Lesbische Cartoonlegende Alison Bechdel zu Besuch in Berlin
Mit „Dykes to Watch Out for“ gelang Alison Bechdel ein Meisterwerk: lesbische Sichtbarkeit mit Humor. Danach brachte sie autobiografische Graphic Novels heraus. Nun erscheint „Kaputt“. SIEGESSÄULE-Verlegerin Manuela Kay sprach mit der Künstlerin, die erstmals nach Berlin kommt
„Kaputt“ folgt ziemlich schnell auf dein vorheriges Buch „Das Geheimnis meiner Superkraft“, für das du mehr als acht Jahre gebraucht hast. Wieso ging es so viel schneller? Sehr gute Frage. Zum Teil lag es an anderen Umständen: Die Arbeit an „Das Geheimnis meiner Superkraft“ hat wirklich lange gedauert, von 2012 bis 2020. Da wurde „Fun Home“ am Broadway als Musical inszeniert. Ich war sehr damit beschäftigt, Teil der ganzen PR-Maschinerie zu sein. Ich hatte einfach nicht die Ruhe für meine Arbeit.
„Vielleicht habe ich das im Buch ein bisschen übertrieben, vielleicht auch nicht – wer weiß das schon.“
In gewisser Weise wirkt „Kaputt“ auch autobiografisch – die Hauptfigur trägt deinen Namen, du lebst auch mit einer Partnerin namens Holly zusammen. Wie entscheidest du, wo fiktionale Elemente die Realität überlagern? Es gibt viele Parallelen zwischen meiner echten Karriere und von Alison, der Figur. Ich lebe tatsächlich in Vermont, habe eine Partnerin namens Holly. Ich bin tatsächlich ein ziemlich neurotischer und kontrollsüchtiger Mensch. Vielleicht habe ich das im Buch ein bisschen übertrieben, vielleicht auch nicht – wer weiß das schon. Aber es hat Spaß gemacht, mir Dinge auszudenken.
Wir begegnen vielen Figuren, die wir aus „Dykes to Watch Out for“ kennen. Jetzt sind sie 20 Jahre älter. Hast du in der Zeit an sie gedacht oder bist du ihnen erst bei der Arbeit an diesem Buch wieder begegnet? Nein, ich habe sie lange Zeit ehrlich gesagt einfach ins Regal gestellt. Das war auch eine Erleichterung, denn ich war über 20 Jahre lang gezwungen, unter Termindruck über sie zu schreiben. 2016, als Donald Trump zum ersten Mal gewählt wurde, habe ich wieder an sie gedacht. Ich brauchte sie. Ich schrieb 2016 ein paar Episoden, um die Figuren wieder aufleben zu lassen und zu sehen, wie sie mit solchen Ereignissen zurechtkamen.
Und es gibt tatsächlich viel Politik im Buch, aber in cooler Weise, ohne zu bedrücken. Wie gehst du selbst damit um? Wie erhältst du deine Widerstandsfähigkeit? Nun, das war lange Zeit ein Kampf. Es gab jahrelang einfach nur schlechte politische Nachrichten. Schon morgens aufzustehen war schwierig, geschweige denn kreativ zu sein. Aber irgendwie konnte ich mich ein wenig erholen, als Biden gewählt wurde. Obwohl die Lage jetzt viel, viel schlimmer ist als in Trumps erster Amtszeit, habe ich das Gefühl, persönlich besser damit umgehen zu können. Ich verfolge die Nachrichten nicht mehr so obsessiv.
„Wir müssen zusammenarbeiten, aber wir lassen uns spalten und verlieren dadurch unsere Solidarität. Deshalb war es mir persönlich wichtig, junge Menschen verstehen zu wollen.“
Einige der Figuren sind junge Leute, die vegan, nicht binär, polyamorös oder aromantisch sind. Ich fand es faszinierend, wie du den Konflikt zwischen den Generationen darstellst. Es ist lustig, aber du machst dich über niemanden lustig. Innerhalb der Queer-Community gibt es heutzutage viel Anfeindungen und Hass. Deine Charaktere versuchen einander zu verstehen ... Was mich vor allem motiviert hat, ist meine eigene Traurigkeit über diese Kluft, die du angesprochen hast – dass ältere und jüngere queere Menschen eigentlich im selben Team sein sollten. Wir müssen zusammenarbeiten, aber wir lassen uns spalten und verlieren dadurch unsere Solidarität. Deshalb war es mir persönlich wichtig, junge Menschen verstehen zu wollen. Weißt du, es ist leicht zu sagen: „Ach, diese Kids und ihre Pronomen!“ Es ist gar nicht so schwer, ein paar neue Pronomen zu lernen. Wenn das Respekt zeigt, sollten wir das tun. Und wenn ich über die jüngeren Figuren schreibe, nähere ich mich ihnen, indem ich mir vorstelle, ich wäre in ihrem Alter.
Im Mai stellst du erstmals in Deutschland ein Buch vor. Was sind deine Erwartungen? Ja, ich freue mich sehr darauf, nach Deutschland zu kommen. Ich wurde in Deutschland gezeugt, also wird es eine Art Heimkehr sein. Mein Vater war auf einem Militärstützpunkt in einer kleinen Stadt namens Schwäbisch Gmünd stationiert.
Kennst du das SO36, wo deine Lesung stattfindet? Ich weiß nur, dass es ein richtig hipper, cooler Ort ist.
Unbedingt! Ich hoffe, sie lassen mich rein.
Alison Bechdel: „Kaputt“
Reprodukt, 272 Seiten, 24 Euro
reprodukt.com/products/kaputt
Buchpräsentation und Lesung: mit Alison Bechdel
moderiert von Manuela Kay
SO36, 28.05., 19:30
so36.com
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