DDR Schlager an der Komischen Oper: „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“
Als der Pianist Adam Benzwi aus Kalifornien nach Berlin kam, spielte er zuerst im Puff – und lernte deutsches Schlagerrepertoire kennen. Später war er lange Musical-Professor an der UdK, machte dann Furore als Dirigent von Barrie Koskys Operettenproduktionen. Jetzt hat er sich mit Regisseur Axel Ranisch zusammengetan für eine kritisch-schillernde (und dezidiert schwule) DDR-Revue
Adam, wie kam es zu „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“? Ich wollte schon lange eine DDR-Revue machen, weil ich das Thema interessant, widersprüchlich und bewegend finde. Es gibt viel zu sagen und zu singen mit dem zeitlichen Abstand. Zwar existieren wunderbare Programme zur DDR-Historie an kleineren Häusern oder auf Kabarettbühnen. Aber mit den Möglichkeiten der Komischen Oper – mit Orchester, Tanz, Chor, Kostüm, Bühne – können wir dies alles als großes Format machen. Die DDR hatte ja aufwendig produzierte TV-Shows wie „Ein Kessel Buntes“ mit Schlagern. Das war unglaublich beeindruckend in einem Land, das eine schwache Wirtschaft hatte, wo aber Unterhaltung sehr ernst genommen wurde.
„Wir wollen diese Tradition würdigen und auch hinterfragen. Es gibt Humor und Begeisterung, aber auch Kritik.“
Was erwartet uns? Wir wollen diese Tradition würdigen und auch hinterfragen. Es gibt Humor und Begeisterung, aber auch Kritik. Bis zum Mauerbau 1961 war Kritik von der Staatsführung ja durchaus erwünscht. Danach wurde streng zensiert. Im Kabarett Distel gab es spitze Kommentare zur DDR, auch später, zwischen den Zeilen. Wir bringen sogar eine Nummer von 1988 aus der Distel zum ersten Mal vors Publikum, die damals nach der Generalprobe verboten wurde: „Die zweite Schicht“. Darin wird die Versorgungslage in der DDR kritisch und auch komisch beleuchtet. Wir haben zudem das Lied „Ermutigung“ von Wolf Biermann aus den 1960ern dabei, heute hochaktuell. Darin heißt es: „Du, lass dich nicht verbittern, in dieser bittren Zeit“.
Regisseur Axel Ranisch und du, ihr zeigt uns also ein breites Spektrum … Ja, wir wollen die ganze DDR-Zeit abbilden, von den 1950ern bis in die 1980er. Vom großen Schlager mit Bigband und Tanz bis zu Chansons, Rocksongs, Kabarettliedern und Stücken von Brecht und Eisler. Wir sind nicht einseitig kritisch gegenüber der DDR, verherrlichen aber auch nichts. Auch der erste Mauertote wird erwähnt, Günter Liftin, der schwul war.
„Zu Weihnachten hat mein Freund mir eine DDR-Musikkassettenreihe ,Hits aus der Flimmerkiste' mit UFA-Schlagern geschenkt.“
Wie bist du als Junge aus dem kalifornischen San Diego überhaupt zum deutschsprachigen Schlager gekommen? Ich kam 1984 mit 19 Jahren nach Westberlin zum Studium und traf nach einiger Zeit den Travestiekünstler H. D. Kühn, Berlins „literarische Dame“. Er hatte Chansons der 1920er-Jahre mit Texten von Kurt Tucholsky und Musik von Kurt Nelson und Friedrich Hollaender im Programm. Damit war meine Liebe für diese Welt entfacht. Danach stieß ich auf Lieder von Claire Waldoff. Und: Nach nur drei Tagen in Westberlin besuchte ich Ostberlin. In den USA hatte ich so viel Schlechtes über die DDR gehört, ich wollte mir selbst ein Bild machen. In Ostberlin habe ich bei meinem ersten Besuch gleich die Liebe gefunden. Zu Weihnachten hat mein Freund mir eine DDR-Musikkassettenreihe „Hits aus der Flimmerkiste“ mit UFA-Schlagern geschenkt. Mein neues Album „Berlin! Berlin! Berlin! Kabarett und Exil“ mit Anne Sofie von Otter, das im Juli erscheint, ist genau dieses Repertoire.
Und so lerntest du auch DDR-Schlager kennen? Ich habe mich für alles aus der DDR interessiert. Deshalb faszinierte mich damals Westberlin so, weil ich mit dem Ostteil der Stadt auch ein anderes Land mit anderen Werten erleben konnte.
„Später gab es dann raffiniert verschlüsselte Botschaften, um der Zensur zu entgehen. Im Westen waren die meisten Schlager weitgehend entpolitisiert.“
Zeigen sich die Unterschiede der politischen Systeme in den Schlagern? Musikalisch vielleicht am typischen Nalepa-Sound. Die Aufnahmen aus den Studios des Rundfunks der DDR in der Nalepastraße haben einen unverwechselbaren, eigenen Klang mit speziellen Hall-Effekten. Unterschiede gibt es jedoch vor allem in den Texten. In den ersten Jahrzehnten der DDR flossen ideologische Botschaften ein. Zum Beispiel wurde Werbung für den DDR-Jugendtanz Lipsi gemacht. Später gab es dann raffiniert verschlüsselte Botschaften, um der Zensur zu entgehen. Im Westen waren die meisten Schlager weitgehend entpolitisiert, es ging vor allem um Liebe und Herzschmerz, nicht um Politik.
Welche Pläne hast du nach den „Mokka-Hits“? Mit Barrie Kosky mache ich 2027 ein Stück am Bard College, eine Stunde nördlich von New York City – basierend auf der Kurzgeschichte „Yentl, the Yeshiva Boy“ von Isaac Bashevis Singer. Barbra Streisands „Yentl“ basiert auch darauf. Das Textbuch schreibt Lisa Kron, die für ihr Libretto des lesbischen Musicals „Fun Home“ den Tony gewann. Das wird sicher extrem spannend!
Mokka-Hits und Milchbar-Träume
Regie: Axel Ranisch
Musikalische Ltg.: Adam Benzwi
Mit Gisa Flake, Nico Holonics, Thorsten Merten, Maria-Danaé Bansen u. a.
14.06., 19:00 (Uraufführung)
17., 19., 20., 21., 24., 26.–28.06., 01., 03., 05.07., 19:00
Komische Oper
komische-oper-berlin.de
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