Nach dem CSD-Anschlag: „Unsere Trauer durfte kaum Trauer sein“
Nach dem Berliner CSD-Anschlag droht die Instrumentalisierung queeren Schmerzes für rassistische Politik. Madi Awadalla, Historiker*in und transdisziplinäre*r Künstler*in, fragt: Wie können wir Berlin sicherer machen für queere Menschen, ohne anderen ihre Sicherheit zu rauben?
Der Angriff auf den Berliner CSD hat unsere Community erschüttert. Ich bin immer noch traurig und wütend. Eigentlich hätte dies eine Zeit für Trauer sein sollen. Stattdessen mussten wir sofort analysieren, uns positionieren, erklären. Unsere Trauer durfte kaum Trauer sein.
Queer und arabisch/muslimisch zu sein bedeutet in solchen Momenten zuzusehen, wie ein Teil von dir gegen einen anderen ausgespielt wird. Die queerfeindliche Gewalt ist real. Ebenso real ist, wie schnell unser Schmerz für Rassismus und eine härtere Migrationspolitik benutzt wird.
Diese Gewalt ist für mich weder abstrakt noch fern. Ich weiß aber auch, was im Namen ihrer Bekämpfung möglich wurde.
Ich bin in den 1990er-Jahren in Ägypten aufgewachsen, als bewaffnete islamistische Gruppen dort sehr aktiv waren. Mein eigener Onkel wurde von einer dieser Gruppen erschossen. Diese Gewalt ist für mich weder abstrakt noch fern. Ich weiß aber auch, was im Namen ihrer Bekämpfung möglich wurde: Massenverhaftungen, Folter, Überwachung, Verschwindenlassen – ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht.
Wir müssen mehrere Wahrheiten gleichzeitig aushalten: religiösen wie politischen Extremismus und queerfeindliche Gewalt klar benennen, ohne Muslim*innen damit gleichzusetzen; nach den Bedingungen solcher Gewalt fragen, ohne sie zu entschuldigen; und dem Staat keinen Blankoscheck für Repression ausstellen, nur weil sie „Terrorbekämpfung“ heißt.
Im Alltag zeigt sich das gleiche Muster: Nach homophoben Angriffen auf der Straße wird, sobald der Täter rassifiziert ist, über Religion und „Herkunftskultur“ gesprochen, aber viel seltener über Männlichkeit, Klasse oder darüber, was es heißt, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die einem immer wieder sagt, dass man nicht dazugehört.
Homophobie gehört keiner Religion, keinem Kiez und keiner migrantischen Community. Sie entsteht in Familien, Schulen, Kirchen und Moscheen.
In Deutschland wird über race oft mit Begriffen der Migration gesprochen. Mit „Migrationshintergrund“ ist die Herkunftsfrage aber nie vom Tisch. Auch „Kultur“ erklärt dabei alles und fast nichts. Homophobie gehört keiner Religion, keinem Kiez und keiner migrantischen Community. Sie entsteht in Familien, Schulen, Kirchen und Moscheen. Auch Deutschland produziert Homophobie.
Queere Jugendarbeit statt Überwachung
Die Angst nach dem Angriff bleibt real. Gerade deshalb dürfen wir sie nicht entscheiden lassen, welche Politik danach möglich wird. Wenn wir über queere Sicherheit sprechen, wünsche ich mir nicht mehr Polizei und Überwachung, sondern Investitionen in queere Projekte, Jugend- und Antigewaltarbeit, Wohnraum, soziale Infrastruktur und Orte, an denen Menschen füreinander sorgen.
Am Tag des Anschlags wurden beim Internationalist Queer Pride queere Demonstrierende von der Polizei geschlagen und festgenommen. Diese Formen von Gewalt sind nicht gleich. Trotzdem dürfen wir nicht mit zweierlei Maß messen: die eine verurteilen und die andere als Sicherheit akzeptieren.
Unsere Sicherheit darf nicht darauf beruhen, andere unsicherer zu machen. Eine queere Politik, die dafür mehr Überwachung, Grenzen, Abschiebungen und Polizeigewalt in Kauf nimmt, ist keine Politik der Sicherheit. Sie verschiebt nur die Gewalt.
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