Nachbericht

Eurovision 2026: Überraschungssieg für Bulgarien – ESC weiter unter Druck

19. Mai 2026 Paula Balov
Bild: picture alliance / TT NEWS AGENCY | Jessica Gow/TT
Die 27-jährige DARA mit ihrer ESC-Siegertrophäe

Bulgarien hat entgegen aller Prognosen den 70. Eurovision Song Contest mit dem Hit „Bangaranga“ gewonnen. Auf dem zweiten Platz landete Israel, dessen Teilnahme erneut für die größten Boykottaktionen gegen das Musikevent sorgte. SIEGESSÄULE-Redakteurin Paula Balov war für das ESC-Finale in Wien und kommentiert die Stimmung vor Ort – und warum DARA so begeistert

Bulgarien hat den Eurovision Song Contest mit überwältigenden 516 Punkten gewonnen – zur Überraschung fast aller, die mitgefiebert haben: Fans, Journalist*innen, Streamer*innen und Buchmacher*innen. Letztere hatten „Bangaranga“ von DARA zu Beginn der ESC-Woche nur eine Gewinnchance von rund einem Prozent eingeräumt. Im Nachhinein fragen sich nun einige, wie der Song derart unter dem Radar bleiben konnte, denn der Sieg ist absolut verdient.

Was den Sieg so besonders macht, zeigen einige der Schlagzeilen, die er produziert hat: Es ist der allererste Sieg für Bulgarien nach einer Abwesenheit des Landes beim ESC von vier Jahren. Es ist der erste Beitrag seit 2017, der sowohl bei den Jurys als auch im Televoting den ersten Platz belegte – mit einer Nummer, die nicht gerade als typisch jury-affin gilt. Außerdem erzielte Bulgarien eines der deutlichsten Ergebnisse der vergangenen Jahre und ließ den zweitplatzierten Beitrag aus Israel klar hinter sich. Es ist zudem der erste Sieg für ein südosteuropäisches Land seit 2007, als Marija Šerifović mit der Ballade „Molitva“ für Serbien gewann. Und es ist eines der überraschendsten Ergebnisse seit langer Zeit. Deutschland landete übrigens auf dem drittletzten Platz, was wiederum keine Überraschung war.

Es ist der erste Beitrag seit 2017, der sowohl bei den Jurys als auch im Televoting den ersten Platz belegte.

Die Favoriten schnitten durch die Bank schlechter ab als erwartet. Der Beitrag aus Finnland, den die Wettbüros bis zuletzt als wahrscheinlichsten Gewinner handelten, schaffte es nur auf Platz sechs, Griechenland belegte den zehnten Platz und Superstar Delta Goodrem aus Australien landete auf Rang vier. Wider Erwarten brillierte neben Bulgarien auch Rumänien mit der Symphonic-Rock-Nummer „Choke Me“ von Alexandra Căpitănescu im Televoting und erreichte am Ende den dritten Platz.

Breiter Protest gegen Israels ESC-Teilnahme

Doch während das finale Resultat verblüffte, blieb etwas anderes wie schon in den beiden Jahren zuvor: das Gefühl, dass um ein Haar eine Katastrophe für das ohnehin angeschlagene ESC-Image verhindert wurde. Denn bis zur Vergabe der letzten Punkte hieß es: Bulgarien oder Israel?

Die Teilnahme Israels ist seit 2024 hoch umstritten. Kritiker*innen werfen der Europäischen Rundfunkunion (EBU) vor, zuzulassen, dass der ESC zur Normalisierung von Völkermord und völkerrechtswidrigen Handlungen im Gazastreifen und Westjordanland genutzt werde. Israel wird vorgeworfen, den Wettbewerb politisch zu instrumentalisieren und von den Kriegsverbrechen in Palästina abzulenken. Die EBU hält dennoch am „unpolitischen Charakter“ des Wettbewerbs fest.

Die Folgen einer möglichen ESC-Austragung in Israel wären enorm gewesen. Dass bereits fünf Länder – Irland, die Niederlande, Slowenien, Island und Spanien als eines der „Big Five“ – ihre Teilnahme zurückgezogen haben, zeigt, wie stark die Debatte den Wettbewerb belastet. Ein ESC in Israel könnte weitere Austritte von Ländern nach sich ziehen, die Israels Teilnahme kritisch sehen, etwa Belgien, und damit auch finanzielle Verluste verursachen – von Sicherheitsbedenken ganz zu schweigen.

Slowenien, Irland und Spanien strahlten den ESC dieses Jahr nicht aus. Slowenien zeigte stattdessen Filme über Palästina, darunter „Die Stimme von Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania. Sie reihen sich in einen wachsenden Kreis ein, der den Ausschluss Israels aus dem ESC fordert. Bereits im Dezember gab ESC-Gewinner*in Nemo („The Code“) aus Protest die Siegertrophäe an die EBU zurück. Dem folgte auch der irische Sieger von 1994, Charlie McGettigan („Rock 'n' Roll Kids“).

Die Einschaltquoten sehen derzeit in etlichen westeuropäischen Ländern schlecht aus – eine Folge des Boykotts? Im Vereinigten Königreich etwa verzeichnete das ESC-Finale die niedrigste Zuschauerzahl seit 2010, in Norwegen war es die schlechteste Quote seit 2007.

Die Frage bleibt, wie lange die EBU dem Druck noch standhalten kann, bevor der Contest in sich zusammenfällt.

Ein weiterer Vorwurf gegen den israelischen Rundfunksender KAN betrifft die Einflussnahme auf das Televoting. Auch dieses Jahr fiel KAN mit massiven Werbekampagnen auf, in denen Zuschauer*innen dazu aufgerufen wurden, bis zu zehnmal für den israelischen Beitrag abzustimmen. Die EBU verwarnte KAN, da diese Strategie „nicht mit unseren Regeln und dem Geist des Wettbewerbs vereinbar“ sei. Die Frage bleibt, wie lange die EBU dem Druck noch standhalten kann, bevor der Contest in sich zusammenfällt.

Balkan-Sound trifft K-Pop

Die größte ESC-Krise war also auch in diesem Jahr sehr präsent, überschattete den Sieg jedoch nicht, vielleicht weil er so außergewöhnlich war. Was ist es also, das im kollektiven ESC-Fandom nun das Gefühl „Warum haben wir das nicht kommen sehen?“ auslöst?

„Bangaranga“ ist extrem tanzbar, eingängig und verbindet harte elektronische Beats mit Elementen aus bulgarischem Folkpop. Dass das Potenzial des Beitrags lange übersehen wurde, mag einerseits daran liegen, dass osteuropäische Länder in Prognosen – mit Ausnahme der Ukraine – meist schlechter abschneiden. Andererseits offenbarten erst die Liveshows die volle Qualität der Nummer. Die anspruchsvolle Choreografie, realisiert von Fredrik Rydman und Keisha von Arnold, platziert die Sängerin in einer Hütte mit ihren inneren Dämonen und erinnert an K-Pop, was bislang noch keinen Einzug beim ESC gefunden hatte.

Das Charisma und Talent von DARA, die mühelos zwischen verschiedenen Gesangsstilen wechselt, während sie tanzt, waren weder zu überhören noch zu übersehen und überzeugten damit sowohl die Jurys als auch das Publikum zuhause. Auch die Stimmung in der Wiener Stadthalle spiegelte das wider als DARA auf die Bühne kam.

Wenn „Bangaranga“ eines zeigt, dann, dass auf bewährte Erfolgsrezepte kein Verlass ist. Der Favorit Finnland wirkte mit seinem dick aufgetragenen Camp etwas zu kalkuliert, fast zu bemüht, die ESC-Formel zu knacken. Im Vergleich dazu war „Bangaranga“ authentischer, wie eine Nummer, die kompromisslos ihr eigenes Ding durchzieht. In gewisser Hinsicht steht der Song auch für eine neue ESC-Generation. Vielleicht traf Bulgarien einfach den Puls der Zeit, statt wie viele andere Beiträge dem Erfolg vergangener Trends hinterherzulaufen.

Vielleicht traf Bulgarien einfach den Puls der Zeit, statt wie viele andere Beiträge dem Erfolg vergangener Trends hinterherzulaufen.

Bulgarien war schon früher ein übersehenes Juwel beim ESC. 2017 erreichte die Ballade „Beautiful Mess“ von Kristian Kostov den zweiten Platz. „If Love Was a Crime“ von Poli Genova schaffte es im Jahr davor auf Platz vier und wurde international erfolgreich. Dass der ESC 2027 im Balkan ausgetragen wird, macht den Contest nun auf neue Weise spannend. Zumindest eröffnet es die Möglichkeit – auch wenn bisher nichts bestätigt ist –, dass andere südosteuropäische Länder aufgrund der geografischen und kulturellen Nähe sowie geringerer Kosten zurückkehren könnten, etwa Ungarn, Bosnien und Herzegowina oder Nordmazedonien.

Auch mehr queere Sichtbarkeit durch den ESC könnte Bulgarien auf jeden Fall guttun. Denn obwohl das Land einige Fortschritte in puncto LGBTIQ*-Rechte erzielt hat, etwa mit einem Gesetz, das seit 2023 homophobe Hassverbrechen anerkennt, gibt es zugleich Rückschritte für die Trans*-Community. Zudem ist 2024 ein Anti-LGBTIQ*-Gesetz für Schulen nach russischem Vorbild in Kraft getreten.

Blickt man ins Internet-Fandom, scheint der Favorit für den Interval Act ohnehin bereits festzustehen: Viele wünschen sich den wohl bekanntesten queeren Popstar Bulgariens, Azis, auf der Bühne.

Wien im ESC-Fieber

Für Eurofans ist nun eine aufregende Woche zu Ende gegangen. Als Stadt hat Wien das Spektakel voll ausgeschöpft – mit Anspielungen auf den Contest von der Bushaltestelle bis zum „Würstelstand“, zahlreichen Public Viewings, Klassikern wie dem ESC-Village und einem reichhaltigen Partyprogramm, bei dem auch Acts aus früheren Jahren zugegen waren, sowie thematisch passenden Ausstellungen und Programm im Technischen Museum Wien und im Haus der Geschichte Österreich – letzterer mit einem Ausstellungsprogramm bis Oktober.

Wer noch in Wien ist und seinen ESC-Urlaub verlängern will, dem sei als Tipp gegen den „Post-ESC-Blues“ die Ausstellung „United by Queerness“ im queeren Kulturzentrum Qwien empfohlen, die noch bis zum 24.05. läuft. Neben Original-Bühnenoutfits von Nemo und Conchita Wurst wird dort die historisch gewachsene Bedeutung des Contests für die LGBTIQ*-Community – oder besser gesagt die Aneignung des ESC durch die Community – spannend vermittelt und dazu eingeladen, sich auch mit Fragen auseinanderzusetzen, wie politisch der Contest sein soll und was für oder gegen Boykotte spricht.

Bild: Paula Balov
Impression aus der Ausstellung „United by Queerness“ im Qwien

Dieser Artikel wurde durch eine Pressereise des The Vienna Tourist Board (WienTourismus) unterstützt.

Folge uns auf Instagram

#Bulgarien#ESC#ESC 2026#Eurovision#Eurovision Song Contest#Meinung#Wien

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.