zum ersten Mal zweitägiger CSD

Interview mit CSD Vorstand Thomas Hoffmann: Hotte Haltung?

16. Juni 2026 Selina Hellfritsch
Bild: Nikita Tchernodarov
CSD Vorstand (v. li. n. re.: Julia Miosga, Marcel Voges, Carolina Philipps, Manfred Lehmann, Thomas Hoffmann

„Haltung ist hot“, lautet das Motto des diesjährigen CSD, der zum ersten Mal an zwei Tagen stattfindet und junge Menschen motivieren möchte, Rückgrat zu zeigen und die Stimme bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl abzugeben. Wir sprachen mit Thomas Hoffmann, Vorstandsmitglied des Berliner CSD e.V., über Community-Kannibalismus und neue Schönheitsideale

Dieses Jahr findet der CSD an zwei Tagen statt. Was steckt dahinter, und habt ihr bedacht, dass ihr damit den Dyke* March kannibalisiert? Natürlich ist uns bewusst, dass es am Freitag zeitliche Überschneidungen geben wird. Gleichzeitig glauben wir nicht, dass queere Sichtbarkeit ein Nullsummenspiel ist, bei dem sich Demonstrationen gegenseitig etwas wegnehmen. Gerade international sieht man rund um große Pride-Wochenenden viele unterschiedliche Marches, Demonstrationen und Community-Events, die parallel stattfinden. In New York beispielsweise gehören verschiedene Dyke* Marches, der Drag March und viele weitere Formate selbstverständlich zur PrideWoche dazu. Die Idee dahinter ist nicht Konkurrenz, sondern maximale Sichtbarkeit für queeres Leben in all seiner Vielfalt. Genau darin sehen wir auch die Chance der zwei CSD-Tage in Berlin. Mehr Räume, mehr Begegnung, mehr Kultur, mehr politische Sichtbarkeit. Kein Entweder-oder, sondern ein größeres gemeinsames Bild. Wir unterstützen die Teilnahme am Dyke* March ausdrücklich und freuen uns über alle, die im Anschluss noch zum Brandenburger Tor kommen und mit uns das Pride-Wochenende einläuten. Dazu stehen wir auch im Austausch mit den Organisator*innen des Dyke* Marches in Berlin.

„Wir wollen dazu motivieren, Haltung zu zeigen, Widerspruch zu leisten, sich öffentlich für Demokratie, für ein selbstbestimmtes Leben und für die Rechte der queeren Community einzusetzen.“

Was wollt ihr mit dem Motto „Haltung ist hot“ ausdrücken? Wir wollen dazu motivieren, Haltung zu zeigen, Widerspruch zu leisten, sich öffentlich für Demokratie, für ein selbstbestimmtes Leben und für die Rechte der queeren Community einzusetzen. In den letzten Jahren ist das, glaube ich, vielen von uns abhandengekommen. Die Kämpfe wurden, teilweise vor Jahrzehnten, von anderen geführt, und wir haben davon profitiert. Wir sind bequem geworden. Es ist eigentlich immer nur “aufwärts” gegangen, egal, ob man sich dafür eingesetzt hat oder nicht. Doch diese Zeit ist vorbei. Die Bedrohung nimmt zu, hart erkämpfte Rechte werden zur Disposition gestellt. Wir alle müssen uns also aufraffen und Haltung zeigen. Und das ist natürlich total „hot”. Haltung nach innen und außen als das neue Schönheitsideal sozusagen.

Im letzten Jahr haben dem CSD rund 200.000 Euro Sponsorengelder gefehlt. Wie sieht es dieses Jahr aus? Wir haben weiterhin das Gefühl, dass die Zeit der großen Hauptsponsorings ein wenig vorbei ist. Trotzdem gibt es aber nach wie vor viele Unternehmen und Organisationen, die sich glaubhaft und langfristig für den Berliner CSD und seine Ziele einsetzen. Deren Budgets sind zwar etwas kleiner, dafür können wir aber viel verlässlicher und langfristiger mit diesen Organisationen zusammenarbeiten. Insofern haben wir mehr Sponsor*innen, die uns zwar mit geringeren Beträgen, dafür aber über mehrere Jahre und auch über den rein finanziellen Aspekt hinaus unterstützen. Wir sind davon überzeugt, dass dadurch viel entstehen kann und dass das langfristig eine deutlich stärkere Wirkung entfalten wird.

Durch die finanziellen Einbußen im letzten Jahr gab es die konkrete Aufforderung, für einen barrierefreien CSD zu spenden. Ist Barrierefreiheit nicht fest in der Planung inkludiert? Barrierefreiheit ist immer fest in der Planung des CSD inkludiert. Planung und Wirklichkeit passen aber leider nicht immer zusammen. Wir befanden uns letztes Jahr in der Situation, dass unsere Einnahmen unter der Planung lagen und wir uns überlegt haben, wie wir Kosten kürzen könnten. Das hätte schmerzhafte Entscheidungen notwendig gemacht. Glücklicherweise haben wir doch noch ausreichend viele Spenden und Sponsorings erhalten, wofür wir nach wie vor sehr dankbar sind. In diesem Jahr sind alle Maßnahmen zur Barrierefreiheit bereits fest finanziert. Wir arbeiten auch an einem langfristigen Inklusionskonzept, um die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen weiter zu verbessern.

„Das Gleiche gilt auch für Unternehmen und deren queere Netzwerkgruppen. Dieses Spannungsfeld ist uns durchaus bewusst, und wir versuchen innerhalb aller Organisationen die Stimmen, die sich für uns einsetzen, zu stärken.“

Die CDU ist im letzten Jahr immer wieder queerfeindlich aufgefallen, und auch der CSD-Vorstand äußerte sich unentschlossen, ob der Verband Lesben und Schwule in der Union (LSU) am CSD teilnehmen sollte. Wie so oft gilt auch hier: Das Bild ist nicht nur schwarz-weiß. Auch innerhalb der CDU gibt es Menschen, von der Berliner Landesregierung über die LSU, die zu diesen Entwicklungen Widerspruch einlegen und die sich für die queere Community einsetzen. Das Gleiche gilt auch für Unternehmen und deren queere Netzwerkgruppen. Dieses Spannungsfeld ist uns durchaus bewusst, und wir versuchen innerhalb aller Organisationen die Stimmen, die sich für uns einsetzen, zu stärken. Dabei gibt es natürlich Grenzen, die wir bei der LSU aber nicht überschritten sehen. Daher wird die LSU auch in diesem Jahr wieder am CSD teilnehmen. Wir wollen, dass der CSD ein Ort bleibt, an dem wir versuchen, mit möglichst breiten gesellschaftlichen Allianzen die Situation für queere Menschen zu verbessern.

Pride Month
2026 26.06.–25.07.

CSD Berlin
24.07., 18:00–23:00, Kundgebung am Brandenburger Tor
25.07, Demozug
csd-berlin.de Instagram @csd.berlin.pride

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