Joanna Ostrowska: Die Geschichte ihres queeren Archivs
Am 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Wir sprachen mit der Historikerin Joanna Ostrowska, die zu queerer Geschichte und den vergessenen Opfern des Nationalsozialismus forscht. In ihrem neuen, auf Polnisch erschienenen Buch „Spuren“ porträtiert sie queere Biografien, spricht über die Herausforderungen ihrer Arbeit und darüber, warum „Nie wieder“ für alle gelten müsse
Joanna, dein neues Buch „Spuren” ist letzten Oktober erschienen. Es erzählt von nicht-heteronormativen Biografien, vor, während und nach dem Holocaust, aber auch von deiner Arbeit als Historikerin. Warum hast du dich für dieses Format entschieden? Ich nenne dieses Buch meine Fußnote zu all meinen vorherigen Arbeiten. Meine Idee war es, ein Buch über queere Methodik zu schreiben, also darüber wie ich als Historikerin die Geschichte queere und mit welchen Hürden ich dabei konfrontiert bin. Ich arbeite seit 2005 in dem Bereich und wollte von Anfang an nicht nur Geschichten aufschreiben, sondern auch Quellen sammeln und ein eigenes Archiv anlegen, in das ich jetzt einen Einblick gebe. Das hat auch mit der politischen Lage in Polen zu tun – ich hatte Angst, dass Ressourcen irgendwann nicht mehr zugänglich sein würden. Über die Jahre sind immer mehr Menschen auf mich zugekommen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben. „Spuren“ ist in gewisser Weise meine Anerkennung und mein Dank an diese Menschen, die dazu beitragen, queere Geschichte zu dokumentieren.
„Sie haben oft keinen Respekt für meine queeren Protagonist*innen – das stört mich am meisten.“
In einem Interview mit OKO.press hast du das Buch einen „Brief an die Zukunft“ genannt – was meinst du damit? In „Spuren“ bin ich radikal ehrlich: Ich schreibe über meine Beweggründe, darüber wie schwer es ist in Polen, aber auch in Deutschland, als queere Historikerin ernst genommen zu werden. Ich spreche über Fehler und wie ich aus ihnen gelernt habe und darüber, wie meine Arbeit von vielen Archiven und Gedenkstätten blockiert wird. Sie haben oft keinen Respekt für meine queeren Protagonist*innen – das stört mich am meisten. Dieser „Brief an die Zukunft“ soll also nicht nur zeigen, wie viele queere Geschichten noch unerforscht in Archiven schlummern, sondern soll auch ein Aufruf an junge Historiker*innen sein, das System zu hinterfragen.
Wenn es darum geht queere Geschichte zugänglicher zu machen, gibt es da eine Veränderung auf institutioneller Ebene? Manche Gedenkstätten hängen vielleicht Regenbogenflaggen auf oder produzieren einen Podcast, der sich mit Paragraf 175 StGB beschäftigt, aber das bleibt meist symbolisch. Dabei sollte queere Geschichte nicht als Extrathema behandelt werden, sondern als Teil der Geschichte. Ich werde leider immer noch von vielen Institutionen in meiner Arbeit blockiert und es sind am Ende oft einzelne Personen, wie Archivar*innen, die mir dann doch Zugang zu Material geben und an meine Forschung glauben. Mein Buch soll auch ein Dank an sie sein.
Welche Reaktionen gab es bis jetzt? In vielen Interviews ist die erste Frage: Wie ist das überhaupt möglich? Das sollte auf der Hand liegen: Geschichtsschreibung wird auch heute noch von homo- und transphoben Ansichten dominiert. Am meisten stört mich dabei, dass es an Respekt gegenüber den Opfern, den Überlebenden und nicht-normativen Biografien mangelt. In meinem Buch versuche ich aufzuzeigen, dass wir alle diese Geschichte teilen. Wir Forscher*innen müssen dafür allerdings unsere Haltung verändern und starre Kategorien aufbrechen.
Oft neigen Menschen dazu, einfache Erzählungen zu bevorzugen, aber dein Buch zeigt komplexe queere Biografien und teils nur Fragmente. Aber genau das regt dazu an, selbst kritisch zu denken. Genau! Jede*r sollte sich selbst ein Bild machen. Es macht mich fertig, wenn Menschen auf Social Media komplexe Geschichten auf einen Bruchteil kürzen und es dann als die Wahrheit verkaufen. Wir müssen die Komplexität von queeren Biografien zulassen und aufhören heutige Konzepte von Sexualität und Gender auf eine andere Zeit überzustülpen. Auch ich musste über die Jahre lernen, meine Einstellung zu queeren und nicht in Schubladen zu denken. Das ist ein Prozess, der nie abgeschlossen sein wird, aber das ist auch das Schöne daran.
„Wir müssen die Komplexität von queeren Biografien zulassen und aufhören, heutige Konzepte von Sexualität und Gender auf eine andere Zeit überzustülpen.“
Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Wenn es darum geht queeren Opfern zu gedenken, wo siehst du die größten Lücken? Eine Sache, die sehr wichtig ist, ist Sichtbarkeit. Seit dem Anfang meiner Karriere setzte ich mich dafür ein, dass es in Polen auch Stolpersteine für die Menschen gibt, die nach Paragraf 175 StGB verurteilt wurden – letztes Jahr wurden die ersten zwei verlegt, für Friedrich Poguntke and Egbert Kipke. Das war ein historischer Moment und trotzdem kam niemand vom deutschen Konsulat in Wrocław oder der Botschaft in Warschau. Im Nachhinein hat mir allerdings eine Freundin ein Bild von den Stolpersteinen geschickt: Jemand hatte eine Kerze angezündet und auf einen Zettel geschrieben „Wir werden uns an euch erinnern, ihr seid nicht allein“. Das hat mich sehr berührt und ist der Grund, warum ich für diese Geschichten kämpfe.
„Als ich ,Spuren' schrieb, beobachtete ich Tag für Tag nicht nur den Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza, sondern auch das Schweigen. Viele Menschen und Institutionen, die für die Erinnerung an den Holocaust verantwortlich sind, sehen nicht mehr, was uns am nächsten ist.“
Außerdem war es mir ein Anliegen im letzten Kapitel meines Buches zu erwähnen, dass die Aussage „Nie wieder“ für alle gelten muss. Als ich „Spuren“ schrieb, beobachtete ich Tag für Tag nicht nur den Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza, der von Israel ungestraft begangen wurde, sondern auch das Schweigen. Viele Menschen und Institutionen, die für die Erinnerung an den Holocaust verantwortlich sind, sehen nicht mehr, was uns am nächsten ist. Als Historikerin kann ich nicht so tun, als würde das nicht passieren, während ich mich täglich mit der Aufarbeitung von verdrängter Geschichte befasse.
Joanna Ostrowska: „Ślady. Historia pewnego archiwum“
erschien auf Polnisch
Verlag: Wydawnictwo Krytyki Politycznej, 2025
krytykapolityczna.pl/wydawnictwo/slady-joanna-ostrowska/
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