Kirche und Homosexualität

Ist die Bibel doch nicht homophob?

5. Aug. 2021 Philip Eicker

Während ein polnischer katholischer Priester erst vor kurzem in einem theologischen Magazin gegen Schwule hetzte, erklärten hingegen Theolog*innen mit einem Report: Die Bibel hat gar nix gegen Homosexuelle. Philip Eicker über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität

Im Juli hatte das Amtsgericht Köln den polnischen katholischen Priester Dariusz Oko wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er in der Zeitschrift „Theologisches“ homosexuelle Priester u. a. als „rücksichtlose Parasiten" bezeichnete. Konservative Katholiken in Polen reagierten auf das Urteil empört. Der Herausgeber der Zeitung gab bekannt, „man werde nicht vor dem degenerierten Zeitgeist auf die Knie fallen." Anzeige gegen Oko und den verantwortlichen Chefredakteur des Magazins hatte ein katholischer Priester aus München gestellt. Der Fall zeigt auch: Hetze gegen Homosexuelle in katholischen Kreisen wird nicht mehr so einfach hingenommen.

Als der Vatikan Mitte März ein klares Verbot aussprach, homosexuelle Paare zu segnen, bewirkte dies an einigen Orten das genaue Gegenteil: Segnungsfeiern für Homopaare, Regenbogenfahnen am Kirchturm – die katholische Basis stellt sich mittlerweile vermehrt gegen die Queerfeindlichkeit des Vatikans.

Ist die katholische Kirche noch zu retten? Bestimmt! Die Frage ist derzeit eher: Wie denn? In den deutschen Bistümern streiten Konservative und Reformwillige um den richtigen Weg. Und das so heftig wie lange nicht mehr. „Die Glaubenskongregation verspielt die vermutlich letzte Chance, weltweit ethisch anschlussfähig zu bleiben“, schimpfte das Katholische LSBT+Komitee, eine Vereinigung queerer Katholik*innen, im März. Auslöser für die Kritik: Die Glaubenskongregation, die höchste katholische Instanz für Glaubenslehre, hatte allen Priestern in einem Schreiben verboten, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen – obwohl dies in vielen Gemeinden längst Praxis ist. Begründung: „Gott segnet nicht die Sünde, und er kann sie nicht segnen.“

Mit dieser jüngsten Maßregelung aus Rom war bei vielen die Geduld erschöpft, der liberale deutsche Katholizismus probte den Aufstand. 2.600 Geistliche und andere Seelsorger*innen erklärten im Aufruf #mehrSegen, dass sie Homopaare auch in Zukunft segnen würden, trotz Verbot aus dem Vatikan. Rund um den 10. Mai luden dann etwa 100 Gemeinden in Deutschland zu Gottesdiensten ein, in denen sich Liebende segnen lassen konnten, homosexuelle Paare ausdrücklich eingeschlossen.

Wenige Tage zuvor hatte bereits das Londoner Wijngaards Institute klare Worte gefunden. In einer „Akademischen Erklärung“ des liberal-katholischen Thinktanks forderten mehr als sechzig überwiegend römisch-katholische Wissenschaftler*innen den Vatikan auf, die „grausame und falsche Lehre zu beenden“, laut der die Bibel Homosexualität verbieten würde. Denn dem sei gar nicht so. Zwanzig der Wissenschaftler*innen hatten über zwei Jahre hinweg die sechs bekannten Bibelstellen untersucht, auf deren Grundlage Homosexuelle seit Jahrhunderten diskriminiert werden. Der neueste Wijngaards-Report ist praktisch ein „Best-of“ der zeitgenössischen Bibelexegese, also der Deutung biblischer Texte.

Homo-Beziehungen kommen in der Bibel nicht vor

Das Katholische LSBT+Komitee, das den Report ins Deutsche übersetzt hat, fasst zusammen: „Der Report legt auf sehr konzise Weise dar, dass man der Bibel keine Argumente gegen auf Dauer und Treue angelegte gleichgeschlechtliche Beziehungen entnehmen kann.“ Die Betonung des Berichts liegt dabei auf „dauerhaft“, also lebenslänglich, und „treu“, also verbindlich. Bei aller Kritik an menschenfeindlichen und konservativen Lehren der Kirche: auch der Report orientiert sich am Ideal der traditionellen Hetero-Ehe, moderne Konzepte wie Scheidung oder Polyamorie standen nicht zur Debatte. „Die sehr präzise Frage des Reports war ja, ob die Bibel gleichgeschlechtliche Beziehungen verbietet“, erklärt Michael Brinkschröder, Mitverfasser des Reports und Sprecher des LSBT+Komitees. „Die Pointe ist: Nein, denn sie kommen gar nicht vor.“ Die fraglichen Bibelverse über sexuelle Handlungen zwischen Männern verböten diese nur in bestimmten Fällen wie Ehebruch oder Inzest. Das gilt vor allem für das wohl am häufigsten gegen Schwule eingesetzte Zitat aus dem Buch Levitikus: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ Der Urtext sei schlicht falsch übersetzt worden, urteilen die Forscher*innen. 

Ob sich Kritiker*innen einer angeblichen „Gender-Bewegung“ wie der Passauer Bischof Stefan Oster von diesen feinen sprach- und kulturwissenschaftlichen Unterschieden beeindrucken lassen? Das bezweifelt selbst Michael Brinkschröder: „Viele lassen sich gar nicht auf eine Debatte ein. Sie fragen nicht: Wodurch ist diese Lehre der Kirche begründet?“ Stattdessen folgten sie lediglich dem, was wichtige Institutionen der Kirche sagen und vorgeben. „Von da aus ziehen sie ihre Schlussfolgerungen. Auf dieser Ignoranz beruht leider die katholische Verurteilung von Homosexualität.“ Unter katholischen Theolog*innen sei die Diskussion hingegen längst entschieden, stellt Michael fest: „Zumindest in Westeuropa befürwortet fast keiner mehr die traditionelle katholische Sexualmoral.“ 

Hendrik Johannemann, der sich seit mehr als einem Jahr als beratendes Mitglied in einem Synodalforum engagiert, hat zumindest die Chance, Geistliche wie Bischof Oster zu überzeugen. Er trifft ihn beim „Synodalen Weg“. In diesem Gesprächsforum beraten Geistliche und Laien seit 2019 gemeinsam, wie sich die römisch-katholische Kirche in Deutschland erneuern könnte. Auslöser war die MHG-Studie, die 2018 deutlich machte, wie häufig sexualisierte Gewalt gegen Kinder in der Kirche vorkam – und wie systematisch sie vertuscht wurde. 

Segnungsfeiern „zu politisch“?

Das Synodalforum, an dem Johannemann sich beteiligt, läuft unter dem Titel „Leben in gelingenden Beziehungen“. Kurz: Es geht um die Sexuallehre der katholischen Kirche. Zumindest in Deutschland. Jedes Thema darf auf den Tisch, Eheberatung genauso wie Trans*identität. Auch der Report des Wijngaards Institute könnte hier zur Sprache kommen. Ab 2022 entscheidet dieses Forum über eine Reform der katholischen Sexuallehre, beschlossen werden darf aber nur das, was auch zwei Drittel der Bischöfe mittragen. Und selbst dann kann der Papst alles stoppen, was ihm zu weit geht. „Trotzdem hoffe ich, dass sich auch die konservativsten Bischöfe nicht vollständig den Veränderungsvorschlägen entziehen können“, sagt Johannemann. „Gerade Segnungsfeiern wären ein starkes Zeichen: Ja, wir akzeptieren alle Menschen so, wie sie sind.“

Wie gut so eine Segnungsfeier tun kann, hat Johannemann selbst erlebt. Zur Not wäre er auch allein in die Kirche St. Christophorus gegangen, aber sein Freund Philip, ein Agnostiker, kam gern mit. Der Ordenspriester Ulrich Engel spendete dort allen Liebenden den Segen. „Es war sehr schön, ein krasser Moment“, erinnert sich Johannemann. Doch selbst einigen Reformbereiten ging die Aktion zu weit. Ein Gottesdienst sei kein geeignetes „Instrument für kirchenpolitische Manifestationen“, kritisierte Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Dieser Vorwurf, „zu politisch“ zu sein, trifft Hendrik nicht. „Wir sind an einem Punkt, an dem diese Dinge politisiert werden müssen, damit wir diese Kirche noch retten können. Aber ich bin nicht aus Protest zur Feier gegangen, sondern weil ich glaube, dass in meiner Beziehung mit Philip so viel Gutes liegt, das einen Segen wert ist.“ 

regenbogenforum.de/lsbt

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