Russland

LGBTI*-Aktivistin Yulia Tsvetkova: „Ich bin nicht kriminell“

17. Juli 2020 Paula Balov
Bild: Yulia Aster
Anfang Juli fanden in Berlin bereits zwei Mahnwachen für Yulias Freispruch statt

Der russischen LGBTI*-Aktivistin Yulia Tsvetkova droht eine jahrelange Haftstrafe, nur weil sie feministische Zeichnungen veröffentlicht hat. Wir sprachen mit Yulia über ihren Fall und die Repression gegen Frauen und queere Menschen in Russland

Am Freitag, den 17.07, wurde in Berlin vor der russischen Botschaft demonstriert. Zentral dabei: der Fall Yulia Tsvetkovas, deren Freispruch gefordert wird. Die 27-Jährige ist LGBT*-Aktivistin, Feministin, Künstlerin und Regisseurin. In ihren Werken thematisiert sie u. a. Geschlechterstereotypen. Im November 2019 wurde Yulia in Russland festgenommen. Wegen ein paar Zeichnungen wird sie beschuldigt, illegal Pornografie verbreitet zu haben.

Eine Kampagne von All Out, die die russischen Behörden auffordert, alle Anklagen gegen Yulja fallen zu lassen, hat bereits über 125.000 Unterschriften erreicht.

Yulia, die sich aktuell nicht mehr im Polizeigewahrsam befindet, wartet derzeit auf ihren Prozess. SIEGESSÄULE-Autorin Paula Balov hat mit ihr via Videocall gesprochen

Yulia, dir drohen bis zu sechs Jahre Haft wegen feministischer Zeichnungen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe Bilder auf Social Media in einer Online-Galerie namens „The Vagina Monologues“ veröffentlicht – abstrakte Zeichnungen von Vulven und body-positive Darstellungen von Frauenkörpern. Das habe ich gemacht, um ein Tabu zu brechen. Danach wurde ich beschuldigt, illegal Pornografie im Internet produziert und verbreitet zu haben. Im November letzten Jahres wurde ich festgenommen und warte derzeit auf meinen Prozess. Ich bin eine politische Gefangene und im schlimmsten Fall drohen mir bis zu sechs Jahre Gefängnis. In drei weiteren Anzeigen gegen mich werde ich der Propaganda „nicht-traditioneller Beziehungen“ bezichtigt. Unter anderem, weil ich Zeichnungen angefertigt habe, in denen schwule und lesbische Paare mit Kindern zu sehen sind, übertitelt mit „Familie ist dort, wo Liebe ist.“ Erst kürzlich hat mich eine der Anzeigen 75000 Rubel gekostet.

„Für viele Menschen im Westen ist es schwer vorstellbar, dass man im 21. Jahrhundert angeklagt werden kann, weil man sagt, dass Frauenkörper schön und stark sind und den Frauen selbst gehören.“

Wie, hoffst du, wird es jetzt weitergehen?

Ich habe nicht viel Hoffnung, was das Strafverfahren angeht. Weniger als ein Prozent der Gerichtsentscheidungen gehen in solchen Fällen positiv für die Angeklagten aus. Die rechtliche Grundlage in Russland, was überhaupt unter Pornografie fällt, ist sehr vage. Die Polizei kann vieles behaupten und sogenannte Expert*innen finden, die bestätigen, dass es sich hierbei um Pornografie handelt. Oft sind das Lehrer*innen oder Linguist*innen, also Menschen, die das eigentlich nicht besser beurteilen können als jeder andere. Meine Hoffnungen liegen in anderen Bereichen. Ich hoffe, dass ich viele Menschen erreichen kann und sie über meine Situation sprechen. Ich hoffe, dass ich bewegen kann, dass keiner anderen Frau, keiner anderen Person das gleiche passiert wie mir. Ich möchte das Bewusstsein dafür schärfen, wie diskriminierend Länder wie Russland mit Feminismus, Body-Positivity und LGBTI*-Rechten umgehen. Für viele Menschen im Westen ist es schwer vorstellbar, dass man im 21. Jahrhundert angeklagt werden kann, weil man sagt, dass Frauenkörper schön und stark sind und den Frauen selbst gehören. Wenn ich verurteilt werden sollte, werde ich definitiv nicht aufgeben und meinen Fall zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen. Ich bin nicht kriminell!

„Mein Fall war einer der ersten, aber mindestens zwei weitere sind mir bekannt. Das betrifft vor allem LGBTI*-Aktivist*innen und ihre Verbündeten.“

Warum bist ausgerechnet du eine Zielscheibe für die russischen Behörden geworden? Oder, anders gefragt: Wie üblich ist es in Russland überhaupt, dass Menschen wegen Pornografie anzeigt werden?

Es gibt Gesetze gegen Pornografie, aber normalerweise werden Menschen selten dafür belangt. In Russland wird haufenweise Pornografie produziert, aber die Strafverfolgungsbehörden tun nicht viel dagegen. Dass ich eine Zielscheibe bin, hat definitiv damit zu tun, dass ich mich für Frauenrechte einsetze. Es ist sehr interessant, dass sich die Regierung kaum an Pornografie zu stören scheint, in der Frauen vergewaltigt oder Kinder missbraucht werden. Aber abstrakte Zeichnungen, die Frauen ein positives Körpergefühl vermitteln und sie in ihrer Sexualität ermächten sollen, sind ein Problem. Hier kommen Anklagen dieser Art inzwischen häufiger vor. Es ist gut möglich, dass dahinter eine politische Taktik steckt: Schließlich ist es leicht, die Reputation eines Menschen mit einer Anklage wegen Verbreitung von Pornografie zu zerstören und damit hohe Gefängnisstrafen zu erreichen. Wenn das in einer Stadt geklappt hat, versucht man es danach wieder in einer anderen. Mein Fall war einer der ersten, aber mindestens zwei weitere sind mir bekannt. Das betrifft vor allem LGBTI*-Aktivist*innen und ihre Verbündeten.

„Zu sehen, dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die mich verstehen, hilft mir, das durchzustehen. Wenn diese Leute andere über die Lage der Menschenrechte in Russland aufklären, dann war mein Fall nicht umsonst.“

Weltweit sind Aktivist*innen auf deine Situation aufmerksam geworden und solidarisieren sich mit dir. Auch in Berlin wird am 17. Juli eine Demonstration vor der russischen Botschaft stattfinden. Was bedeutet das für dich?

Es bedeutet mir sehr viel. Die Leute in meiner Heimatstadt Komsomolsk am Amur verstehen die Gründe für meinen Aktivismus nicht und warum er wichtig ist. Viele Leute denken, dass es ein Verbrechen sein sollte, sich für LGBTI*- und Frauenrechte einzusetzen. Und deshalb hilft es mir, zu sehen, dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die mich verstehen – es hilft mir, das durchzustehen. Wenn diese Leute andere über die Lage der Menschenrechte in Russland aufklären, dann war mein Fall nicht umsonst.

Yulia in einem Video des Moscow Community Center für LGBTI*

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