um einen alten König Lear, der die Loyalen verstößt und den Falschen vertraut. Das wird ihm zum Verhängnis. Doch auch die, die zunächst aus der Situation Vorteil schlagen, enden schlimm. Reimanns „Lear“ ist eine theaterwirksame, kongeniale Zuspitzung der Dramatik, die bei Shakespeare angelegt ist. Und die bis heute wirkt. Der Berliner Komponist Philipp Maintz, zwei Generationen jünger als der 2024 verstorbene Reimann, war mit diesem befreundet.

„Es wird ein archaisches Elementartheater“

Er hat seinen Schreibtisch geerbt, an dem „Lear“ einst entstand. Er steht in Philipps zweitem Zuhause, in der Wohnung seines Partners: „Dieser Schreibtisch hat einen guten Geist, eine gute Aura, wie immer man das nennen möchte“, erzählt Philipp im SIEGESSÄULE-Interview. Aus Reimanns „Lear“ könne er jede Partie „mitgrölen – von singen möchte ich in meinem Fall nicht sprechen“, sagt er selbstironisch. „Diese alte Geschichte aus ‚Lear‘ erzählt vom Verlust von Gewissheiten, vom Zerfall eines Koordinatensystems, vom Glauben, sich auf etwas verlassen zu können, was sich als absolut trügerisch herausstellt. Das ist sehr aktuell. Und in der Musik von ‚Lear‘ kann man großartiges Handwerk erleben. Aribert hat mir mal anhand der großen Sturmszene erklärt, wie man es anstellt, dass ein Sänger gegen ein großes Orchester erfolgreich ansingt. Er hat das mit jeweils abwechselnden Einsätzen von Lear und dem Orchester gemacht. Die Oper hat streckenweise eine wahnsinnig brutale und heftige Musik, dann aber auch sehr poetische, zarte Stellen.“

„Diese alte Geschichte aus ‚Lear‘ erzählt vom Verlust von Gewissheiten, vom Zerfall eines Koordinatensystems, vom Glauben, sich auf etwas verlassen zu können, was sich als absolut trügerisch herausstellt. Das ist sehr aktuell.“

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit bringt die Komische Oper diese musiktheatrale Naturgewalt an ihrer spektakulärsten Außenspielstätte, im Hangar 4 des Flughafens Tempelhof. Regie führt Barrie Kosky, der „King Lear“ von Shakespeare schon an der Uni in Australien inszenierte und damals auch die Titelrolle spielte. Reimanns Oper liebt er seit Langem wegen ihrer Wucht, ihrer Kraft, ihren Farben: „Mich fasziniert, wie Reimann mit diesen zeitlosen Themen des Stoffs umgeht: eine dysfunktionale heteronormative Familie als Metapher für die ganze Welt, Macht, Machtmissbrauch, Krieg, Wahnsinn. In ‚Lear‘ geht es um enge zwischenmenschliche Beziehungen. Deshalb konzentriere ich mich auf die Körper, die Emotionen, die Stimmen“, erläutert Barrie sein Regiekonzept gegenüber SIEGESSÄULE. „Zum Beispiel in der zentralen Szene mit dem Sturm in der Heide, wo Lear umherirrt, nachdem er von zweien seiner Töchter verstoßen wurde: Bei uns wird der Sturm durch die Körper der Menschen erzeugt. Es wird ein archaisches Elementartheater: konzentriert, ohne Schnickschnack. Der Hangar 4 ist das Bühnenbild. Wenn nur zwei Menschen in Hysterie und voller Angst über diese große Fläche laufen – das alleine ist schon Theater.“

In der Weite des Hangars dürfte dies Gänsehaut erzeugen. Eine wichtige Figur neben Lear ist der junge Adelige Edgar, eine Partie für das damals in der zeitgenössischen Oper kaum vorkommende Stimmfach Countertenor. Er muss als Verstoßener um sein Leben fürchten und fingiert deshalb Wahnsinn. „Edgar ist vielleicht die queere Figur im Stück, er ist nicht verheiratet. Er ist die Außenseiterfigur und steht außerhalb dieser heteronormativen patriarchalischen Welt“, erklärt Kosky. Das alles steckt in Reimanns zeitloser Oper „Lear“. Und: Queer-Ikone und einstige Kosky-Muse Dagmar Manzel spielt in dieser Version die Sprechrolle des Narren. Das kann man schon einen Besetzungscoup nennen.

SIEGESSÄULE präsentiert
Lear
Regie: Barrie Kosky.
Dirigent: Nicholas Carter.
Mit Scott Hendricks, Ni­cole Che­va­lier, Dagmar Manzel u. a.
16.9., 19.30 Uhr (Premiere),
18., 20., 22., 24., 26. + 29.9., 1. + 3.10., 19.30 Uhr,
Komische Oper im Flughafen Tempelhof/Hangar 4
komische-oper-berlin.de

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