Sonderausstellung im Schwulen Museum

Queere Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Milieus

26. Juni 2026 Hermine Jirkowsky
Bild: Pauli Linke/Schwules Museum
Pauli Linke, „Salbung“, 2022, aus der Arbeitsreihe „Both—and, rather than either—or“

Das Schwule Museum zeigt mit der Ausstellung „Lieber glücklich als normal!“ ein Projekt, das von der 2021 gegründeten Stiftung Schwules Museum getragen wird. Am Donnerstagabend war die Vernissage. SIEGESSÄULE-Autorin Hermine Jirkowsky war dabei

Ein typischer Sonntag. Den beschreiben die vier Panel-Teilnehmenden bei der Vernissage der Ausstellung „Lieber glücklich als normal! Queere Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten“. Der Sonntag, den die vier beschreiben, beginnt jedoch nicht um 11 Uhr morgens ausgeschlafen im Bett. Nein, er startet um 8:30 Uhr mit dem Weg zur Kirche. Er dauert bei allen unterschiedlich lang, und auch die vorangegangene Woche gestaltet sich bei allen unterschiedlich. Aber eines haben die vier dennoch gemeinsam: Sie sind alle in christlich-fundamentalistischen Gemeinschaften aufgewachsen.

Seit zwei Jahren arbeiteten Sophie Rauscher und Birgit Bosold an dieser Schau. Was eigentlich als kleine Ergänzung für das Archiv des SMU gedacht war, ist in dieser Zeit zu einer ganzen Ausstellung zum Thema geworden.

Erfahrungen zeigen

Das Ziel der Ausstellung ist laut Kurator*in Sophie Rauscher: Sichtbarkeit. Im Gespräch mit der SIEGESSÄULE erklärt Rauscher: „Rückblickend würde ich sagen, eine Sache ist, die Erfahrungen erstmal zu zeigen und darüber zu sprechen.“ Die Ausstellung soll zeigen, dass auch das evangelische Christentum nicht automatisch Toleranz bedeutet. Insbesondere sei die Ausstellung aber für Menschen, die gerade in homophoben christlichen Kreisen aufwachsen und an ihrer Queerness oder ihrem Glauben zweifeln. Rauscher möchte den Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind – und dass Glaube und Queerness vereinbar sind.

Langfristig kann sich Rauscher vorstellen, auch weitere Perspektiven marginalisierter Gruppen in christlich-fundamentalistischen Kontexten aufzunehmen oder die Ausstellung zu „Queerness im Glauben“ zu erweitern und andere Glaubensrichtungen einzubeziehen.

Alle berichten offen und lebendig, was sie erlebt haben und wie sie aus ihrem alten Leben herausgefunden haben

Die Ausstellung wird auf ungefähr der Hälfte eines offenen Raumes im Schwulen Museum gezeigt. Präsentiert wird sie auf multimediale Weise. Im Mittelpunkt stehen Interviews mit den Betroffenen. Alle berichten offen und lebendig, was sie erlebt haben und wie sie heute damit umgehen, worüber sie verärgert sind und was sie bereuen, aber auch, was ihnen geholfen hat und wie sie aus ihrem alten Leben herausgefunden haben. Außerdem gibt es Fotografien von Pauli Linke, auf denen man die verschiedenen „Problematiken des Glaubens“ sieht. Pauli selbst kommt in der Ausstellung auch zu Wort.

Die verschiedenen Perspektiven erzählen davon, unter welchen Einflüssen die Protagonist*innen aufgewachsen sind und wie sich das für sie angefühlt hat. Von christlichen „Hippie-Eltern“, die Queerness als eine Art Prüfung Gottes sehen, der man widerstehen müsse, bis zu subtilen Empfehlungen, zu einer Konversionstherapie zu gehen, wird ein breites Spektrum abgedeckt.

Nicht der ultimative Widerspruch

Es dreht sich in der Ausstellung nicht alles um die Vergangenheit, die interviewten Personen berichten auch, wie es ihnen heute geht. Eine Person erzählt im Interview, dass sie manchmal immer noch Angst habe, dass die Dinge, die ihr damals erzählt wurden, stimmen könnten.

Mit der Frage „Was ist, wenn?“ beschäftigt sich ein Videoprojekt der Gruppe foggender. Dieses wurde von Stuart Beatch & i Coristi Chamber Choir vertont. Der Text des Videoprojekts unter dem Titel „Ich darf nicht wissen“ findet Worte für die eigene Queerness der Gruppe, die Kritik an der evangelikalen Weltvorstellung und den von einigen Mitgliedern der Gruppe durchlebten Schmerz.

Für mich als Schülerin aus Potsdam war die Ausstellung eindrucksvoll. Sie präsentiert ein vielstimmiges Narrativ mit Menschen, die ihren Erfahrungen Raum geben, die zeigen, dass Queerness und Glaube nicht der ultimative Widerspruch sind, wie oft behauptet wird, die aber auch zeigen, dass in vielen Gemeinden immer noch Gewaltmechanismen fest verankert sind.

Der Titel der Ausstellung ist übrigens inspiriert von Jeanette Winterson. In ihrem autofiktionalen Roman „Warum glücklich statt einfach nur normal?“ aus dem Jahr 2013 erzählt sie von ihrer Kindheit in einem streng evangelikalen Umfeld und von der Zurückweisung, der sie als junge lesbische Frau durch ihre Adoptivfamilie und die Gemeinde ausgesetzt ist. Zugleich beschreibt sie ihren Weg hinaus in ein selbstbestimmtes Leben.

Die Ausstellung ist bis zum 24. August zu sehen.

Lieber glücklich als normal! Queere Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten
Konzept: Birgit Bosold & Sophie Rauscher
Projektmanagement: Brigitte Oytoy
Kamera & Schnitt: Christopher Hewit
Beteiligte Künstler*innen: Pauli Linke, fog gender, Jay Hulme, Stuart Beatch & i Coristi Chamber Choir
Schwules Museum

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