Songwriter-Pop

John Grant: „Ich habe immer noch mit Selbsthass zu tun“

27. Juli 2021 Florian Bade
Bild: Hörður Sveinsson

Im übertragenen Sinne ertrank John Grant schon oft – in der nicht akzeptierten Homosexualität, der daraus resultierenden Drogensucht und Depression. Vor kurzem veröffentlichte der US-Musiker sein fünftes Album „Boy from Michigan“, in dem er sich mit seiner Jugend und seiner Sexualität auseinandersetzt. SIEGESSÄULE bat ihn zum Gespräch

Hallo John, hallo nach Island! Wie war dein Tag? Hallo! Gut, danke. Ich war den ganzen Tag im Studio und hab meine Liveshow vorbereitet.

Super, es geht also bald wieder los! Freust du dich? Gute Frage. Ich hab ein bisschen Schiss, wieder raus in die Welt zu gehen, aber wenn der Stein erst mal wieder ins Rollen kommt, werde ich bestimmt voll dabei sein. Ich freue mich drauf, meine Fans in England, in Europa, den USA und und und wiederzusehen! Hier flippen gerade alle aus und gehen auf die Straßen. Es ist, als ob nichts passiert sei. Ich finde das alles ein bisschen komisch.

Hat die Pandemie auch deine Aufnahmen für dein neues Album „Boy from Michigan“ überschattet? Es hat Spaß gemacht, mit Cate Le Bon als Produzentin diese Platte zu machen, aber es ging auch sehr ans Eingemachte. Eigentlich hatten die US-Wahlen mehr Auswirkung auf das Album als die Pandemie, weil meine Familie an diesem Scheißtypen Trump zerbrochen ist. Meine Familie hatte ihn beim ersten Mal gewählt, aber meine Schwester nicht beim zweiten Mal. Meine Brüder und mein Vater, der Christ, finden ihn nach wie vor total o. k. Sie finden es ganz normal, ein Hakenkreuz auf der Bibel zu haben.

Hakenkreuz-Vergleiche sind harter Tobak. Du meinst das im übertragenen Sinne, oder? Natürlich hat mein Vater kein Hakenkreuz auf seine Bibel gedruckt, aber wenn du das Verhalten von so einem Typen gutheißen kannst, dann bist du mit dieser Ideologie einverstanden. Und wenn du sagst: „Wir machen ja nicht das, was die machen“, aber du gehörst zur selben Gruppe, sagst nichts und lässt es einfach zu, dann trägst du Mitschuld. Das hat mich ziemlich fertiggemacht. Deswegen habe ich mich auf meinem Album gefragt: Wo komme ich her? Was bin ich geworden? Was sind das für Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, die mich gelehrt haben, dass die Welt so und so und nicht anders ist?

Ein bestimmter Song, an den du dabei gerade denkst? „Mike and Julie“ zum Beispiel. In diesem Song geht es um einen Menschen, der mich geliebt hat, und ich war nicht in der Lage, das anzunehmen. Ich konnte ihm nicht in die Augen schauen und mit ihm darüber reden. Es gibt heute eigentlich nichts mehr, worüber ich nicht reden kann. Es ist interessant zu sehen, wie unfähig ich damals war, mich mit meinen Gefühlen zu konfrontieren und wie viel Angst ich davor hatte.

Du bist viel rumgekommen, hast auch mehrere Jahre in Deutschland gelebt und jetzt lebst du in Island. Ist das dein neues Zuhause? Da, wo ich mich gerade befinde, ist mein Zuhause. So war das schon immer. Ich liebe die frische, kühle Luft hier. Wegen der Luft bleibe ich noch ein bisschen. (lacht) Und wegen der Sprache. Ich hab noch Spaß an ihr, auch wenn sie mich vollkommen rasend macht. Isländisch ist wahnsinnig kniffelig. Mein armes Hirn kommt da nicht mehr mit.

Als Polyglotter hast du sogar einen Song „Rhetorical Figures“ über Sprache geschrieben. Was bedeutet denn Sprache für dich? Mich begeistern Wörter, und wenn man sich präzise ausdrücken kann, dann ist das eine sehr schöne Sache.

„Damals wusste ich nicht genau, was es heißt, schwul zu sein. Ich wusste nur, dass es das Schlimmste war, was einem passieren konnte“

Ich muss jetzt an Alan Downs’ „The Velvet Rage“ denken. Dass wir Queeros gern eine Fassade aufbauen, hinter der wir uns verstecken. War das Sprache für dich? Am Anfang ging es mir schon darum, dass ich intelligent erscheine. Ich wollte meiner Familie beweisen, dass ich klug bin. Und dann habe ich gemerkt, dass ich ein Talent und eine Gabe dafür habe, und es mir einfach Spaß macht. Ich hab mich z. B. Hals über Kopf in die deutsche Sprache verliebt. Ich finde ihren Klang super und liebe Günter Grass und Max Frisch. Ich lese auch viel Max Goldt. Was der für Sätze zusammenbastelt, ist wirklich der Wahnsinn.

In deinem Song „The Rusty Bull“ geht es um einen verrosteten Metallochsen, den du als Kind auf einem Recyclinghof sahst und der für dich zur Metapher des schwulen Monsters in dir wurde ... Ja, damals wusste ich nicht genau, was es heißt, schwul zu sein. Ich wusste nur, dass es das Schlimmste war, was einem passieren konnte. (lacht) Ich wusste aber auch, dass es in mir wuchs und dass es kein Entrinnen gab. Und ich habe immer noch jeden Tag mit diesem Selbsthass zu tun. Ich merke, dass es sehr schwierig ist für mich, das kleinste Maß an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu haben. Aber ich kann jetzt besser damit umgehen. Ich gehe trotzdem in die Welt hinaus und mach mein Ding und nehme alles nicht mehr so ernst. Aber ich glaube, ich werde den Rest meines Lebens damit zu kämpfen haben. Musik ist der einfachste Weg, mein Ich darzustellen, ohne mich selbst zu verurteilen oder mich schlechtzumachen. Meine Art und Weise, das zu sagen, was ich früher nicht sagen konnte: wie ich mich fühle, ohne es zu bewerten. Ich kann das Gute und das Schlechte ausdrücken, weil beides gleich wichtig ist.

Willst du damit auch ein Anker oder ein Vorbild für all die lost boys (from Michigan) sein? Ich glaube, dass meine Musik anderen Leuten helfen kann. Zu wissen, dass sie nicht allein sind. Dass andere Leute auch diese Gedanken haben. Ich sehe mich nicht als besonders erfolgreichen Typen. Ich hab so viele Macken und kämpfe noch mit so vielen Sachen, aber ich tauche immer wieder auf. Ich versuche jeden Tag, das in den Griff zu bekommen, weiterzumachen, gegenwärtig und im Moment zu bleiben. Und ich bin durch meine Erfahrungen sehr mitfühlend geworden. Ich bin nicht so ein hasserfüllter Typ. Insofern könnte man vielleicht sagen, dass ich in dieser Hinsicht ein erfolgreicher Mensch bin.

Wenn sich Erfolg mit Spotify-Clicks messen ließe, dann wärst du mit fast 8 Millionen doch gut dabei. Bist du denn mit deinem neuen Album zufrieden? Ich bin ziemlich stolz darauf. Ich finde, das ist meine beste Platte bisher. Das sagt man meistens. Aber es ist wirklich meine Lieblingsplatte von mir momentan. Ich hoffe, dass sie euch gefällt und dass ich ganz viel nach Deutschland kommen kann. Ich freue mich auch tierisch auf das Funkhaus. Ich hab gehört, dass es wahnsinnig schön sein soll. Und auf Dussmann. Ich gehe immer so gern zu Dussmann und kaufe mir dann Bücher und Platten. Und Blu-Rays vom „Tatort“ Ruhrpott, um mein Deutsch wieder aufzufrischen.

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#Pop#schwul#JohnGrant