Grindr, Tinder oder PlanetRomeo: Risiko Internetdating

Raubdelikte bei Sexdates

18. Mai 2022 Sascha Suden
Bild: Ivan Kuleshov

Raubdelikte beim Internet-Dating haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Schwule Männer, für die unverbindliche Sextreffen mit Fremden in privaten Räumen oft ganz selbstverständlich zum Alltag gehören, sind besonders betroffen

Besonders drastisch ist der Fall von David, einem Anfang 50-jährigen Berliner, der sich SIEGESSÄULE in einem Interview anvertraute. „Vier Stunden lang dauerte mein Martyrium bei einem Grindr-Date“, berichtet er von seinem Fall aus dem Jahr 2021, der sich zwar nicht in Berlin abspielte, aber dennoch eine Verbindung in die Hauptstadt aufwies. David reiste im vergangenen Jahr nach Marseille, um dort seinen Urlaub zu verbringen. „Eigentlich war es wie immer“, erzählt er. „Ich hatte in Marseille ein Appartement gebucht, bei Grindr ein Date mit Namen Yanis gefunden.“ Der Anfang 20-Jährige gab an, auf ältere Männer zu stehen, und der Sex beim ersten Date verlief so, dass an dieser Aussage offenbar kein Zweifel bestand.

Am nächsten Abend trafen sie sich erneut im Appartement des Berliners. David fiel schnell auf, dass es beim zweiten Mal anders lief: „Der Sex war anders, nicht so zugewandt wie beim ersten Mal. Völlig unerwartet verlangte Yanis plötzlich Geld. Er wolle mit dem Taxi nach Hause fahren und ich solle zahlen. Unvermittelt fing er an zu randalieren, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen.“ Der junge Mann drohte, die Wohnung zu demolieren, zerstörte Gläser und verlangte immer wieder Geld. „Mein angebotenes Bargeld von 80 Euro reichte ihm nicht“, erzählt David.

„Doch die Überweisung funktionierte nicht, sodass Yanis immer wieder zuschlug.“

„Dann schlug er zu. Mitten ins Gesicht. Ich bekam immer mehr Angst und wollte alle Forderungen erfüllen. Ich gab ihm meine Kreditkarte, deren Daten er wohl an einen Komplizen übermittelte. Denn von dem Moment an bis zur Kartensperrung wurde versucht Geld abzubuchen.“ Anscheinend handelte es sich hier um eine organisierte Bande, die Touristen ausnimmt.

Der Täter erzeugte immer mehr Druck und zwang den vollkommen verängstigten David schließlich, Geld per Online-Banking auf ein Konto zu überweisen. „Doch die Überweisung funktionierte nicht, sodass Yanis immer wieder zuschlug. Auch die Erklärung, dass die Buchung erst am nächsten Morgen ausgeführt werde, half nicht. Er wolle erst gehen, wenn das Geld auf dem Konto sei. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Täterkonto um ein Konto bei N26 in Berlin handelte.“

„Social-Media-Plattformen wie Grindr, Tinder oder PlanetRomeo bieten ein ideales Setting für Kriminelle."

Im Gespräch mit der SIEGESSÄULE bestätigt Anne von Knoblauch, Ansprechperson der Polizei Berlin für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI), dass Delikte beim Daten auch in Berlin zugenommen haben, konkrete Zahlen dazu liegen allerdings noch nicht vor. Die Anonymität des Internets und der Social-Media-Plattformen wie Grindr, Tinder oder PlanetRomeo bieten ein ideales Setting für Kriminelle. Ihr eindringlicher Rat: Dates nicht sofort mit nach Hause nehmen. Und wenn doch, dann einem Freund oder einer vertrauten Person Bescheid geben und einen Zeitpunkt vereinbaren, zu dem man sich „zurückmeldet“. Gehe man zu einem Date, sollte man auch keine Wertsachen mitnehmen, die Rückschlüsse auf den Wohnort zulassen.

Nachbar rief Polizei

Davids traumatische Erfahrung endete nach vier Stunden. Die Polizei klopfte an die Tür seines Appartements, ein Nachbar hatte sie offenbar wegen des Lärms gerufen. Zum Glück ließ der Täter zu, dass David die Tür öffnete. „Yanis sprach mit einem Polizisten, ich mit einer Polizistin. Da ich kein Französisch kann, verstand ich nicht, was Yanis erzählte. Allerdings war es wohl ausreichend, dass er nach der Aufnahme seiner Personalien gehen durfte. Mir riet die Polizei, keine Anzeige zu erstatten. Zu widersprüchlich seien unsere Aussagen, trotz meines zerschlagenen Gesichts.“

Laut Anne von Knoblauch gälte ein solches Verhalten der Polizei in Deutschland als Strafvereitlung im Amt. „Aber leider war es so“, fasst David desillusioniert zusammen. „Ich reiste sofort unter Schock nach Berlin. Ging nach der Ankunft ins Krankenhaus und ließ meine Verletzungen dokumentieren.“ Am nächsten Tag wandte David sich an das Landeskriminalamt der Zentralstelle für Prävention, die zuständig für LSBTI ist, um sich Rat zu holen. Ihm wurde zu einer sofortigen Anzeige geraten.

Der Fall „Leonie"

Selbstverständlich betreffen solche Delikte nicht nur LGBTIQ*, auch Fälle in heterosexuellen Kontexten sind bekannt. Zum Beispiel der von „Leonie“, der sich Anfang dieses Jahres im Prenzlauer Berg ereignete und durch die Presse ging. Die 17-Jährige ging zu ihrem Date – einem 27-Jährigen – nach Hause und öffnete anschließend drei Komplizen die Tür. Die schlugen den jungen Mann zusammen und stahlen Wertsachen und das Auto. „Ich wäre vorsichtig, Personen ins private Umfeld mitzunehmen, und würde solche Dates erst mal in der Anonymität belassen“, rät von Knoblauch. Schließlich kenne man die Person nicht, die man sich in die Wohnung hole. Selbst die Handynummer sei keine Sicherheit für die Identität des Dates.

Doch ehrlich gesagt, ist ein solch anonymes Setting im Kontext schwuler Sexdates häufig nicht wirklich umsetzbar – wer keine Lust hat, draußen Sex zu haben, oder kein Geld für ein Hotel ausgeben möchte, wird sich dennoch zu Hause treffen müssen. Sollte es dort zu einem Angriff kommen, sollte man sich nicht wehren. „Sie müssen immer versuchen, schadlos aus solchen Situationen herauszukommen“, so von Knoblauchs Rat.

Es gebe einige Warnzeichen, auf die man achten solle, zum Beispiel wenn man ständig und explizit nach Vermögensverhältnissen gefragt wird. Oder, ob man alleine lebe oder jemand einen Schlüssel zur Wohnung habe. „Wenn es wirklich nur um Sex geht, dann hat mein Privatleben ihn überhaupt nicht zu interessieren“, so die Oberkommissarin. Gleich, ob bei einem Date oder einem Escort.

Keine Substanzen mit Fremden einnehmen!

Dass man auf jeden Fall Anzeige erstatten soll, zeigt ein Fall aus Frankfurt, der dem Autor dieses Textes bei seiner Recherche zu ähnlichen Fällen berichtet wurde. Dort hat ein Escort sein Date mit K.-o.-Tropfen im Hotelzimmer betäubt und ausgeraubt. In diesem Kontext drängt sich natürlich die generelle Frage nach Chemsex bzw. Konsum von Substanzen bei Dates in privaten Settings auf. Frau von Knoblauchs deutliche Antwort dazu: Mit Fremden keine Substanzen zu sich nehmen!

Dank der Anzeige des Opfers sitzt der Täter nun für fünf Jahre im Gefängnis. Angst, eine Anzeige zu erstatten, brauche man nicht haben, auch wenn solche Fälle sehr weit in den privaten und mitunter intimen Bereich der Opfer fallen, versichert von Knoblauch.

„Unbeschwerte Dates sind für David erst mal passé.“

„Jeder oder jede kann sich vertrauensvoll an uns wenden“, so von Knoblauch, die betont, dass diese Fälle dringend sichtbar gemacht und aus dem Dunkelfeld geholt werden müssen. Zumindest finanziell ging für David die schlimme Erfahrung glimpflich aus: Dank der Anzeige bei der Polizei (eine Voraussetzung, um überhaupt die Chance zu haben, sein gestohlenes Geld wiederzubekommen) bekam David sein gesamtes Geld von seiner Kreditkartenfirma und Bank wieder gutgeschrieben. Doch welche seelischen Schäden bleiben, ist abzuwarten. Unbeschwerte Dates sind für David vermutlich erst mal passé.

Und was sagt die Polizei, wie man den Spaß am Daten behält? „Es kann Ihnen an jeder Ecke etwas passieren“, resümiert von Knoblauch. „Wenn Sie nur mit Angst durch die Gegend laufen, dann ist es auch kein schönes Leben. Deshalb sollte man sich den Spaß an Dates auch nicht verderben lassen, wenn man die Ratschläge beherzigt. 100 Prozent ist man sowieso nie geschützt, egal wie sicher man lebt.“

Ansprechpersonen für LSBTI bei der Polizei Berlin: Anne von Knoblauch, Michael Späth

E-Mail: lsbti@polizei.berlin.de

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