Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft: Das beschädigte Erbe
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) ist seit Langem eine zentrale Adresse für die deutsche LGBTIQ*-Geschichte. Seit Oktober 2024 steht sie wegen Verstrickungen des ehemaligen Geschäftsführers Ralf Dose in pädoaktivistische Kreise während der 1980er-Jahre unter Druck. (SIEGESSÄULE berichtete) Der Vorwurf: Eine ehrliche Aufarbeitung wird verzögert oder kommt zu spät
Gegründet wurde die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft 1982 in Westberlin von Mitgliedern der Schwulen- und Lesbenbewegung, um eine doppelte Leerstelle zu füllen: das vergessene Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus und die wissenschaftliche wie politische Wiederaneignung des Erbes von Magnus Hirschfeld und seines Instituts für Sexualwissenschaft. Aus einer Gedenkinitiative wurde so ein Forschungsort, der Archivarbeit, historische Aufklärung und die Kritik an der jahrzehntelangen Verdrängung queerer Geschichte verband. Hirschfeld selbst stand für einen frühen, international einflussreichen Versuch, Sexualität wissenschaftlich zu erforschen und sexuelle Minderheiten gegen Diskriminierung zu verteidigen. Sein Institut für Sexualwissenschaft, 1919 in Berlin gegründet, war weltweit das erste seiner Art und wurde 1933 von den Nationalsozialisten zerstört. Die MHG setzte genau dort an: Sie wollte nicht nur erinnern, sondern die wissenschaftlichen und kulturellen Spuren dieser Tradition sichern und fortschreiben.
Zögerliche Distanzierung
Über Jahrzehnte galt die MHG als wesentlicher Teil jener Infrastruktur, die queere Geschichte überhaupt erst sichtbar gemacht hat. Gerade deshalb trifft die aktuelle Kontroverse die Institution besonders hart. Denn ihre politische Autorität beruhte nicht nur auf der Beschäftigung mit Hirschfeld, sondern auch auf einem moralischen Anspruch: historische Unterdrückung sichtbar zu machen und sexualpolitische Emanzipation mit Aufklärung zu verbinden. Wer aus dieser Tradition heraus spricht, muss sich daran messen lassen, wie konsequent er Gewalt, Grenzverletzungen und deren Verharmlosung zurückweist.
Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte steht Ralf Dose, langjähriger Geschäftsführer der MHG. Seine frühere Rolle in der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS), einer Gruppierung, die in pädoaktivistische Diskurse verstrickt war und die bis heute existiert, ist hochumstritten. Die MHG erklärte im Februar 2025, dass sie sich entschieden von jeder Form sexueller, insbesondere pädosexueller Gewalt und deren Verharmlosung distanziere. Gleichzeitig räumte sie ein, dass unter anderem Doses frühere Aktivitäten Fragen nach Mitwirkung, Duldung oder Autorschaft in einem problematischen Umfeld aufwerfen. Im April 2025 trat Dose von seinem Amt als Geschäftsführer zurück und im März dieses Jahres schließlich aus der MHG aus. Nach Berichten von Mitgliedern der Gesellschaft ist Dose jedoch nach wie vor im Hintergrund federführend.
Im Gespräch mit SIEGESSÄULE bemüht sich Geschäftsführer Andreas Pretzel nun um Schadensbegrenzung: „Es gibt keinen Zweifel an der grundsätzlichen Haltung, dass Aufarbeitung notwendig ist.“ Dose sei nicht mehr Mitglied der Gesellschaft. Er dürfe allerdings wieder in der Bibliothek arbeiten, habe also kein Hausverbot.
„Es wurde erst auf maximalen Druck reagiert und dann auch nur sehr zögerlich. ‚Wir wussten davon nichts‘ ist einfach nicht glaubwürdig.“
Birgit Bosold ist Vorstand im Schwulen Museum und Co-Kuratorin der Ausstellung „Aufarbeiten: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Zeichen von Emanzipation“, die 2023 Verstrickungen zwischen der Homosexuellen- und der Jugendbewegung mit der Pädophilenszene in den Blick nahm. Sie sieht die Entwicklung in der MHG kritisch. „Das kommt alles zu spät. Es wurde erst auf maximalen Druck reagiert und dann auch nur sehr zögerlich. ‚Wir wussten davon nichts‘ ist einfach nicht glaubwürdig. Es war ja kein Geheimnis, dass Ralf Dose zeitweise als Geschäftsführer und bis 2001 als Mitglied des Kuratoriums der AHS fungierte, und es war auch kein Geheimnis, was die AHS war.“ Bosold hätte sich gewünscht, dass die MHG spätestens nach der 2021 veröffentlichten Studie zu pädosexuellen Netzwerken in Berlin, in der die AHS als relevanter Player bereits benannt wurde, proaktiv aufgeklärt und Verantwortung übernommen hätte.
„Das war kein Nischenphänomen“
In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es starke politische Allianzen zwischen der Schwulen- und der „Pädo-Bewegung“. Die Pädos wurden als die letzte noch von Repression betroffene „Minderheit in der Minderheit“ verstanden, mit der man solidarisch sein wollte. Nach den vorliegenden Berichten ging es bei der AHS nicht um bloße theoretische Provokation, sondern um eine Entwicklung, die sich rasch auf pädophile Interessen verengte. Bosold erinnert daran, dass „Pädo-Kommerz“ Teil der schwulen Ökonomie war. „In schwulen Buchläden gehörte eine umfangreiche Auswahl mit Literatur für ‚Knabenliebhaber‘ zum festen Sortiment. Es gab Spezialvertriebe, die eine breite Auswahl pädokrimineller Darstellungen anboten. In den schwulen Medien bewarben zahllose Anzeigen und Reiseberichte Orte der Kinder- und Jugendprostitution in Westeuropa und im globalen Sextourismus.“ Und: „Das war kein Nischenphänomen. Diese Forderungen waren damals Konsens in vielen linken und linksliberalen Milieus. Auch die sich gerade gründende Partei der Grünen forderte zeitweise, das Verbot sexueller Kontakte von Kindern mit Erwachsenen abzuschaffen.“ Aber es reiche nicht, ganz allgemein auf einen „anderen Zeitgeist“ zu verweisen. Gerade für die MHG sei eine gründliche Aufarbeitung sei zentral.
„Diese Forderungen waren damals Konsens in vielen linken und linksliberalen Milieus.“
Die MHG reagierte mit Distanzierung und der Ankündigung eines Untersuchungsberichts. Zugleich zeigt der Fall, wie schwierig der Umgang mit belasteten Biografien in Institutionen der Erinnerung ist. Gerade Archive und Forschungsstellen arbeiten oft mit Personen, die historische Milieus, Bewegungen und Debatten gut kennen; dadurch entsteht nicht automatisch Schuld, aber ein besonderes Risiko der Blindheit gegenüber ideologischen Grenzverschiebungen.
Der Fall zeigt am Ende weniger die Schwäche von Erinnerungskultur als ihre Belastbarkeit. Die MHG hat über Jahrzehnte wichtige Arbeit geleistet, ohne welche die heutige Forschung zur Geschichte der Sexualwissenschaft und der frühen Homosexuellenbewegung deutlich ärmer wäre. Doch mit der aktuellen Kontroverse steht sie vor der Aufgabe, das eigene Selbstverständnis nicht reflexartig zu verteidigen, sondern zu prüfen.
Die Veröffentlichung des für Ende Mai angekündigten Gutachtens wurde auf der Website der MHG nun auf August verschoben. Dies scheint den Kritiker*innen, die eine fortlaufende Verschleppung der Aufklärung sehen, recht zu geben. Doch Geschäftsführer Pretzel sieht dies anders: „Das Gutachten wird Belege liefern für alle problematischen Zusammenhänge, die es möglicherweise gibt. Dafür können wir dann Verantwortung übernehmen und uns auf weitere konkrete Maßnahmen verständigen. Es ist gute wissenschaftliche Praxis, auf einem solchen Gutachten aufzubauen.“ In der Forschungsstelle sei man sich einig, dass dieser Prozess unumkehrbar sei.
Für eine Institution, die sich auf das Motto „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ im Geiste Hirschfelds beruft, ist das die eigentliche Bewährungsprobe. Denn Gerechtigkeit in diesem Feld heißt nicht nur Sichtbarkeit für marginalisierte Gruppen, sondern auch die Bereitschaft, belastende Verstrickungen offen zu benennen. Erst wenn das geschieht, lässt sich das Erbe Magnus Hirschfelds gegen seine Instrumentalisierung verteidigen.
Folge uns auf Instagram
#Aufarbeitung#Kritik#MHG#Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft#Pädokriminalität#Sexualisierte Gewalt