Faschistische Ideologien sind nicht nur weißen Deutschen vorbehalten
In den Medien kursiert ein Feindbild: Nazis und migrantische Jugendliche machen gemeinsam Jagd auf schwule Männer. Politikwissenschaftler*in Tarek Shukrallah blickt in den gesellschaftlichen Hohlspiegel, um das queerfeindliche, rassistische und antisemitische Hologramm zu decodieren
Neuerdings machten Nazis gemeinsame Sache mit migrantischen Jugendlichen in ihrer Hatz auf Schwule, hieß es jüngst im Tagesspiegel. In einem Podcast äußert sich der Journalist deutlicher, spricht von „rechten Jugendlichen mit migrantischen Tätern“ und einem „migrantischen Milieu“, das in Neukölln und andernorts Schwule bedrohe.
Das Hufeisen scheint perfekt, und so kann man sich eine Auseinandersetzung mit queerfeindlicher Gewalt, Rassismus und den Zusammenhängen zwischen menschenfeindlichen Ideologien sparen.
Das Hufeisen scheint perfekt, und so kann man sich eine Auseinandersetzung mit queerfeindlicher Gewalt, Rassismus und den Zusammenhängen zwischen menschenfeindlichen Ideologien direkt sparen. Man beruft sich dazu ausgerechnet auf Angaben der Berliner Polizei, jener Behörde also, die ganz ungeniert migrantischen und linken Queers bei der Internationalistischen Pride oder den zahlreichen Protesten gegen den Genozid in Gaza mit roher, entfesselter Gewalt begegnet ist.
Angriffe über Fake-Dating-Profile nehmen zu
Das wirklich beängstigende Problem ist: Schwule werden über Fake-Dating-Profile zu Dates eingeladen, um dabei tätlich angegriffen und ausgeraubt zu werden. Die Vorfälle sind systematisch und nehmen zu. Die meist männlichen Täter kommen in Gruppen und gehen mit äußerster Brutalität vor. Anlass des Tagesspiegel-Artikels ist ein Verfahren gegen eine Gruppe Jugendlicher in Frankfurt (Oder), die ihre wiederholten brutalen Übergriffe sogar stolz gefilmt hat. Ein vergleichbarer Fall in Berlin war der Übergriff auf den ehemaligen „Fridays for Future“-Sprecher Quang Paasch im Januar. Der selbst von Rassismus betroffene Paasch betont in seinem viralen Reel, dass der Übergriff nicht instrumentalisiert werden solle. Doch zeigen Berichterstattung und öffentliche Debatte leider oft das Gegenteil.
Es sind rechte und rechtsextreme, maskulinistische und antifeministische Akteure von Stiefelnazis über die AfD bis zu Grauen Wölfen, die queeres Leben in Gefahr bringen.
Dabei könnte man auch fragen, warum Apps wie Grindr seit Jahren solchen Formen der Gewalt Tür und Tor öffnen. Es wäre vor allem Aufgabe eines anständigen Journalismus, auf die ideologische Basis queerfeindlicher Hassgewalt zu verweisen: Es sind rechte und rechtsextreme, maskulinistische und antifeministische Akteure von Stiefelnazis über die AfD bis zu Grauen Wölfen, die queeres Leben in Gefahr bringen. Es sind faschistische Milieus, die sich zusammenschließen, um Schwule zu jagen. Surprise! Faschistische Ideologien sind nicht allein weißen Deutschen vorbehalten. Die Schützenhilfe dafür reicht bis in konservative Kreise: Der Vergleich von Regenbogenfahnen auf dem Bundestag mit einem Zirkuszelt, die Rede von Problemen im Stadtbild oder der Abbau von Förderprogrammen für eine demokratische Zivilgesellschaft sind der Sound zum Beat menschenverachtender Hassverbrechen.
Sechs Jahre nach den Anschlägen in Halle und Hanau von „migrantischen Milieus“ und ihrer vermeintlichen Schwulenfeindlichkeit zu schwadronieren, anstatt die ideologischen und sozialen Bedingungen dieser Eskalationen in den Blick zu nehmen, ist nicht nur rassistisch, es ist auch gegenüber den Opfern der Taten grob fahrlässig. Seit Jahren steigen die Zahlen queerfeindlicher, rassistischer und antisemitischer Übergriffe in Deutschland, während Versorgungsstrukturen abgebaut werden und die Politik immer weiter nach rechts rückt. Nicht zuletzt die Kämpfe um die vielen von rechter Gewalt betroffenen Kleinstadt-CSDs aber zeigen: Ohne einen standhaften Antifaschismus und Antirassismus ist queeres Leben immer in Gefahr.
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