Pornfilmfestival 2022

Geil vor dem Spiegel

21. Okt. 2022 kittyhawk
Bild: melting point
Regisseur*in Toni Karat

Toni Karat ist Künstler*in, Filmemacher*in und Teil von Berlins queerer sexpositiver Szene. Tonis Dokumentarfilm „NARCISSISM – The Auto-Erotic Images“ wird das diesjährige Pornfilmfestival Berlin eröffnen, zeitgleich erscheint das dazugehörige Fotobuch. SIEGESSÄULE sprach mit Toni über den Blick in den Spiegel, Selbsthass und Selbstliebe

Was hast du erlebt, wenn du in den letzten drei Jahren erzählt hast, dass du an einem Projekt über Narzissmus arbeitest? Die Reaktionen kamen prompt und die Mehrheit davon war eher skeptisch. Man kriegt sofort Diagnosen zu hören wie „narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Es ist nichts, womit die Leute zu tun haben wollen – insbesondere Frauen nicht und noch weniger Lesben. Man muss klar sagen, dass der Mythos von Narziss, der sich in sein Spiegelbild verliebt, erst durch Sigmund Freud und diese ganzen Psychoanalytiker in so ein schlechtes Licht gerückt worden ist. Erst seit Ende des vorletzten Jahrhunderts wurde das Bild geprägt, dass es verwerflich ist, sein Antlitz oder sich selbst toll zu finden.

Was hat dich für den Narzissmus entflammt? Am Anfang stand eine Retrospektive auf dem Berliner Pornfilmfestival über Peter Berlin, einen schwulen Pornstar der 1970er. Der fand es einfach geil, wahnsinnig viele Selbstporträts zu machen, in engen Klamotten und prallen Hosen. Danach habe ich gedacht, das würde ich auch gern tun! Nur, was habe ich eigentlich für ein Problem? Ich habe früher auch Fotos von mir gemacht, aber mich dabei immer komisch gefühlt und die nie jemandem gezeigt. Denn das wäre ja narzisstisch.

Wie kam es dann zum Fotobuch und zum Film? Mich hat das Thema einfach nicht losgelassen. Da erschien mir blitzartig auf einer Ausstellung im Schwulen Museum die Idee zum Fotoprojekt samt Titel. Fünf Minuten später habe ich schon alle damit bequatscht und prompt wollten Mahide Lein und Birgit Bosold mitmachen. Danach gab’s kein Halten mehr. Als mir klar wurde, dass ich über die Menschen, die sich von mir fotografieren lassen, noch viel mehr erfahren wollen würde, als in das Buch passt, habe ich mir auch noch den Dokumentarfilm dazu eingehandelt.

Für die Fotos und Interviews hast du einen besonderen Schauplatz gefunden. Es ist ein Dachboden, irgendwo in Berlin, auf dem seit 1929 kaum etwas verändert worden ist. Die Rohheit und der Schmutz dort oben waren toll, die erdigen Farben, das Zeitlose des Ortes. Und bei Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ wird das Gemälde, das anstelle des Protagonisten altert, irgendwann auf den Dachboden verbannt. Das hat mir gefallen.

Von den 39 Protagonist*innen des Fotobuchs treten zehn in den Filminterviews auf. Auch du selbst bringst dich als Off-Stimme auf sehr persönliche Weise ein. Warum? Ich hatte zuerst den noblen Plan, ausschließlich den Protagonist*innen zu dienen, zuzuhören und mich im Hintergrund zu halten. Weil ich nicht eitel wirken wollte. Aber natürlich wollen die Leute ja auch wissen, warum ich dieses Projekt eigentlich mache. Das hat mich auf die Spur von eigenen Leerstellen gebracht, wie meinem Problem mit Narzissmus. Warum will ich immer nur in der zweiten Reihe stehen? Plötzlich tauchten so viele Fragen auf, etwa nach meiner weiblichen – oder schlimmer noch – lesbischen Sozialisation. Es sind nicht nur die Gesellschaft und das Patriarchat an der lesbischen Unsichtbarkeit schuld, wir machen uns auch selbst unsichtbar. Also habe ich mich gegen meinen Willen ins Rampenlicht gezerrt, was für mich ein harter Prozess war.

Ich mag, wie oft im Film das Wort lesbisch fällt. Dabei war das am Anfang überhaupt nicht geplant. Ich selbst definiere mich ja als non-binary und wollte den Einfluss von Gender auf den Blick in den Spiegel untersuchen. Aber dann sind die Einschläge immer nähergekommen, und ich musste mich fragen, was denn mit meinem eigenen Lesbischsein los ist. Wie werde ich eigentlich von außen betrachtet, wo bin ich schon diskriminiert, beschimpft und bedroht worden? Das hatte ich sonst immer ausgeblendet. Diese Fragen rückten plötzlich immer mehr in den Vordergrund.

Du lässt deine Protagonist*innen sich selbst vor dem Spiegel inszenieren. Gab es dabei Unterschiede auf der Gender-Ebene? Es gibt eine klare Tendenz. Die eher männlich sozialisierten Teilnehmer*innen hatten im Schnitt viel weniger Probleme mit ihrem Spiegelbild. Da hieß es eher: Geil, ich fühl mich super! Das hat kaum jemand von den weiblich Sozialisierten so gesagt. Letztere haben eher ein Problem damit, wie sie von außen bewertet werden. Oder sie bewerten sich selbst. Eine Erkenntnis des Films ist für mich, dass gerade Frauen, weiblich sozialisierte Menschen oder Randgruppen, die nicht der Norm entsprechen, sich viel mehr selbst feiern sollten.

Manche tun das, es sind auch Vulven im Film zu sehen. Und das finde ich super! Ich habe natürlich niemanden dazu aufgefordert, sich auszuziehen. Alle konnten sich präsentieren, wie sie wollten. Aber wenn sich jemand breitbeinig vor den Spiegel setzt und sagt „Drück ab!“ – dann mache ich das.

Die Protagonist*innen sind sehr divers, was Herkunft, Alter und Identitäten angeht. An vielen Stellen des Films gibt es kurze, tiefe Einblicke in Lebenswelten, über die man sofort mehr erfahren möchte. Es geht auch um Selbsthass, Rassismus, ums Altern. Wie hast du dein Thema überhaupt eingegrenzt? Mir war von Anfang an wichtig, dass es nicht nur um Narzissmus geht. Die Unterzeile des Films lautet ja „A documentary about gender, narcissism and self-love“. Und mein Ansatz war, immer auch nach der Sozialisation zu fragen. Wenn ich nun jemand wie Ruben María danach frage, was im Leben am prägendsten war, kommt eben nicht nur etwas zu Gender und Non-binary-Erfahrungen, sondern vor allem auch viel zum Schwarzsein. Das muss dann unbedingt in den Film, auch wenn es ein neues Thema aufmacht, das natürlich noch viel ausführlicher hätte behandelt werden können. Ich fand es wichtig, dass alle Protagonist*innen ihre eigene Sicht aufmachen.

Bist du anders aus dem Projekt rausgekommen, als du reingegangen bist? Total. Ich musste mit einigen Irrtümern bei mir selber aufräumen: Vorstellungen, wie ich glaubte zu sein. Ich habe jetzt kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mich mal im Spiegel geil finde. Und Narzissmus hat für mich jetzt ganz stark etwas mit Selbstliebe zu tun.

Es wäre also nicht verkehrt, wenn Menschen narzisstischer aus deinem Film rauskämen? Genau. Gerade der Teil des Publikums, der sonst zu wenig Narzissmus zulässt.

Sollten wir alle mehr vor dem Spiegel masturbieren? Ja, gerne!

SIEGESSÄULE präsentiert:

Pornfilmfestival Berlin, 25.–30.10., Moviemento, Babylon Kreuzberg

pornfilmfestivalberlin.de

NARCISSISM – The Auto-Erotic Images, 25.10. 19:00, 19:30, 20:00, Moviemento, 30.10., 13:00, Babylon Kreuzberg

Während des Festivals kann das gleichnamige Fotobuch im Moviemento erworben werden

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