Reportage

Homos und Fußball: Die Geschichte einer Hassliebe

18. Nov. 2022 Merle Boppert
Bild: Ivan Kuleshov

Bei keinem anderen Thema scheiden sich die Geister innerhalb der schwul-lesbischen Community so sehr wie beim Thema Fußball. Während viele Lesben Fußball spielen und eine große Begeisterung für den Sport aufbringen, schwanken die Reaktionen etlicher schwuler Männer irgendwo zwischen Hass, Abneigung und absolutem Desinteresse.

Woher kommt diese eklatant unterschiedliche Wahrnehmung von Fußball bei Schwulen und Lesben? SIEGESSÄULE-Volontärin Merle Boppert zog los, um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Antonio hasst Fußball. Das war schon immer so. Wenn er früher mit den Kindern aus seiner Nachbarschaft zusammen war, fühlte er sich unter Druck, gut Fußball spielen zu müssen, sich „maskuliner“ zu bewegen. „Guckt mal, wie feminin er rennt und spricht!“ An solche Sprüche erinnert sich der 36-jährige, seit acht Jahren in Berlin lebende Erzieher in Ausbildung gut. Eine Erfahrung, die vermutlich viele schwule Jungs überall auf der Welt gemein haben.

Es gibt wohl kaum einen Sport, der so sehr mit Klischees beladen ist, und nur wenige Bereiche, in denen die Geschlechtergrenzen so eng gefasst und das Denken so binär geprägt ist, wie im Fußball. Da gibt es z. B. die Vorstellung des unbesiegbaren, cis männlichen hetero Fußballstars, der sich das Trikot vom muskelbepackten Leib reißt; das der fußballliebenden Lesbe mit kurzen Haaren, deren Mannschaftskameradinnen sie lesbisch „gemacht“ haben oder die des schmächtigen, schwulen Jungen, der für den Fußball so gar kein Interesse aufzubringen vermag und viel lieber Ballett tanzen würde. Dazu die Altherrenstammtische in den Fußballkneipen und die toxisch männlichen Stadiongänger mit Bier in der Hand und Fanschal um den Hals, die sich über „schwule Pässe“ beschweren und lautstark grölend den Schiedsrichter beschimpfen.

Genau diese Klischees, die binären Bilder, die sich über Jahrzehnte lang in unseren Gehirnwindungen festgesetzt haben, sollen in diesem Artikel von verschiedenen Seiten beleuchtet und hinterfragt werden.

Das Klischee des schwulen Fußballhasses

Um es noch mal zu sagen: Antonio hasst Fußball. Nicht den Sport an sich, aber alles, wofür er steht. All die Aggressivität, die Konkurrenz, das Statusgehabe und das betont heteronormativ Männliche. Als Kind konnte er all das noch nicht benennen, aber gefühlt habe er es schon früh. „In dem kleinen italienischen Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es wenig Wahlmöglichkeiten: Wenn du ein Junge warst, spieltest du Fußball, wenn du ein Mädchen warst, gingst du zum Ballett. So einfach war das!“, erklärt er. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, denn Antonio wollte lieber zum Ballett. Seine Eltern waren zwar nicht begeistert, gaben jedoch schließlich nach. Antonio liebte das Tanzen. Dennoch gab er es nach einiger Zeit auf. Als einziger Junge schien er dort fehl am Platz.

„Ich fühlte sehr genau, dass der Fußball kein Safe Space war.“

Zwar fühlte sich Antonio in der Mädchengruppe sehr wohl, aber er spürte sehr deutlich, dass er seiner gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrolle nicht gerecht wurde. Also unternahm er noch einmal den Versuch, das zu machen, was alle anderen Jungs taten: Fußball spielen. Aber glücklich machte es Antonio nicht. Und zugehörig fühlte er sich dort erst recht nicht. „Ich war ein sehr sensibles Kind und ich hatte schon damals dieses Gefühl ,Nein, das ist alles nicht richtig.‘“ Antonio litt unter all dem Rumgeschreie, den Kämpfen und daran, mitanzusehen, wie Kinder, die nicht gut genug spielten, aus der Gruppe ausgeschlossen wurden. „Ich fühlte sehr genau, dass der Fußball kein Safe Space war.“

Das Klischee der lesbischen Fußballliebe

Während Antonio von klein auf mit der Erwartungshaltung konfrontiert war, als Junge Fußball zu mögen und spielen zu können, hatte Pia mit dem Gegenteil zu kämpfen: Sie musste den Jungs auf dem Bolzplatz immer wieder beweisen, dass sie als Mädchen sehr wohl in der Lage war, gut Fußball zu spielen.

Pia setzte sich durch. Damals wie heute. Zwar musste sie dieselben Kämpfe immer wieder neu austragen, aber am Ende ließen die Jungs sie beim Kicken auf dem Schulhof oder dem Sportplatz mitspielen. Trotz der geringen Unterstützung vonseiten ihrer Eltern fand sie ihren Weg in den Vereinssport. Heute ist Pia leidenschaftliche Spielerin beim DFC Kreuzberg, dem queerfeministischen Fußballverein, der 2012 von Discover Football gegründet wurde, und von Beruf Sozialarbeiterin bei der Berliner Schwulenberatung. Seit 2012 ist die gebürtige Gelsenkirchnerin außerdem ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Orga-Teams bei der queerfeministischen Initiative Discover Football, deren Ziel es ist, Rechte von Frauen* und LGBTIQ* im und durch Fußball zu stärken, strukturelle Diskriminierung sichtbar zu machen, FLINTA* zu empowern und ihnen über den Fußballsport Begegnungsräume und Vernetzungsmöglichkeiten zu bieten.

Wenn man Pia auf Fußball anspricht, kommt sehr viel Leidenschaft zum Vorschein. Sie sei schon von klein auf sehr sportbegeistert und ballaffin gewesen, sagt sie. Ihre Schwierigkeit war, dass der Fußball den Jungs und Männern vorbehalten war. Ohne einen engagierten Lehrer, der damals eine Mädchenfußball-AG an Pias Schule ins Leben rief, und ihre spätere Fußballtrainerin, die Pia und ein paar andere Mädchen nach einem Schulturnier ansprach, ob sie nicht Lust hätten, im Verein zu spielen, wäre es Pia vermutlich kaum möglich gewesen, ihre Fußballleidenschaft weiterzuverfolgen. Ihre Mutter machte sehr deutlich, dass sie nicht bereit sei, Pia dafür irgendwohin zu fahren. Und ihr Vater sah den Fußball seiner Tochter nicht als „echten Fußball“ an. Pia hatte letztlich das Glück, dass ihre Trainerin die Mädchen in ihrem eigenen Kleinbus zu den Trainings brachte und anschließend wieder zuhause absetzte.

„Ich war nicht das Mädchen, das ich hätte sein sollen. Ich wollte keine Kleidchen und Röckchen tragen, mit Puppen spielen und immer nur süß und lieb sein."

Pias Mutter zeigte ihr Missfallen über das Hobby ihrer Tochter, indem sie jedem von Pias Spielen fernblieb. „Das war ihre Art auszudrücken, dass das nicht der richtige Ort für mich ist“, erklärt Pia. „Ich war nicht das Mädchen, das ich hätte sein sollen. Ich wollte keine Kleidchen und Röckchen tragen, mit Puppen spielen und immer nur süß und lieb sein. Ich hatte eben Bock auf das, was den Jungs geschlechtstypisch zugedacht wurde: aktiv sein, aggressiv sein.“ Dies reichte soweit, dass Pia mit der Idee aufwuchs, lieber ein Junge sein zu wollen, einfach weil die Eigenschaften und Merkmale, die Jungs zugedacht waren, ihr so viel mehr entsprachen und für sie so viel attraktiver waren, als die klassische Mädchenrolle.

Fußball: Kein Ort für Frauen und Schwule?

Antonios und Pias Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Beide machen deutlich, wie schwer es der breite Fußballsport denjenigen macht, die nicht den ihnen zugedachten Geschlechterrollen entsprechen. Zu stark sind die Vorstellungen in unseren Köpfen, wie ein „richtiges“ Mädchen und ein „echter“ Junge zu sein hätten, und beide litten als Kinder unter diesen sich im Fußball besonders nachdrücklich manifestierenden Normen.

Doch trotz aller Diskriminierung, die Pia als Mädchen auf dem Fußballplatz erfuhr, erlebte sie den Fußballplatz auch als einen Ort der Emanzipation. Die Erfahrung, dass sie sich als Mädchen und später als Frau einen Platz nahm, der gesellschaftlich nicht für sie gedacht war, machte ihr Mut, sich auch in anderen Lebensbereichen Räume zu erkämpfen. Es bestärkte sie, auch in anderen männlich dominierten Sphären wie beispielsweise in der Uni den Mund aufzumachen.

„Ich habe jetzt grundsätzlich immer so ein Gefühl von ,Ja, ich kann mir Raum nehmen!‘.“ Und dieses Gefühl, diese Erkenntnis, etwas verändern zu können, mit den Diskriminierungserfahrungen nicht alleine zu sein, sich gegenseitig zu unterstützen und austauschen zu können, all das will Pia im Rahmen ihrer Tätigkeit bei Discover Football Mädchen und Frauen* auf der ganzen Welt mit auf den Weg geben.

Für Antonio hingegen ist und bleibt der Fußballplatz ein schambehafteter Ort, den er mit Ablehnung, Abwertung und Scheitern verbindet, weil er die im Männerfußball weitverbreiteten heteronormativen Männlichkeitsideale nicht erfüllte. Fassen wir zusammen: Fußball, insbesondere dort, wo er auch Nationalsport ist, ist ein männlich geprägter und dominierter Raum, in dem die Geschlechtergrenzen ganz besonders eng gezogen und Abweichungen davon gesellschaftlich besonders hart bestraft werden.

Im Vergleich dazu erscheint der Frauenfußball wie eine deutlich andere Welt. Während sich international in der obersten Profiliga im Männerfußball nur wenige Spieler finden, die sich während ihrer aktiven Karriere als schwul geoutet haben, sieht das im Frauenfußball deutlich anders aus. So brachte es die diesjährige Europameisterschaft auf insgesamt 59 offen lesbische und bisexuelle Spielerinnen, vier von ihnen aus dem deutschen Team. Im deutschen Profifußball der Männer gibt es dagegen nicht einen einzigen aktiven Spieler, der sich als schwul geoutet hätte.

Das bedeutet nicht, dass es im Frauenfußball keine Homophobie gibt, dennoch ist der Unterschied gewaltig. Auch gibt es einen massiven Gender Pay Gap, der zwischen dem Männer- und Frauenfußball aufklafft. Doch die Entwicklung geht hier in eine positive Richtung: So kamen mehr als 500.000 Zuschauer*innen während der diesjährigen EM der Frauen zu den 31 Turnierspielen in die englischen Stadien – so viele wie noch nie. Ein deutliches Anzeichen also, dass der Frauenfußball international an Anerkennung und Beliebtheit gewinnt.

Als schwuler Spieler im Profifußball

Natürlich gibt es auch schwule Männer, die sich trotz aller Widrigkeiten offenbar für den Sport begeistern können. Marcus Urban, systemischer Coach, Berater, Redner und Geschäftsführer des Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft ist beispielsweise ein ehemaliger Profispieler bei Rot-Weiß-Erfurt. Doch auch wenn er generell Bock auf den Sport hat, fällt sein Urteil – vor allem beim Blick auf den Profifußball – ambivalent aus. Entweder der schwule Spieler entscheide sich für ein jahrelanges, nervenzehrendes Versteckspiel oder er verlasse den Profifußball, sagt er. Und er muss es wissen, denn schließlich stand er 1991 im Alter von 20 Jahren vor ebenjener Entscheidung.

„Ja, ich spüre, ich kann Nationalspieler werden. Ich kann Großes leisten. Ich will es auch. Aber es geht nicht. Ich werde sonst sterben.“

Er liebte den Fußball, hatte großes Talent, entschied sich aber dennoch gegen eine weiterführende Karriere als Spieler, weil er sich nicht vorstellen konnte, 24 Stunden am Tag den dominanten aggressiven hetero Mann zu spielen. „Ich stand damals kurz vor dem Sprung in die Bundesliga“, erinnert er sich, aber er habe erkannt, dass dies „ein Irrweg, eine Sackgasse“ sei. Er befand sich damals im Zwiespalt: „Ja, ich spüre, ich kann Nationalspieler werden. Ich kann Großes leisten. Ich will es auch. Aber es geht nicht. Ich werde sonst sterben.“

„Und ohne dass man überhaupt geoutet war, war klar, solltest du schwul sein, bist du hier außen vor, wirst gemobbt und bist Teil eines Spießrutenlaufs.“

Für ihn war die Entscheidung, seine Profikarriere aufzugeben, die richtige, aber sie fiel ihm alles andere als leicht. „Es war sehr traurig. Ich war wütend, deprimiert, kaputt eigentlich“, erinnert er sich an die schwere Zeit. Marcus war seit seinem dreizehnten Lebensjahr in der DDR auf eine Sportschule gegangen und Worte wie „Schwuchtel“ oder „schwule Sau“ waren damals an der Tagesordnung. „Homophobie, Sexismus, Rassismus. Jeden Tag“, erinnert er sich. „Und ohne dass man überhaupt geoutet war, war klar, solltest du schwul sein, bist du hier außen vor, wirst gemobbt und bist Teil eines Spießrutenlaufs.“ Trotzdem liebt er den Sport, spielt heute wieder im Verein, dem FC Internationale Berlin, der für seine Integrations- und Nachhaltigkeitsarbeit mehrfach und kürzlich ausgezeichnet wurde, und hat den Glauben an die „emanzipatorische, verbindende Kraft“ im Fußball nicht verloren. Es sei eben nur die Frage, wie der Sport und das Miteinander gestaltet und wie Emotionen und Energie richtig geleitet würden. Dann könnte es offenbar doch mit einer schwulen Fußballbegeisterung klappen.

Fußball: Ort der Extreme

Die Männlichkeitsnorm im Fußball macht viel kaputt. Sie hat Marcus‘ Traum, Nationalspieler zu werden, zerstört, Antonio gelehrt, Fußball zu hassen, und Pia auf ihrem Weg viele Steine in den Weg gelegt. All das hat wenig mit dem Sport an sich zu tun, sondern vielmehr damit, wozu ihn die patriachale Gesellschaft gemacht hat: Projektionsfläche, Statussymbol, kapitalistische Verwertungsmaschinerie, nationalistisches Schlachtfeld in Friedenszeiten und Rückzugsort überkommener Männlichkeitsphantasien von Helden und Kriegern. Eine Welt, die den idealen Nährboden bietet für toxisch männliches Verhalten – ein Verhalten, das es queeren Personen generell schwer macht, sich auch als Zuschauende in einem Fußballstadion wohlzufühlen.

Pia hat sich im Rahmen ihre Tätigkeit bei Discover Football intensiv mit dem Thema Fußball, Geschlecht und sexuelle Orientierung auseinandergesetzt und kennt die vielen Wirkungsweisen der männlichen Norm im Fußball: Frauen wird zum Beispiel eingeredet, ihr Fußball sei weniger interessant, da er im Vergleich zum Männerfußball weniger athletisch sei, ein Vergleich, der in anderen Sportarten schlicht nicht gemacht wird. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Tennis extrem beliebt war in Deutschland. Und da hätte nie jemand gesagt: ,Steffi Graf, ach nee, die guck ich mir nicht an, die schlägt ja nicht so hart auf wie Boris Becker!‘“ In Pias Vergleich zum Tennis lassen sich die Projektionen auf den Fußballsport besonders schön als solche entlarven.

Jede*r nach seiner*ihrer Fasson!

Antonios und Pias Beispiele machen deutlich, warum Schwule und Lesben so eklatant unterschiedlich auf den Fußballsport blicken. Sie zeigen, dass das eigene Geschlecht und die damit zusammenhängende gesellschaftliche Erwartungshaltung einen großen Einfluss darauf haben, wie der Sport erlebt wird. Der lesbischen Wahrnehmung des Fußballplatzes als Ort der Emanzipation und des Kampfes für Gleichberechtigung steht die schwule Wahrnehmung des Fußballplatzes als Ort von Ablehnung und Abwertung gegenüber. Der Männerfußball präsentiert sich allzu oft noch ausschließend, rückwärtsgewandt und veränderungsresistent.

Doch es muss nicht so bleiben! Wir können dem Fußball neues Leben einhauchen! Es gibt kleine Anzeichen, die Mut machen und Menschen wie Pia, Marcus und Antonio, die im Großen wie im Kleinen etwas verändern. Pia mit Discover Football, Marcus als Projektleiter im Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft und als Diversity-Coach und Antonio, der sich als Erzieher dafür einsetzt, das Klima in der Kita so zu gestalten, dass Kinder sich möglichst frei von geschlechtsspezifischen Rollenmustern entwickeln können. Und alle drei Lebensgeschichten zeigen, dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen und für den eigenen Weg zu kämpfen.

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