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Ausstellung im Bundestag

Nicht nur Opferperspektiven: LGBTIQ* im Nationalsozialismus

29. Nov. 2023 Carsten Bauhaus
Bild: kc
Infotafel der Ausstellung, Foto (links): Anneliese Isermeyer (2. von rechts), (1905 bis 1985) im Kreis von Freundinnen, Fotografie Langeoog 1939 (Schwules Museum Berlin)

Die Ausstellung im Bundestag „gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945“ von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld thematisiert nicht nur Verfolgung im Nationalsozialismus, sondern zeigt auch selbstbestimmtes queeres Leben in dieser Zeit

Die 1903 geborene Käte Rogalli identifiziert sich als Frau und bezeichnet sich selbst als „Transvestit“ und „Masochist“. In der Weimarer Republik erhält sie einen „Transvestitenschein“ – der ihr dann 1936 von der Gestapo abgenommen wird. Mehrfach denunziert und verhaftet, nimmt sie sich schließlich 1943 das Leben. Käte Rogalli ist einer der queeren Menschen, deren Lebenswege in der Ausstellung im Deutschen Bundestag nachgezeichnet werden.

„Der NS-Staat hatte eine ganz klare Vorstellung davon, wie Männer sein sollten und wie Frauen sein sollten. Und wer diesen Erwartungshaltungen, diesen Stereotypen, nicht entsprochen hat, sich also geschlechtsnonkonform verhalten hat, hat Probleme bekommen“, erzählt Dr. Insa Eschebach im Interview mit SIEGESSÄULE. Die Religionswissenschaftlerin und ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück bildet zusammen mit den beiden Historikern Karl-Heinz Steinle und Andreas Pretzel das Team, das die Ausstellung kuratiert.

Am 27. Januar dieses Jahres standen beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag erstmals die queeren Opfer im Fokus. „gefährdet leben“ knüpft an dieses erinnerungspolitische Signal an und nutzt die Chance, das Thema der Ausgrenzung und Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus neu zu beleuchten. Dabei liegt der Fokus nicht nur, wie sonst eher üblich, auf homosexuellen Männern. Geschildert werden auch die Lebenswege von Lesben und all jenen, die sich geschlechternonkonform verhalten haben.

„Wir verfolgen einen neuen Ansatz, der so in anderen Ausstellungen nicht zu sehen war: Es ging uns nicht um die Darstellung einer idealen Opfergemeinschaft“, betont Insa Eschebach. „Wir thematisieren komplett unterschiedliche Gruppen und Menschen, darunter auch Personen, die bisher nicht gezeigt wurden – wie zum Beispiel nationalsozialistisch gesinnte Homosexuelle, darunter auch Frauen wie Klara ‚Leo‘ Pförtsch, die Lagerälteste im Frauen-KZ Ravensbrück und Auschwitz war.“

Nachgezeichnet werden die queeren Lebenswelten anhand von 130 Exponaten. Insgesamt 80 Leihgeber*innen, darunter zahlreiche in- und ausländische Archive und Privatpersonen, haben Dokumente, Grafiken und Fotografien beigesteuert. Die Ausstellung ist um fünf Themeninseln herum organisiert, beginnend mit der Zerstörung der queeren Infrastruktur gleich zu Anfang der NS-Diktatur.

Während der Weimarer Repu­blik hatte sich eine blühende Infrastruktur aus Bars, Zeitschriften und Vereinen gebildet, die systematisch zerstört wurde. Paradebeispiel ist das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld, das 1933 zunächst geplündert und dann geschlossen wurde.

„Es ist keine Ausstellung über die Verfolgung, sondern über queere Menschen in der NS-Zeit“

Gerade im Kapitel „Selbstbehauptung und Eigensinn“ zeigt sich die erweitere Perspektive im Vergleich zu vergangenen Ausstellungen. „Es ist keine Ausstellung über die Verfolgung, sondern über queere Menschen in der NS-Zeit“, betont Ko-Kurator Andreas Pretzel. „Wir zeigen ihre Lebenswelten, die Handlungsräume, aus denen sie was machten – um unter den Bedingungen des NS-Regimes ihre Liebe oder eine Partnerschaft zu finden.“ Und Insa Eschebach ergänzt: „Es ging uns auch darum, Netzwerke und Freund*innen-Kreise zu zeigen. Viele Fotos dokumentieren Versuche, trotz der Bedrohung ein geselliges Leben zu führen.“

Eine Fotografie etwa zeigt ein les­bisches Paar, das zusammen mit anderen befreundeten Frauen Urlaub auf Langeoog macht. Am Meer bilden sie eine Kette von ausgelassenen Frauen, die sich offensichtlich ihres Lebens freuen – und das im Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg ausbricht.

„Bei der Auswahl der Fotos war ein wichtiges Auswahlkriterium, die Personen nicht nur in einer Opferperspektive zu zeigen, sondern die Perspektive auch visuell zu erweitern“, sagt Karl-Heinz Steinle. „Anstatt nur den Täter-Blick zu zeigen – also etwa Aufnahmen der Gestapo –, werden die Personen, wenn möglich, in privaten Aufnahmen, die freiwillig entstanden sind, gezeigt, um so den selbstbestimmten Blick zu betonen.“

Was nicht immer trennscharf gelingt: Eine Fotografie zeigt eine Clique von jungen Männern, die selbst in dieser Zeit offensichtlich ein beschwingtes, wenn auch gefährdetes Leben führten. Wer genau hinsieht, bemerkt allerdings, dass die sechs Männer mit einem Kugelschreiber nachträglich durchnummeriert worden sind: Das Foto war in einer Gestapo-Akte gelandet und wurde so zu einem Instrument der Ermittlung.

„Gefährdet waren alle.“

Richtig ist aber auch, dass viele queere Menschen gar nicht verfolgt wurden. „Wer sich unauffällig verhalten hat und etwa eine diskrete Partnerschaft geführt hat, wurde nicht verfolgt“, betont Insa Eschebach. Und Karl-Heinz Steinle ergänzt: „Gefährdet waren aber alle. Und sie hätten verfolgt werden können. Denunziationen, die oft aus der direkten Nachbarschaft kamen, konnten jederzeit den allerbesten Schutz, den nach außen unauffälligsten Freund*innenkreis wie eine Bombe durchschlagen.“ Um dem zuvorzukommen, entschieden sich einige zur Emigration. „Und eine Form der Selbstbehauptung war auch der Freitod – wenn es auch die letzte war“, so Andreas Pretzel.

Wer die NS-Zeit überstanden hatte, konnte zwar zunächst aufatmen, war aber weiterhin oft noch jahrzehntelanger Diskriminierung ausgesetzt. Das zeigt das Beispiel von Kurt Büssow: Zwar war der ehemalige Schauspieler bei den Auschwitz-Prozessen der 60er-Jahre als Zeuge sehr gefragt, als Homosexueller aber blieb er in der BRD von jeglicher Entschädigung für die erlittene KZ-Haft ausgeschlossen.

Bis zum 15. Dezember ist „gefährdet leben“ im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages zu sehen. Besucher*innen müssen sich zwei Werktage vorher unter ausstellungen@bundestag.de oder über die Website des Bundestags anmelden. Im nächsten Jahr wird die Ausstellung durch ganz Deutschland touren, angefangen mit einem zweiten Ort in Berlin-Mitte: Vom 23. bis 28. Januar wird sie im Foyer des Gebäudes gezeigt, in dem auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ihren Sitz hat.

„gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945“,
30.11.–15.12., Mo, Mi–Fr 9:00–17:00, Di 9:00–19:00, Paul-Löbe-Haus, Deutscher Bundestag, Anmeldung erforderlich auf bundestag.de oder per Mail unter ausstellungen@bundestag.de

Führungen durch die Ausstellung im Bundestag:
Dienstag, 5.12., 17.30 Uhr
Donnerstag, 7.12, 15.00 Uhr
Dienstag, 12.12., 17.30 Uhr
Donnerstag, 14.12., 15.00 Uhr
Freitag, 15.12., 15.00 Uhr

23.01.–28.01.2024, Mo–So 10:00–17:00,
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, ohne Voranmeldung

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#queer#Holocaust#LGBTIQ*#Nationalsozialismus

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