„Rassismus ist real, aktuell und tödlich“– Kommentar zum Black History Month
Der Mord an George Floyd erschütterte die Welt, doch warum brauchte es erst ein virales Video, damit viele eine Realität sehen, die für Schwarze Menschen Alltag ist? Die Historikerin Katharina Oguntoye spannt den Bogen von den Anfängen des Black History Month vor 100 Jahren zum Berliner „BLACK BASAR“ – und zeigt, warum Schwarze Geschichte das ganze Jahr über erzählt werden muss
Alles änderte sich mit der Ermordung von George Floyd († 25.05.2020). Einer von vielen grausamen Lynchmorden, die Jahr ein Jahr aus in den USA stattfinden. Aber diesmal war die ganze Welt Zeugin, und dies fast in Echtzeit – dank der jetzt immer bereiten Smartphonekameras. Sie hielten diesen unbegreiflichen Wahnsinn fest, bei dem ein Mensch verzweifelt um Luft ringt während ihm ein anderer, mit kalt grinsender Grimasse, erbarmungslos die Luft abdrückt. „I CAN’T BREATHE!“ – Was geschieht hier? Und alle fragen sich, wie ist das möglich?!
Zum ersten Mal erkennen nicht-schwarze Menschen weltweit eine Realität, die für die meisten von ihnen bis dahin nicht wahrnehmbar war.
Zum ersten Mal erkennen nicht-schwarze Menschen weltweit eine Realität, die für die meisten von ihnen bis dahin nicht wahrnehmbar war. Eine Realität, die für Schwarze Menschen ein alltäglicher Teil ihres Lebens ist. Die Androhung und Erfahrung von Gewalt – rassistischer Gewalt.
Sicher kennen viele Frauen, Homosexuelle, Behinderte und andere marginalisierte Gruppen dieses Gefühl aus erster Hand. Und doch ist es oft so, dass wir eine Tatsache erst dann ernst nehmen, wirklich begreifen, wenn sie uns selbst trifft. Eine menschliche Tragik, vor der uns nur Empathie bewahren kann.
So hat es bis zu diesem Tag im Mai 2020 gedauert, bis endlich alle erkennen konnten, was rassistische Gewalt ist und wie sie funktioniert. RASSISMUS ist real, aktuell und tödlich. „Das hast du missverstanden. Du bist zu empfindlich. Das hat er/sie nicht so gemeint. Du kannst mir das nicht unterstellen …“ All diese Ausreden waren von einem Moment auf den anderen nicht mehr valide – und entlarvt als kategorischer Ausschluss der Wahrnehmung Schwarzer Menschen, die versuchten, sich sichtbar und hörbar zu machen oder sich einfach gegen Anfeindungen zu wehren.
Diesem Tag im Mai 2020 waren Jahrzehnte aktivistischer Arbeit, Aufklärung und Analyse zahlloser Schwarzer Menschen, aber auch von Menschen ohne afrikanische Wurzeln, vorausgegangen. Dass die Erkenntnis möglich geworden war und ein tieferes Verständnis der Situation entstehen konnte, lag auch an der Vorarbeit der Graswurzelbewegungen der vorangegangenen zwei bis drei Jahrzehnte.
Die Erkenntnisse und das Bewusstsein über rassistische Strukturen erreichten die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“.
Die Analyse und Theorien der Macht- und Wirkungsstrukturen von Rassismus waren bereit und zugänglich, wenn auch noch nicht im Mainstream angekommen. Aber das ist es, was nun passierte. Die Erkenntnisse und das Bewusstsein über rassistische Strukturen erreichten die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“. Bücher, Forschung, Gruppen und Initiativen, Demonstrationen, Musikfestivals, Filme und Dokumentationen, Ausstellungen, Theater, Bildende Kunst und anderes mehr. All das trug zur Veränderung bei.
Ursprung des Black History Month
An diese unermüdlichen Vorarbeit erinnert jährlich der Black History Month (BHM). 1926, vor genau 100 Jahren, initiierte der Historiker Carter G. Woodson in der zweiten Februarwoche die „Negro History Week“ mit dem Ziel über die Errungenschaften und Beiträge African Americans zu informieren.
Bei einer großen Ausstellung in Chicago 1915, anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Abschaffung der Sklaverei, war er von dem überwältigenden Interesse an seinem Ausstellungsteil zur Schwarzen Geschichte überrascht worden. Mit anderen gemeinsam gründetet er in der Folge eine Schwarze Geschichtsinitiative und 1916 das Magazin „The Journal of Negro History“. Das Konzept der Schwarzen Geschichtswoche verbreitete sich und wurde in Bildungseinrichtungen und anderen Organisationen und Institutionen in den USA und Kanada aufgegriffen.
Im Zuge der Bürgerrechts- und der Black-Power-Bewegung in den 1970ern wurde aus der „Negro History Week“ die „Black History Week“, die 1976 offiziell zum „Black History Month“ erweitert wurde. In vielen Ländern wird der Schwarze Geschichtsmonat im Februar gefeiert, in einigen wurde der Oktober dafür ausgewählt.
Etwa 1987 wurde der Black History Month von der afrodeutschen Bewegung nach Berlin gebracht und zehn Jahre lang jährlich im ganzen Februar gefeiert. Es war ein großes Fest mit zahlreichen Seminaren und Konzerten und einem Raum zum Kennenlernen und Austauschen.
BLACK BASAR in Berlin
Als wir 2005 in dem Verein JOLIBA eine Bühne für Schwarze Künstler*innen bereitstellen wollten, die selbst in einer Stadt wie Berlin kaum Auftrittsmöglichkeiten fanden, kamen wir auf das Konzept des Black History Month zurück. Aber als kleiner Verein konnten wir uns nicht vorstellen, einen ganzen Monat zu bespielen und so entwickelten wir das Konzept des „BLACK BASAR“ – eines Black History Month an einem Tag: An einem Samstag im Februar feierten wir einen ganzen Tag lang Schwarze Menschen, ihre Geschichte und ihren Mut. Es entstand ein Raum, an dem interkulturelle Begegnung und Austausch ermöglicht wurde: Kinderprogramm, Kunstausstellung, Bücherstand, Modenschau, Film, Talk, Performance, Konzert, und leckeres afrikanisches Essen. Das Format lief zehn Jahre lang sehr erfolgreich.
Das Beispiel des „BLACK BASAR“ zeigt, wie vielfältig die Ideen sein können, um Menschen zu verbinden. Der Rassismus und die Desinformation über Schwarze Menschen und ihre Kulturen, die Nichtinformation über ihre politischen Kämpfe, ihre Leistungen in allen Feldern und ihre Beiträge zur Weltkultur, haben die Funktion, Menschen zu trennen und zu spalten.
Das Lernen über die eigene Kultur und die Kulturen der anderen ist kein pädagogisches Extra, sondern ein kreativer, befreiender Aspekt des Zusammenlebens. Neugier auf Begegnung gehört nicht ins Wahlfach, sondern in den Alltag – bei Kindern wie bei Erwachsenen. Das Fazit ist so simpel wie unbequem: Schwarze Geschichte ist kein Jahrestagsthema. Sie ist immer relevant. ALL YEAR IS BLACK HISTORY MONTH.
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