Selbstexperiment Stretch Festival

Krakentanz & Kerzenbeichte

9. Sept. 2026 Florian Bade
Bild: Victor Luque
Von spielerisch bis therapeutisch – beim Stretch Festival wird mit queerer Scham gerungen

Das körper- und gruppentherapeutische Stretch Festival setzt sich seit zwölf Jahren zum Ziel, queere Männlichkeit(en) zu zelebrieren. SIEGESSÄULE-Autor* Florian Bade wollte es genau wissen und hat sich drei Tage lang mental und emotional durchkneten lassen: ein Selbstexperiment

„Ich bin davor immer so aufgeregt wie vor einem Pilztrip.“ Diesen Satz höre ich erst am dritten Tag des Stretch Festivals von einem weiteren Selbstversuchskaninchen während einer Partnerübung. „Man weiß zwar nie, ob’s hart oder schön wird, eigentlich ist es immer irgendwie gut!“, hatte das cute Kaninchen noch hinzugefügt. Mein Puls pocht aber auf hart an diesem Freitagmorgen – bei meiner Ankunft im we are village, U-Bahnhaltestelle Kurfürstenstraße, kurz vor der 31. Runde des körpertherapeutischen Stretch Festivals.

„In der Kellerumkleide schwirren statt taxierender Blicke zugewandte Gespräche durch den Raum."

Eigentlich kenne ich das Village nur als Ruhe- und Begegnungsort der Community – heute ist es ein schwänzeltanzender Bienenstock. In der Kellerumkleide schwirren statt taxierender Blicke zugewandte Gespräche durch den Raum. Viele sind Stretch-Veteranen*, ihre Augen funkeln vor Vorfreude. „Oder ist das doch ein Kult?“, hatte mich eine Freundin noch davor gefragt.

Es gongt. Alle strömen in den weißen Hauptraum. Mitwirkende des Stretch-Teams um Kai Ehrhardt – Gründer* des Festivals vor zwölf und vom Village vor zehn Jahren und selbst Körpertherapeut – begrüßen uns rund 120 Teilnehmer* warmherzig und stellen die vier Grundregeln klar, die 4 C‘s: Consent, Curiosity, Care und Confidentiality (zu deutsch: Konsens, Neugier, Fürsorge und Vertraulichkeit). Awareness Angels werden bei der Reise auf uns aufpassen. „Und jetzt frohes Stretchen!“ Ab in die Workshops!

Passend zur Stimmung mein erstes Seminar: „Oh Sh*t! So many people! Neuroqueer takeover“. Die Moderator*innen Monika Popiel und Paweł Świerczek erklären: Den neurotypischen Menschen gibt es eigentlich nicht, nur Neuronormativität, die Scham erzeugt, wenn unsere Nervensysteme vom gesellschaftlichen Standard abweichen. „Wie bei Sexualität“, sagt Paweł. „Es gibt nicht den einen richtigen Weg, wie ein Körper die Welt wahrnehmen und verarbeiten kann – Natur kreiert Vielfalt.“ Mir dämmert langsam: Scham ist bei diesem Festival (m)ein Endgegner.

Daumendrücken gegen Scham

Und dann geht‘s rund. Nach kurzer Kennenlernrunde laufen wir – entgegen jeder Scham – durch den Raum, spüren, welche Gefühle dabei aufkommen. Dann Blickaufnahme mit anderen Stretchys – was macht das mit uns? Ich denke an mein*e Therapeut*in: „Komfort-, Lern- und Panikzone. Nur in der Lernzone wachsen wir.“ Aus der Komfortzone bin ich raus, aber bei der Kontaktübung komme ich der Panikzone verdammt nah... Fuck, alle haben schon einen Partner*! Da erlöst mich mein Awareness Angel. Seine* lackierten Finger fließen über meine. Ich fühle mich wie eine Stockpuppe. Wir gucken uns tief in die Augen, lächeln. Zum Schluss zärtliches Daumendrücken. Vorbei, bye!

Nach der Sharing Runde zurück in der Umkleide: mein Nervenkostüm ist ganz schön durchgenudelt von dieser kleinen Emo-Fingerübung. Ich flüchte mich auf eine Zigarette in den Innenhof. Gibt es hier auch Awkwardness Angels?

Aber mit jedem Workshop wird eine Schamschicht mehr abgetragen. Nachmittags wälze ich mich schon als imaginierter Oktopus durch den Hauptraum. Trippy! In den Pausen schnacke ich mit meinem Awareness Angel und rede mit Teilnehmenden über ihre Familien, die ihre Transmaskulinität nie akzeptiert haben. Ich höre mich selbst über meinen Burn-out reden, über die Scham dahinter.

Blitzgewitter an Gefühlen und Bildern

„Wenn wir Scham aus dem Schatten ins Licht von Gemeinschaft rücken, kann sie an Bedeutung verlieren“, erklärt Kale Tadpole, Sexualtherapeut*in und Bodyworker*in – und bittet zur Beichte. Auf einer kerzengesäumten Bühne, im sonst abgedunkelten Kellerraum, bekommen wir in Kales Workshop „Shame Stage Bravery“ die Möglichkeit, unsere Scham vor der Gruppe auszuleuchten. „Von einer Therapieperson gesehen zu werden ist heilsam“, so Kale und tritt bewusst in den Hintergrund. „Ein Raum mit 50 Allys potenziert diesen Effekt.“ Teilnehmende treten nach und nach ins Rampenlicht. Die geteilte Scham reicht von Asexualität über Body-Dysmorphia bis zu internalisiertem Rassismus. Ich traue mich nicht auf die Bühne. Zu kultig? Ne, aber die meinten ja in der Willkommensrunde auch, wir sollen auf unsere Grenzen achten.

Bild: Victor Luque
Selbstausdruck – zum Beispiel durch Tanz – ist wichtiger Bestandteil des Stretch Festivals

Im Verlauf der drei Festivaltage – pro Tag gibt es vier Slots à drei Workshops – tänzle ich leichtfüßiger durchs weite Erdgeschoss, den Kellerraum oder dem Seminarsaal der Kirche auf der anderen Seite der Kurfürstenstraße. Mal massieren wir uns, nehmen nonverbal Kontakt auf. Mal spielen wir in Dreiergruppen mit unseren exhibitionistisch-voyeuristischen Trieben und erfahren die Kraft des „dritten" Rads am Wagen. Oft bezeuge ich trocknende Tränen. Bei einer Halteübung fällt mir plötzlich das Pilzkaninchen nochmal in die Arme. „Du hattest total recht!“, denke ich.

Und so wird im Zuge des Stretch-Wochenendes aus meiner anfänglichen Überforderung eine achtsame Zugewandtheit – und Verletzlichkeit zunehmend zur Ressource statt zur Bedrohung. Das kommt nicht von ungefähr: Kai erklärt mir später, dass das Programm bewusst so gebaut ist. „Für das Publikum geht es darum, einerseits über die drei Tage einen Bogen zu spannen, aber auch andererseits immer die Wahl zwischen spielerischen, körperlichen, politisch-aktivistischen Themen oder emotionaler Prozessarbeit zu haben."

„Kein Kult (nur eine Hauch Spiritualität), kein Rausch, sondern ein Angebot von geschulten Menschen."

Nach der Integrationsübung am dritten Tag bin ich aber auch durch – obwohl ich kinky Workshops wie „Introduction to Sensual Spanking" oder „Slow Kink Massage" nicht mal besucht habe. „Das sind die typischen Stretch-Kopfschmerzen“, erklärt mir ein* Stretch-Veteran* und inzwischen mein Rauchbuddy. Der dumpfe Druck hinter der Stirn kommt mir tatsächlich bekannt vor. Ich fühle mich an meinen ersten Pilztrip erinnert: ein Blitzgewitter an Gefühlen und Bildern. Erst mit der Zeit, der richtigen Dosis und mit mutigen Intentionen erkennt man die Muster.

Genau so fühlt sich auch diese luzide Stretch Reise an – nur komplett sober. Kein Kult (nur eine Hauch Spiritualität), kein Rausch, sondern ein Angebot von geschulten Menschen, vornan Kai, der seine Arbeit so zusammenfasst: „Für mich ist das Wunderbarste der Langzeiteffekt der Verbindungen zwischen Menschen – die Verlässlichkeit, dass individuelle und kollektive Heilung von allein entstehen, wenn Menschen sich in ihrer Verletzlichkeit zeigen und sich achtsam begegnen können.“

Finale Abschlussrunde im großen Raum. Viele kuscheln. Ein* beseelter* Festivalgänger* teilt mit mir: „Dank Stretch kann ich alles an mir akzeptieren und schön finden." Geglücktes Selbstexperiment, denke ich ohne Neid. Und nach warmen Abschiedsworten und wogendem Applaus gehe ich etwas wankend, aber auch irgendwie aufrechter nach Hause.

Hinweis zur Schreibweise: Um die Vielfalt von Männlichkeiten abzubilden, steht bei männlichen Personenbezeichnungen ein Sternchen.

Nächste Ausgabe des Stretch Festivals
30.10.–01.11.,
stretch.berlin
we are village




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